Warum Ehrgeiz Frauen schadet

Hillary Clinton hat nicht zuletzt deshalb die US-Wahl verloren, weil sie eine Frau ist. Denn Ehrgeiz von Frauen kommt nicht gut an. Das meint Ute Gerhard, die vor fast 30 Jahren die erste Professorin für Frauenforschung in Deutschland wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpften die Suffragetten für das Frauenwahlrecht. Heute, rund einhundert Jahre später, können Frauen zwar politisch mitbestimmen, in der Politik selbst sind sie jedoch nach wie vor unterrepräsentiert. Und auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen, herrsche nach wie vor keine Gleichberechtigung, kritisiert die Rechts- und Sozialwissenschaftlerin Ute Gerhard. Diese Woche war sie zu Gast an der Universität Wien.

science.ORF.at: Sie setzen sich seit Jahrzehnten für Frauenquoten ein, auch in der Politik. Ist das nach wie vor notwendig?

Ute Gerhard: So lange Frauen nicht von alleine in diese Positionen kommen, solange es de facto keine Gleichstellung gibt, brauchen wir Quoten. Bei den deutschen „Grünen“ gibt es beispielsweise schon lange eine solche Quote und dort ist der Frauenanteil auch wesentlich höher als in anderen Parteien.

Die Frauenforscherin Ute Gerhard bei einem Vortrag an der Uni Wien
Sara Vorwalder

Die Rechts- und Sozialwissenschaftlerin Ute Gerhard war von 1987 bis 2004 Professorin an der Universität Frankfurt a.M., auf dem ersten Lehrstuhl für Frauenforschung in Deutschland. Diese Woche war sie Gast am Referat für Genderforschung der Universität Wien im Rahmen der Verleihung der Gender and Agency Forschungspreise 2016.

Solche Quoten werden von vielen kritisiert, auch von Frauen. Wie erklären Sie sich das?

Es gibt viele Frauen, die Angst davor haben, eine Stelle wegen der Quote zu bekommen. Ich halte das für ein Missverständnis. Denn bei der Quote handelt es sich um ein gewaltfreies Rechtsmittel, das nur durch politischen Konsens möglich wird. Und es ist doch ganz klar, dass wichtige Positionen nicht nur aufgrund von Leistung vergeben werden, sondern wegen Verbindungen.

Haben Frauen keine Verbindungen?

Dieses Empfehlungssystem, das Männer haben, wenn sie sich ihren Nachwuchs heranziehen, das haben wir Frauen bisher nicht. Selbst in der Wissenschaft können wir feststellen, dass es keine Frauennetzwerke gibt. Es gibt zwar heute mehr Professorinnen als früher, aber die fördern nicht gezielt den weiblichen Nachwuchs. Und das ist eigentlich sehr bedauerlich.

Frauen in Spitzenpositionen sind nicht nur in der Wirtschaft und Wissenschaft selten, sondern auch in der Politik. Bei der US-Präsidentenwahl hat gerade eine Frau gegen einen Mann verloren. War das auch eine Frage des Geschlechts?

Ich bin fest davon überzeugt. Es ist auch interessant, welche Gründe jetzt für Hillary Clintons Scheitern angeführt werden. Viele davon haben einen sexistischen Hintergrund oder sind einfach Klischees. Frauen in der Politik werden härter beurteilt als Männer - das zeigte sich etwa beim medialen Umgang mit ihrer Email-Affäre. Und sie wurde durchwegs als ehrgeizig und verbissen dargestellt.

Dürfen Frauen nicht ehrgeizig sein?

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 18.11., 13:55 Uhr.

Es gibt zumindest genug Menschen, die das negativ beurteilen. Kämpfen Frauen für ihre Rechte, werden sie vielfach angefeindet. Das hat eine lange Tradition in unseren Breiten, die noch auf die Zeit der Suffragetten zurückgeht. Das erscheint vielen als egoistisch oder eben ehrgeizig. Frauen werden immer als ehrgeizig bezeichnet, wenn sie etwas anstreben. Männern bleiben solche Urteile erspart.

Sie haben 1987 die erste Professur für Frauenforschung in Deutschland erhalten. Wie schwierig war das?

Das war schon das Ergebnis eines langjährigen Kampfes mit der Universität Frankfurt, der in den 1970ern begonnen hat. Es ging eben nicht nur darum, Frauen prinzipiell in der Wissenschaft zu verankern, sondern auch ihre Themen. Und um die universitäre Situatuon zu verändern, gab es zahlreiche Protestaktionen, Sit-Ins und so weiter. Als es den Lehrstuhl dann schließlich gab - das war eine politische Entscheidung der rot-grünen Landesregierung -, da war die Euphorie dann groß.

Wie war die Stimmung damals?

Prinzipiell positiv, aber meine erste Vorlesung war extrem überlaufen. Und da forderten einige Frauen, man möge die Männer von der Vorlesung ausschließen, weil sie so lange dafür gekämpft hatten. Aber dafür bin ich Juristin genug, um zu wissen, dass man sich hier nicht ins Unrecht setzen darf. In einer Demokratie ist Minderheitenschutz wichtig, und in dieser Vorlesung waren Männer in der Minderheit. Und das konnte ich dann in langen Verhandlungen erreichen, dass wir die Männer nicht ausschließen.

Es gibt auch einige Berufssparten, in denen Männer die Minderheit stellen, etwa in Pflegeberufen oder der Kindergartenpädagogik. Sollte es hier Männerquoten geben?

Das sind ja typischerweise Tätigkeiten, die in sogenannten feminisierten Berufsfeldern liegen. Viele haben ihren Ursprung in früher unbezahlten, häuslichen Tätigkeiten. Männer hier zu fördern, halte ich nicht für notwendig. Diese Berufe müssen insgesamt aufgewertet werden, durch höhere Löhne und andere Formen der Anerkennung. Dann kommen die Männer von alleine.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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