Eine „rote Gegenuniversität“ ist 70

Vor 70 Jahren wurde das Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) in Wien gegründet. Die „rote Gegenuniversität“ verschrieb sich dem geistigen Wiederaufbau des Landes nach dem NS-Regime. Heute feiert das IWK mit einer Tagung sein Jubiläum.

Im Jahr 1946 war Wien eine zerbombte Stadt. Die Bevölkerung hungerte, der Winter war kalt, es fehlte an allem. In jenem Jahr, am 12. Jänner 1946, gründete eine Gruppe Menschen aus Politik und Wissenschaft eine Institution, die weit weg davon war, Hunger zu bekämpfen. Sie setzte gleich bei den sekundären Bedürfnissen an: Bildung und Aufklärung für eine bessere Gesellschaft.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 9.11., 13:55 Uhr.

Die Förderung demokratischer Einstellungen, das war und ist das Ziel des Instituts für Wissenschaft und Kunst. Science.ORF.at hat den Politikwissenschaftler und IWK-Präsidenten Johann Dvorák um eine Bestandsaufnahme gebeten.

science.ORF.at: Der „weltanschaulichen und politischen Begrenztheit der Wiener Universität“ wollte man die Stirn bieten, so begründeten bereits 1945 der spätere Justizminister Christian Broda, damals noch KPÖ-Mitglied, und Leopold Zechner von der SPÖ die Notwendigkeit der Errichtung eines Instituts für Wissenschaft und Kunst. Was war genau das Ziel?

Johann Dvořák
Ring Österreichischer Bildungswerke, Fotograf Robert Krigovsky

Johann Dvorák: Ein Ort der freien Wissenschaft und der freien Forschung, so steht es in den Gründungsdokumenten. Das klingt für uns wie eine banale Phrase, aber wir müssen uns vor Augen halten: 1946 waren die Universitäten nach zwei Faschismen heruntergewirtschaftet. Wobei die Universitäten nicht erst im Zuge des Faschismus verrottet sind, sondern auch geholfen haben, ihn vorzubereiten. Wir wollten also wieder eine Stätte der freien Forschung schaffen - eine „rote Gegenuniversität“, wo wieder kritische Wissenschaft betrieben wird.

Heute klingt dieses Wort „Gegenuniversität“ wie ein wahnhafter Anspruch. Im Jahr 1946 war die Universität aber eine sehr kleine Angelegenheit. Die Studierendenzahlen waren erst 1959 wieder so hoch, wie sie 1913 gewesen waren. Während heute die Universität Wien einer der größten Arbeitgeber der Republik ist, war das damals wirklich eine winzige Angelegenheit.

Mit welchen Themen hat man die Ära dieser Gegenuniversität begonnen?

Solche, die an der Universität keinen Platz hatten, die musikalische Moderne und die Moderne in der Philosophie: Ernst Topitsch, Paul Feyerabend oder Viktor Kraft, der letzte Überlebende des Wiener Kreises, die waren hier tätig. Ab den 1980er Jahren wurde am IWK dann systematisch die antisemitische Vergangenheit erforscht.

Publikationshinweis

Über die Geschichte des IWK erscheint zum 70-jährigen Bestehen erstmals eine detaillierte „Geschichte der Wiener Gegenöffentlichkeit“ von der Politikwissenschaftlerin und Vizepräsidentin des IWK, Tamara Ehs. Der Text wird auf der IWK-Homepage zu finden sein und kann auf Wunsch auch zugeschickt werden (Mail an: tamara.ehs@univie.ac.at).

„Die vertriebene Vernunft“ hieß das Werk von Friedrich Stadler über Emigration und Exil österreichischer Wissenschaftler während des Nationalsozialismus. Stadler leitet heute das Institut Wiener Kreis an der Uni. Es gingen also vom IWK auch wichtige Impulse aus für die Gründung eigener Institutionen, die seither auch weiterwirken.

In Bezug auf den Faschismus haben wir uns nicht ausschließlich auf den Nationalsozialismus konzentriert, sondern zum ersten Mal auch den österreichischen Klerikalfaschismus aufgearbeitet haben. Wir haben gezeigt, welche ungeistige Atmosphäre auch schon ab 1918 gerade in den Unis existierte und welche fatale geistige Kontinuitäten aus der Zeit der 1930er Jahre, der Zeit des Klerikalfaschismus, es gegeben hat. Damals haben wir die Förderungen erst ganz verzögert bekommen, das Thema war absolut nicht gefragt damals.

Am IWK geht es um Themen, die an der Universität keinen Platz haben – welche sind das heute?

Heute nehmen wir ältere Themen immer wieder auf, denn Aufklärung muss alle zehn bis 15 Jahre für jede Generation wieder neu geleistet werden. Ein konkretes Projekt aus der Anfangszeit des IWK ist etwa Bürokratie und Demokratie - der damalige Bundespräsident Karl Renner hielt darüber einen Vortrag bei der Eröffnung des IWK 1946.

