„Memento Wien“: NS-Opfer im Web

Mehr als 66.000 österreichische Juden und Jüdinnen sind von den Nazis ermordet worden. 5.000 haben bis jetzt ein virtuelles Denkmal erhalten: auf einer Website, die das Schicksal von NS-Opfern in der Wiener Innenstadt dokumentiert.

„Memento Wien“ ist ein Onlinetool, das am besten mit Smartphones und Tablets funktioniert: Mittels GPS-Positionierung und virtuellem Stadtplan macht es die letzten Wohnadressen der Opfern sowie eine Reihe von Archivdokumenten und Fotos zu Personen und Gebäuden im ersten Wiener Gemeindebezirk sichtbar.

Die Daten hat es schon zuvor gegeben. „Mit Hilfe der Georeferenzierung sind sie nun aber im Stadtgebiet leichter aufzufinden und sichtbarer“, erklärt Stephan Roth vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) gegenüber science.ORF.at. „Interessierte können so mehr über die Lebensgeschichten der Verfolgten zu erfahren.“ Das DÖW hat unter der Leitung von Wolfgang Schellenbacher die neue Website erstellt, finanziert wurde sie von Wissenschaftsministerium, Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus und Zukunftsfonds.

In Sammelwohnungen gezwungen

206.000 Menschen lebten 1938, zur Zeit des „Anschlusses“, in Österreich, die nach der Logik der „Nürnberger Rassengesetze“ als Jüdinnen und Juden galten, 5.000 von ihnen alleine in Wien–Innere Stadt. Ein Beispiel: An der Adresse Stoß im Himmel 3 stand ein Haus mit Sammelwohnungen. Das Wiener Wohnungsamt zwang Juden vor ihrer Deportation in solche meist schlechteren und kleineren Quartiere. Neben dem Stoß im Himmel 3 fanden sich solche „Judenhäuser“ im ersten Bezirk in der Marc-Aurel-Straße 5 und in der Sterngasse 11.

Benutzeroberfläche von "Memento Wien"
DÖW - Braintrust GmbH
Benutzeroberfläche von „Memento Wien“

In das Haus am Stoß im Himmel 3 wurde unter anderem die Familie des Textilkaufmanns Arthur Chat gezwungen. Seine beiden älteren Töchter, Martha und Elisabeth, konnten nach Großbritannien flüchten, die jüngste, Edith, blieb bei ihrer Familie in Wien. Sie wurde am 14. Juni 1942 aus der Wohnung Stoß im Himmel 3/8 nach Sobibor deportiert und dort ermordet.

Ihre Eltern wurden nicht einmal einen Monat später in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Arthur Chat starb dort, die Ärzte gaben eine Lungenentzündung als Todesursache an. Seine Frau Gertrude wurde am 23. Jänner 1943 nach Auschwitz überstellt und dort ermordet. Sie war eine von mehr als 90 Ermordeten, die vor ihrer Deportation den Stoß am Himmel 3 als letzte Wohnadresse hatten.

„Verstoß gegen die Kennzeichnungsvorschriften“

Ein anderes Beispiel betrifft Paul Goldstein, der ebenfalls unter der Adresse Stoß im Himmel 3 gemeldet war. Er wurde am 21. Jänner 1943 zusammen mit seiner Frau Hermine von der Gestapo wegen „Verstoßes gegen die Kennzeichnungsvorschriften“ festgenommen. Goldstein war offiziell von seiner „arischen“ Ehefrau getrennt, um die gemeinsame Wohnung nicht zu verlieren, in der das Ehepaar weiterhin zusammen lebte. Er wurde am 1. Juli 1943 in Auschwitz ermordet, seine Ehefrau überlebte die Befreiung 1945.

Paul Goldstein, 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet
Wiener Stadt- und Landesarchiv
Paul Goldstein, 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet

Die mobile Website berücksichtigt auch Opfer der politischen Verfolgung. So führt die Adresse Riemergasse 9 zu Informationen über vier Bewohner, unter ihnen der Rechtsanwalt Karl Wanner. Er wurde am 8. Februar 1943 von der Gestapo Wien festgenommen. Wanner wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt und blieb bis zur Befreiung Wiens in Haft.

Alle diese Informationen sind über „Memento Wien“ abrufbar. Die Website versteht sich nicht als abgeschlossen, sondern als Pilotprojekt. Bei weiterer Finanzierung soll sie nach und nach nicht nur den 1., sondern alle Wiener Bezirke umfassen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at; Material: APA

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