Warum Leibniz ein Fan von China war

Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Universalgelehrter mit hoher Achtung vor fremden Kulturen – speziell der chinesischen. Wie es dazu gekommen ist, klärt der chinesische Philosoph und Leibniz-Kenner Wenchao Li in einem Interview.

„Was mich an Leibniz ganz besonders fasziniert, ist sein tiefgreifendes Interesse am Anderen, am Fremden und sein Engagement für das Allgemeinwohl“, sagt der chinesische Philosoph Wenchao Li von der Universität Hannover gegenüber science ORF.at. Li war vergangene Woche Gast eines Symposions in Wien, das anlässlich des 300. Todestages von Leibniz am 14.11. stattgefunden hat.

Die Beziehung des Individuums zum Anderen ist für Leibniz ein wesentlicher Aspekt, der sowohl als Kompass für das private Leben, für den Bereich des Politischen und für den Umgang mit anderen Kulturen dienen kann. Leibniz fordert jeden Einzelnen dazu auf, sich zu bemühen, die Denk - und Handlungsweisen des Anderen zu verstehen.

Empathie öffnet die Fenster der Monade

In seinem metaphysischen Konzept bestimmt Leibniz das Individuum als Monade, „als Einheit in der Vielheit“. Eine Monade ist für Leibniz eine einfache Substanz, ein in sich abgeschlossener Mikrokosmos, der jedoch nicht - wie das Atom - als materielle Einheit zu verstehen ist. An die Stelle des toten und kraftlosen materiellen Punktes tritt ein Ich-Punkt, - ein seelisch-geistiges, mit einem intensiv mannigfaltigen Eigenleben ausgerüstetes Kraftwesen, das das gesamte Universum widerspiegelt. Weil die Monaden Substanzen sind, folgt: Die Monaden haben keine Fenster, durch die etwas hinein- oder heraustreten kann.

Chinesischer Schriftzug von "Monade"
Lukas Wieselberg, science.ORF.at
Chinesischer Schriftzug von „Monade“, aufgezeichnet von Wenchao Li

Es stellt sich die Frage, wie es nun möglich ist, dass die solipsistischen Monaden miteinander kommunizieren. Wenchao Li gibt eine überraschende Antwort: Die Kommunikation erfolgt durch die Empathie -„durch das Glück, den Anderen zu finden“ oder - um mit Leibniz zu sprechen - „Empathie ist die innere Einstellung, in der wir uns am Glück oder an der Glückseligkeit eines Anderen erfreuen“. In der Empathie wird die individuelle Selbstbezogenheit der Monade aufgebrochen, die Fenster der Monade sind weit geöffnet.

„Wir können nur glücklich sein, wenn unsere Mitmenschen glücklich sind“: Wenchao Li betont den Aspekt, dass man, indem man am Wohlergehen des Anderen, des Fremden, Freude hat, das eigene Glücksgefühl steigert. Die Empathie ist für Leibniz die Basis aller echten Menschenliebe - die Voraussetzung für ein harmonisches Zusammenleben, das von einem Verantwortungsgefühl für den Anderen geprägt ist.

Leibniz-Denkmal an der Universität Leipzig
Randy Kühn / Universität Leipzig

Veranstaltung, Literaturhinweise und Links

Anlässlich seines 300. Todestages widmete die Österreichische Akademie der Wissenschaften Leibniz vergangene Woche (3. bis 4. November) das internationale Symposion “Leibniz heute lesen“. Es wurde von der in Wien emeritierten Philosophin Herta Nagl-Docekal und dem in Hannover lehrenden Philosophen Wenchao Li konzipiert. Ein zentrales Thema war „Leibniz und „die Perspektive des Anderen“. Nikolaus Halmer hat darüber mit Wenchao Li gesprochen.

