Am Puls der Taikonauten

Nach der bisher längsten bemannten chinesischen Mission kehren die beiden Taikonauten demnächst auf die Erde zurück. Wie sich der Aufenthalt körperlich auswirkt, wurde auch mit einem Gerät aus der Steiermark untersucht: Es analysiert jeden einzelnen Herzschlag.

Bei einer Videoübertragung aus dem chinesischen Weltraumlabor Tiangong-2 erklärt einer der beiden chinesischen Raumfahrer, Jing Haipeng, dem chinesischen Fernsehpublikum, warum sein Alltagsanzug so kompliziert aussieht und so viele Reißverschlüsse hat. Das erleichtere ihm nämlich, die verschiedensten Geräte zu verwenden beziehungsweise anzulegen, mit denen die Taikonauten ihre Gesundheit überwachen.

Jeder Herzschlag zählt

Beim handlichen Messgerät aus der Steiermark ist das gar nicht so kompliziert: Dafür reichen einfach zwei freie Finger an einer Hand. Daran misst das sogenannte CNAP-Gerät eine Blutdruckkurve, also nicht wie die üblichen Manschetten den momentanen Blutdruck, sondern dessen Veränderungen bei jedem einzelnen Herzschlag.

Chinesische Taikonauten Jing Haipeng und Chen Dong in der Raumstation
APA/Ju Zhenhua
Die beiden Taikonauten Jing Haipeng und Chen Dong im Weltraumlabor

Die Software sei das eigentliche Herz der Technologie, erklärt Jürgen Fortin von CNSystems - jene Grazer Firma, die das Gerät entwickelt hat. Sie errechne aus den Daten noch einiges mehr: Man könne ablesen, wie sich der Blutdruck von einem Herzschlag zum nächsten verändert. Je nachdem, ob er steigt oder fällt, könne man aus den Schwankungen auch ableiten, wie das vegetative Nervensystem funktioniert, d.h. die unbewusste Steuerung des Herz-Kreislauf-Apparates.

Es ist sogar möglich, genau zu berechnen, wie viel Milliliter Blut das Herz pro Herzschlag auswirft, erklärt der Biomedizintechniker Fortin. Man überwache den Zustand des Herz-Kreislaufapparates insgesamt und live, die mechanischen Funktionen genauso wie die vegetative Kontrolle.

Stresstests und OP-Überwachung

Welche Experimente die Chinesen damit im All genau durchführen, weiß Fortin nicht, aber es ist nicht das erste Mal, dass das Gerät bei der Raumfahrt zum Einsatz kommt, erzählt Fortin: „Wir haben schon einmal so etwas Ähnliches für die Russen gebaut. Die wollten damit testen, welcher Astronaut gerade am stressfreisten ist, um Andockmanöver zu fahren.“ Und auch die NASA hatte das Gerät schon im Einsatz – oder vielmehr einen Vorläufer davon – sie waren sogar die ersten Kunden und haben es in der Auswahl von Astronauten verwendet.

Messgerät für Herz-Kreislaufsystem
CNSystems
Das Messgerät

Eingesetzt wird das Gerät aber auch bei Operationen in einigen österreichischen und auch deutschen Krankenhäusern. So könne man überwachen, ob sich etwas am Gesundheitszustand des Patienten ändert, um möglichst schnell darauf reagieren zu können. Häufig reiche es schon, rechtzeitig Wasser zu verabreichen.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 10.11. um 13:55.

Die Alternative dazu ist eine arterielle Sonde - also ein invasive Methode der Überwachung – die zwar noch zusätzliche Daten messen kann, aber oft würden diese gar nicht gebraucht. Die nicht invasive Methode der Grazer helfe dabei, Folgekomplikationen von Operationen deutlich zu minimieren, so Fortin - um mindestens ein Drittel. Das könne natürlich auch Folgekosten sparen – mit diesem Argument möchte er gerne mehr Krankenhäuser davon überzeugen, das Gerät anzuschaffen.

Von der Uni ins All

Entwickelt hat Fortin die Grundlagen für die Überwachung von Blutdruckkurven übrigens im Rahmen seiner Doktorarbeit an der TU Graz, aufbauend auf einem bereits bestehenden Gerät. Dass er daraus eine Firma gemacht hat, sei weniger geplant gewesen, sondern einfach passiert. Die Anfänge habe er aber der öffentlich geförderten Forschung zu verdanken.

In der Doktorarbeit ging es übrigens weder um die Raumfahrt noch um den Operationssaal, sondern um ungeklärte Bewusstseinsverluste. Man wollte abklären, warum jemand bewusstlos geworden ist, und wissen, ob es wieder passieren kann. Laut Fortin sei Österreich bei der Diagnostik dieser Zustände mittlerweile Weltklasse.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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