„Techno sapiens“ führt zu Konflikten

Prothesen, die Körperteile ersetzen, Pillen, die besser denken lassen: Homo sapiens wird immer mehr zum „Techno sapiens“. Und das birgt gesellschaftliches Konfliktpotenzial, meint der Technikfolgen-Experte Michael Nentwich.

Nentwich leitet das Institut für Technikfolgen-Abschätzung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, wo man versucht herauszufinden, wie man die Entwicklung der Technik sozialverträglich gestalten kann. In einem Interview spricht er sich für die Freiheit der Forschung aus – und dagegen, dass man alles erforscht, was man auch erforschen kann.

Wie kann man etwas, das noch in den Kinderschuhen steckt, in seiner Auswirkung beurteilen?

Porträtfoto des Technikexperten vom ITA Michael Nentwich
ORF/Peppo Wagner Filmproduktion

Michael Nentwich

Michael Nentwich: Je weiter fortgeschritten eine Technologie ist, desto deutlicher sind mögliche Auswirkungen sichtbar. Gleichzeitig nimmt aber die Möglichkeit ab, steuernd und regulierend einzugreifen - weil bestimmte Entscheidungen bereits gefallen sind. Umgekehrt, wenn man sehr früh dran ist, dann sind genau diese Auswirkungen noch nicht sichtbar und eher hypothetischer Natur. Aber zu diesem Zeitpunkt könnte man noch sehr viel verändern, weil die Technologie ja noch gar nicht existiert. Hierbei handelt es sich um das sogenannte „Collingridge Dilemma“, das im Prinzip nicht auflösbar ist. Meine Antwort auf das Dilemma ist, sich lieber zu früh als zu spät mit einer neuen Technologie auseinanderzusetzen.

Welche Rolle spielt „das Menschsein“ bei Ihren Betrachtungen?

In der Technikfolgen-Abschätzung wird über Technologien nachgedacht, mit denen wir heute alle leben: Energietechnologien, Gentechnik, synthetische Biologie. Da gibt es viele Berührungspunkte zum Menschsein. Zum Menschen als kommunikatives Wesen, zum Menschen als lebendiges Wesen, das gesund bleiben möchte, das sich vielleicht verbessern möchte. Wir haben uns in der letzten Zeit etwa viel mit Neuro-Enhancements und Nanotechnologien beschäftigt. Wobei man dazu sagen muss, dass hier in vielen Fällen von Visionen die Rede ist, die noch weit weg sind. Vieles wird auch noch viele Jahrzehnte nicht in der Form machbar sein.

Humanoider Roboter
ORF/Peppo Wagner Filmproduktion

Sollte man Forschung mehr kontrollieren?

Sendungshinweis

Peppo Wagner ist Regisseur des Films „Techno Sapiens – Die Zukunft der Spezies Mensch“, der am 16. November um 20:15 auf 3sat ausgestrahlt wurde.

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Gerade diese Forschung findet in einem sehr kreativen, freien Umfeld statt. Erst dann funktioniert sie. Man kommt auf gute Ideen, wenn man frei ist. Deswegen ist auch die Freiheit der Forschung sehr wichtig. Nichtsdestotrotz, ich persönlich würde sagen, dass auch die Grundlagenforscher im Prinzip die Verantwortung haben, als Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft Auswirkungen mitzudenken und nicht einfach völlig losgelöst alles zu machen. Das kann auch zur Folge haben, dass selbst Grundlagenforschung nicht durchgeführt werden sollte, wenn man sich dessen schon klar ist, dass etwas in eine unerwünschte Richtung führt.

Was ist die Haupttriebfeder für den rasanten Fortschritt?

Wahrscheinlich der Spieltrieb. Man will einfach Dinge ausprobieren und etwas Neues schaffen. Das steckt in der Natur des Menschen. Mindestens ebenso wichtig ist das Profitstreben. Aus den meisten dieser Technologien kann man ja Geld machen. Und das dürfte bei vielen Leuten eine wesentliche Antriebsfeder sein.

Werden wir mit mehr Technik zu weniger Mensch?

Nein, das glaube ich nicht. Der Mensch ist ein durch und durch technisch affines Wesen. Das zeichnet uns, glaube ich, sogar aus. Man muss es sogar auf die Spitze treiben: umso mehr Technologie, umso mehr Mensch. Das heißt nicht, dass es immer gut ist. Und auch nicht, dass es in jeder Hinsicht gut funktioniert, aber das Menschsein an sich ist mit der Technik verknüpft.

Künstliche Hand des ohne Unterarm geborenen Sozialpsychologen Bertolt Meyer
ORF/Peppo Wagner Filmproduktion
Künstliche Hand des ohne Unterarm geborenen Sozialpsychologen Bertolt Meyer

Sehen Sie trotzdem gewisse Grenzen?

Gerade bei Verbesserungen oder Veränderungen der Menschen durch Technologie, die sozusagen unter die Haut geht, muss man genau betrachten, was diese Technologie kann. Stellt sie einen Zustand, der vorher war, wieder her, oder geht es um eine Verbesserung? Etwa wenn jemand eine Behinderung hat, eine Gliedmaße verliert, schlecht hört etc. und man „wiederherstellt“. Das ist eine ganz andere Sache als die Idee einer Verbesserung.

Den Menschen selbst zu verbessern, indem zum Beispiel der Arm, der vorher amputiert werden musste, durch eine Maschine ersetzt wird, die 1.000-mal mehr kann als der vorherige Arm: Das ist ein ganz großer Unterschied. Und zwar nicht deswegen, weil es grundsätzlich unzulässig wäre, sich zu verbessern - aus ethischen Gründen kann man das nicht argumentieren - sondern deswegen, weil es gesellschaftlich ganz massive Konsequenzen haben kann.

Denn es ist klar, dass viele von diesen Technologien sehr teuer sein werden. Das heißt, dass sie sich bei Weitem nicht alle leisten können werden. Das wird sehr große Unterschiede in der Gesellschaft hervorrufen. Manche Leute werden davon profitieren können und manche nicht. Das ist sehr konfliktreich. Darin sehe ich eine ganz große Herausforderung für die Menschheit, diese Unterscheidung zuerst gut zu reflektieren, bevor man so einen Schritt geht.

Führt Technologisierung prinzipiell zu gerechteren oder ungerechteren sozialen Verhältnissen?

Technologie kann sehr vieles. Sie kann tatsächlich Gesundheit fördern und Krankheiten bekämpfen. Oder dazu beitragen, dass Armut verringert wird und man sich gegen Naturgewalten schützen kann. Auf der anderen Seite müssen wir aber sehen, dass Technologien auch genau das Gegenteil bewirken können. Sie können auch dazu beitragen, dass zum Beispiel Armut verstärkt wird, weil einfach Mechanismen ins Spiel kommen, die unvorhergesehene Nebenwirkungen haben.

Peppo Wagner

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