Literaturhinweise

Gottfried Wilhelm Leibniz: Philosophische Werke Band 1: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie I,
Schriften zur Logik und Methodenlehre, zur Mathematik, zur Phoronomie und Dynamik, zur geschichtlichen Stellung des Systems und zur Biologie und Entwicklungsgeschichte, Meiner Verlag
Philosophische Werke Band 2: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie II - Schriften zur Monadenlehre und zur Ethik und Rechtsphilosophie, Meiner Verlag
Philosophische Schriften. - Band 1: Kleine Schriften zur Metaphysik. Philosophische Schriften. Französisch und deutsch
Kleine Schriften zur Metaphysik/Die Theodizee/Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand/Schriften zur Logik und zur philosophischen Grundlegung von Mathematik und Naturwissenschaft, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 1264

Sekundärliteratur

Eike Christian Hirsch: Der berühmte Herr Leibniz. Eine Biographie, C.H. Beck Verlag
Manfred Geier: Leibniz oder Die beste der möglichen Welten, rowohlt rotation
Wenchao Li/Simona Noreik (Herausgeber): G.W. Leibniz und der Gelehrtenhabitus, Böhlau Verlag
Michael-Thomas Liske: Gottfried Wilhelm Leibniz, Beck Verlag
Hans Poser: Leibniz´ Philosophie. Über die Einheit von Metaphysik und Wissenschaft, Meiner Verlag

Links

Engagement für das Gemeinwohl

Neben den Ausführungen über den konkreten Anderen war laut Wenchao Li das Nachdenken über das Gemeinwohl für Leibniz von zentraler Bedeutung. Er verfasste Schriften über die Einrichtung von Waisenhäusern, über eine Feuer- und Rentenversicherung und die kostenlose medizinische Versorgung von Armen.

Er plädierte für ein Zentrum für menschliche Anatomie, in dem möglichst detaillierte Krankheitsberichte gesammelt werden sollten, sprach sich für eine Art von Alternativmedizin aus und trat für ein Bierreinheitsgesetz ein. Der Grundsatz von Leibniz lautete: „Je sehnlicher und ernsthafter man das Gemeinwohl fördert, desto mehr wird man für das eigene Glück sorgen“.

Kulturen des Anderen: China

Das Engagement von Leibniz für den Anderen beschränkte sich nicht nur auf den europäischen Kontext, wie Wenchao Li betont, sondern erstreckte sich auch auf außereuropäische Kulturen, speziell auf China. Zeit seines Gelehrtenlebens setzte sich Leibniz in Briefen und in der 1697 publizierten Schrift „Novissima Sinica“ mit der chinesischen Kultur auseinander. Er bezeichnete China als das „Europa des Ostens“ und brachte den Leistungen der chinesischen Gelehrten große Hochachtung entgegen.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 11.11., 19:05 Uhr.

„Aber wer hätte geglaubt, dass es auf dem Erdkreis ein Volk gibt, das uns, die wir doch nach unserer Meinung so ganz und gar zu allen feinen Sitten erzogen sind, gleichwohl in den Regeln eines noch kultivierteren Lebens übertrifft? Und dennoch erleben wir dies jetzt bei den Chinesen, seitdem jenes Volk uns vertrauter geworden ist“, schrieb Leibniz.

Leibniz-Denkmal im Leibnizforum an der Universität Leipzig
Christian Hüller / Universität Leipzig
Leibniz-Denkmal im Leibnizforum an der Uni Leipzig

Für einen produktiven Wissensaustausch

„Leibniz hat immer wieder darauf hingewiesen, dass wir zu wenig über Sprache, Geschichte, Philosophie, Literatur und Menschen in China wissen, um sichere Urteile zu fällen“, betont Wenchao Li. Er selbst versteht sich auf Grund seiner Herkunft und seines Philosophiestudiums in Deutschland als Vermittler der beiden Kulturen und plädiert für einen produktiven Wissensaustausch, der zu einem besseren Verständnis der jeweiligen Kultur beitragen soll.

In seiner Argumentation folgt Wenchao Li der Forderung von Leibniz, nicht den kommerziellen Handel mit Rohstoffen und Waren in den Mittelpunkt der beiden Kulturen zu stellen, sondern den wissenschaftlichen Erkenntnisaustausch in Theorie und Praxis. „Austausch, lernen, profitieren, so dass dadurch etwas Vorzügliches, Vernünftiges für beide Seiten herauskommt“, propagierte Leibniz.