Kursprogramm des IWK von 1946
IWK
Kursprogramm 1946

Wir haben ganz aktuell wieder ein Forschungsfeld am IWK zum Thema Politik und öffentliche Verwaltung. Es geht um Analysen der Verwaltungstätigkeit und gleichzeitig auch um Staatstheorie: Was hat sich geändert am Staat in den letzten Jahrzehnten, wie müssen wir ihn heute einschätzen?

Von Beginn an steht auch das Thema Bildungspolitik im Fokus des IWK. Sie wollten anknüpfen an die Tradition der Wiener Volksbildung der Zwischenkriegszeit, den Arbeiterinnen und Arbeitern den Zugang zu Wissen ermöglichen und eine demokratische Gesellschaft schaffen.

Hier möchte ich zuallererst einen Mythos beseitigen: Die Wiener Volksbildung hat sich dadurch ausgezeichnet, dass sie eben alle Bevölkerungsschichten angesprochen hat und nicht nur Arbeiter. Man hat wissenschaftsorientierte Volksbildung betrieben, nicht herablassend gegenüber dem niederen Volk, sondern auf hohem Niveau. Das war der Gedanke einer demokratischen Wissenschaft, wo die Gelehrten und die an der Wissenschaft interessierten Laien gemeinsam an der Erforschung und Gestaltung der Welt arbeiten.

Hatten oder haben Sie eine Zuhörerschaft aus dem sogenannten Proletariat?

Wir hatten einmal in den 1980er Jahren eine Reihe über populäre Musik und dabei einen Abend über die Musikgruppe “The Kinks“ gemacht. Das war, glaube ich, das einzige Mal, wo wir ein wirklich proletarisches Publikum hatten. Da kamen wirklich junge Arbeiter – keine Frauen –, und die haben gesagt: Wir werden kein zweites Mal kommen, aber wenn es um die „Kinks“ geht, dann sind wir da. Das waren lauter Experten, die kannten sich besser aus als wir.

Wo finden die bildungspolitischen Diskussionen am IWK heute konkrete Anwendung?

Zum Beispiel in der politischen Bildung. Vor Kurzem haben wir eine Art Grundsatzprogramm entwickelt zu diesem Thema. Das ist im Ring österreichischer Bildungswerke diskutiert worden und hat Eingang gefunden in ein Grundsatzpapier, das dort als Leitlinie dient für jede weitere politische Bildungsarbeit in den nächsten Jahren.

Wie positioniert sich das IWK in der außeruniversitären Forschungslandschaft heute? Mit Institutionen wie dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Kunstuniversität Linz (IFK) und dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) gibt es Player, die in der öffentlichen Wahrnehmung doch um einiges stärker präsent sind …

Wir haben keine Moden mitgemacht. Die Postmoderne ist beispielsweise höchstens kritisch diskutiert worden, war aber nie ein Schwerpunkt. Wir geben jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit, in einem relativ kleinen und überschaubaren Feld zu forschen, aber auch Forschungsergebnisse zu diskutieren.

Davon abgesehen sind wir, mit rund 191.000 Euro jährlich an Subventionen vom Wissenschaftsministerium, dem Unterrichtsministerium und der Stadt Wien sicherlich das am Schlechtesten finanzierte Institut und können entweder Wissenschaft oder Öffentlichkeitsarbeit machen, aber nicht beides.

(Anm. Zum Vergleich: die fixen Budgets von IFK und IWM betragen mindestens 1,3 bzw. 1,4 Millionen Euro pro Jahr, mit denen u. a. eine wechselnde Schar von Fellows bezahlt wird – etwas, das es am IWK nicht gibt.)

Warum steht das IWK subventionsmäßig so viel schlechter da als andere?

Wir sind ein sehr altes Institut mit einer bestimmten Tradition und einem geringen Anfangsbudget, das dann von Kürzungen besonders massiv betroffen ist. Es gab immer wieder Diskussionen, ob man uns nicht umwandeln soll: in Dienstleister für die Universität, die Wiener SPÖ oder andere. Das waren aber immer Zeiten, wo wir meiner Meinung nach geistig nicht gerade geblüht haben. Andere Institutionen wurden von Beginn an – und in einer anderen politischen Zeit – mit mehr Budget ausgestattet.

2011 hat die damalige Ministerin Beatrix Karl dann zweierlei politische Verbrechen begangen: Sie hat nicht nur den außerordentlichen Instituten das Budget massiv gekürzt, sondern auch die Förderung der Publikationen gestrichen, was mindestens ebenso schlimm war. Wir haben uns dann mit der Universität in Kooperation begeben, ein Zustand, mit dem wir nicht sehr glücklich sind.

Wofür wird das IWK in weiteren 70 Jahren stehen?

Wir haben uns nie ablenken haben lassen durch Modeerscheinungen, sondern uns diesem alten und jahrhundertelangen Projekt der Aufklärung verschrieben. Eine Aufklärung, die nicht nur in der Theorie erfolgt, sondern auch abzielt auf gesellschaftliche Gestaltung. Das würde ich auch für die Zukunft so sehen.

Hanna Ronzheimer, Ö1 Wissenschaft