Schriftzug von Leibniz
Leibniz-Gemeinschaft

Biografie Gottfried Wilhelm Leibniz

Geboren wurde Gottfried Wilhelm Leibniz am 1. Juli 1646, er promovierte bereits mit 20 Jahren in Altdorf bei Nürnberg zum Doktor der Rechte. Bald darauf trug man ihm eine Professur an, die er jedoch ablehnte. Auf Grund verschiedener Empfehlungen trat er in den Dienst des geistlichen Kurfürsten von Mainz, Johann Philipp von Schönborn, der im politischen Leben der damaligen Zeit eine wichtige Stellung einnahm. Als Gesandter nützte Leibniz alle Möglichkeiten, seine Vorstellungen von den Aufgaben eines politischen Beraters in die Praxis umzusetzen. Seine politischen Ambitionen führten ihn auch nach Paris, wo er die Gelegenheit nützte, führende Wissenschaftler und Philosophen seiner Zeit kennenzulernen. Die philosophische und wissenschaftliche Arbeit von Leibniz litt unter seinen zahlreichen Projekten und den politischen Beratertätigkeiten an verschiedenen europäischen Höfen. Zahlreiche kleinere Arbeiten erschienen zwar in Fachzeitschriften, eine zusammenfassende Darstellung kam jedoch nicht zustande. Nach längerem Leiden verstarb Leibniz am 14. November 1716.

Biografie Wenchao Li

Der 1957 geborene Wenchao Li studierte Germanistik, Philosophie, Linguistik und Politologie in Xi’an, Peking, Heidelberg und Berlin, wo er promovierte und sich habilitierte. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Schriften von Leibniz, die Geschichte europäischer und chinesischer Philosophie sowie Wissenschafts- und Technikphilosophie. Seit 2010 ist Wenchao Li Leibniz-Stiftungsprofessor der Leibniz Universität Hannover.

Chinesische Wissenschaft - rein empirisch?

Leibniz war davon überzeugt, dass die Chinesen mehr empirisch-praktische Kenntnisse als die Europäer besaßen. Er bezog sich dabei auf die chinesische Medizin, die Akupunktur, die Arzneimittelkunde und auf die Kunst, einen Staat zu regieren. Die Europäer wären jedoch in der Theorie, speziell der Philosophie überlegen, die sie seit der griechischen Antike kontinuierlich ausgebildet hatten.

Dieser Einschätzung von Leibniz widerspricht Wenchao Li: „Dass in China die Theorie fehlt, kann ich nicht nachvollziehen; sie ist nur sehr abstrakt und schwer zugänglich“.

Das Buch der Wandlungen

In der chinesischen Kultur vermeinte Leibniz eine Analogie zu dem von ihm 1679 entwickelten binären Zahlensystem zu finden, das nur zwei Zahlen verwendet; nämlich 1 und 0. Er bezog sich dabei auf das legendäre Buch „I Ging“ (auch „Yi Ching“) - das „Buch der Wandlungen“. Es basiert auf einem Zeichensystem, das ebenfalls auf zwei Zeichen beruht; auf einer durchgezogenen und einer geteilten Linie.

Diese Linien drücken die Gegensätze Yin und Yang aus, also etwa den Himmel und die Erde oder das Lichte und Dunkle. Diese Linien werden kombiniert und mit Kommentaren versehen. Leibniz verstand das „I Ging“ als mathematisches Buch; was nicht den Tatsachen entsprach, wie Wenchao Li ausführt: „Es war vielmehr ein Weisheitsbuch, das im China des ersten vorchristlichen Jahrtausends dazu diente, archetypische Situationen des Lebens und des Kosmos abzubilden.“

“Ketzerische“ Gedanken

Die chinesische Kultur war auch ein wichtiges Gesprächsthema, das Leibniz mit Prinz Eugen von Savoyen während seines zweijährigen Aufenthalts in Wien erörterte. Zwischen 1712 und 1714 kam es immer wieder zu Tischgesprächen, in denen die jesuitische China-Mission und die Lehren des Konfuzius erörtert wurden.

Wenchao Li erwähnt einen Vortrag von Leibniz, in dem er einen beinahe ketzerischen Gedanken geäußert hatte „dass nämlich nicht wenige barbarische und nicht christliche Völker und Kulturen gewisse grundlegende Glaubenssätze des Christentums erkannt und praktiziert hätten, so die Schöpfungslehre, die Unsterblichkeit der Seele und selbst die Trinität.“

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

Mehr über Philosophie: