Luther, Reformator der Wissenschaften

Luther und die Folgen: Die Reformation führte nicht nur zur Spaltung des Christentums - sie wandelte auch die Wissenschaft, schreibt der Theologe Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag. Ein Auszug aus seiner Rede zur Verleihung des Wilhelm-Hartel-Preises.

Die Reformation, derer 2017 zum 500. Mal gedacht wird, war ein kirchlicher, gesellschaftlicher und geistiger Aufbruch, dessen Ausstrahlungen und Wirkungen bis ins Heute reichen. Über den Einfluss der Reformation auf Entstehung und Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft herrschen freilich gegenteilige Ansichten.

Porträtfoto von Ulrich Körtner
Ulrich Körtner

Der Autor

Ulrich H.J. Körtner ist Direktor des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie sowie des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien.

Körtner erhielt kürzlich für seine fächerübergreifenden Forschungen im Bereich Theologie, Medizin- und Bioethik den Wilhelm-Hartel-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dieser Text ist ein Auszug seiner Rede anlässlich der Preisverleihung am 13. Dezember.

Evangelische Kirchen und evangelische Theologie schätzen den Anteil der Reformation herkömmlicherweise hoch ein. Eingängig ist die Formel von der Reformation als Freiheits- und Bildungsbewegung mit Philipp Melanchthon als Praecteptor Germaniae an ihrer Spitze. Gern wird auch auf die Impulse der Reformation für die Bibelexegese und damit für das Entstehen der neuzeitlichen Textwissenschaften verwiesen.

„In schwere Kämpfe hineingerissen“

Ernst Troeltsch, einer der Vordenker des modernen Kulturprotestantismus, vertrat dagegen die Ansicht, der Epochenschwelle der Aufklärung sei ein erhebliches Eigengewicht beizumessen, nicht nur auf dem Gebiet der Bibelexegese, sondern für die protestantische Theologie und ihr Verhältnis zu den modernen Wissenschaften insgesamt.

Nach seinem Urteil ist ein großer Teil der Grundlagen der modernen Welt in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst völlig unabhängig vom Protestantismus entstanden.

Die moderne autonome Wissenschaft sei „aus dem Protestantismus nicht geboren, sondern nur mit ihm verschmolzen und hat ihn vom ersten Augenblick dieser Verschmelzung ab in schwere Kämpfe hineingerissen, die bis heute nichts weniger als erledigt sind“. Andere Forscher wie Wolfgang Flügel sprechen von einer seit 500 Jahren anhaltenden Wechselwirkung zwischen dem Protestantismus und seinem reformatorischen Erbe und der Moderne.

Reform der Universitäten

Dass im Zuge der Reformation von Wittenberg aus eine grundlegende Universitätsreform eingeleitet wurde, die auf die neuzeitliche Wissenschaftsgeschichte großen Einfluss hatte, ist unbestritten. In welchem Ausmaß dies gilt, ist aber historisch strittig.

Tatsächlich führte die Reformation zu bemerkenswerten lutherischen Neugründungen von Universitäten, etwa der Universität Marburg 1527 oder der Akademie in Straßburg (1566), die 1621 Universitätsrang erhielt, wie auch von reformierten Bildungsstätten außerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, z.B. in Zürich (1525), Bern (1528), Genf (1559) oder Debrecen (1538). Die jüngere Forschung gelangt jedoch zu dem Ergebnis, dass die unmittelbaren Einflüsse reformatorischer Theologie – genauer gesagt, der Theologie Luthers – nicht überschätzt werden dürfen.

Aufklärung vor der Aufklärung

Der Umstand, dass die Reformation von Universitätsprofessoren angestoßen und vorangebracht wurde und dass die Wittenberger Universität sich zu ihrem intellektuellen Zentrum mit europaweiter Ausstrahlungskraft entwickelte, kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann stellt lapidar fest: „Ohne Universität keine Reformation.“

Aber das heißt noch nicht im Umkehrschluss, dass es ohne Reformation kein modernes Universitätswesen und keine moderne Wissenschaft gäbe. Die Reform der Wittenberger Artistenfakultät griff auch Ideen des vorreformatorischen Humanismus auf.

Der Wiener Bildungswissenschaftler Henning Schluß stuft die Reformation sogar anfänglich als Bildungskatastrophe ein, weil sie anfangs „mit einer Verheerung der althergebrachten Bildungslandschaft“ einherging, und zwar nicht etwa nur als unbeabsichtigte Nebenfolge, sondern als bewusst herbeigeführtes Absterben der spätmittelalterlichen Bildungsinstitutionen.

Dass Luther selbst schon Impulse für ein Bildungsverständnis gesetzt hat, die man üblicherweise erst in der Aufklärungszeit vermutet, ist freilich bei Schluß die andere Seite der Medaille.

Wissen und Gewissheit

Impulse der Reformation wirken dort weiter, wo aus einem reformatorischen Blickwinkel das Verhältnis von Glaube, Theologie und Wissenschaft beleuchtet wird. Nach reformatorischer Tradition ist Glauben der biblische Begriff für Gewissheit. Nun kann es ohne Gewissheit grundsätzlich keine Form von Wissen und auch keine Wissenschaft geben.

Die Gewissheit des Glaubens betrifft jedoch nicht unser Wissen über die objektiv beschreibbare Wirklichkeit, sondern die Frage nach dem Sinn, dem Grund und der Bestimmung dieser Wirklichkeit und unseres Daseins. Wir können auch sagen: der Glaube betrifft das Gewissen, das um Schuld und Vergebung ringt. Er ist der Erlösung und bedingungslosen Annahme durch Gott gewiss. Diese Gewissheit gibt uns durchaus etwas zu wissen und zu denken. Nun gibt es verschiedene Arten des Wissens: theoretisches Wissen, technisch-praktisches Handlungswissen und religiöses Erlösungswissen.

Der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß unterscheidet zwischen Verfügungswissen und Orientierungswissen. Letzteres ist auch das Wissen des christlichen Glaubens, dessen kritische Prüfung die Aufgabe der Theologie ist. Während uns Verfügungswissen eine Antwort auf die Frage gibt, was wir tun können, beantwortet Orientierungswissen die Frage, was wir können sollen und wie wir leben sollen.

Das Wissen des Glaubens transzendiert diese Frage nochmals, indem es nach dem Grund unseres Daseins und unserer Lebensmöglichkeiten fragt. Das theologische Orientierungswissen gibt eine Antwort auf die Frage, worauf wir im Leben und im Sterben vertrauen und hoffen dürfen.

Was Freiheit bedeutet

Zu den grundlegenden Voraussetzungen von Wissenschaft in der Moderne gehört die Anerkennung ihrer Freiheit in Forschung und Lehre, die in modernen Demokratien gesetzlich garantiert ist. Die Freiheit der Wissenschaft musste in der abendländischen Geschichte freilich gegen klerikale Bevormundung erstritten werden.

Mag die Reformation mit ihrer Forderung nach Glaubens- und Gewissensfreiheit auch für die Wissenschaftsfreiheit einen Impuls geliefert haben, so war doch auch in evangelischen Territorien die Wissenschaft zunächst keineswegs so frei, wie es heute selbstverständlich ist. Das gilt erst recht für die Theologie, deren Bekenntnisbindung an den Universitäten im deutschsprachigen Raum immer wieder im Verdacht steht, im Widerspruch zur modernen Wissenschaftsfreiheit und zur Universitätsautonomie zu stehen.

Die Freiheit in Forschung und Lehre ist nach evangelischem Verständnis allerdings daran zu bemessen, wieweit sie sich am Wohl der Mitmenschen – biblisch gesprochen des Nächsten – orientiert. Christliche Ethik nach evangelischem Verständnis lässt sich grundsätzlich als eine vom Geist der Liebe bestimmte Form der Verantwortungsethik verstehen. Die Entwicklung und Pflege eines Ethos, auch eines Ethos der Wissenschaft, ist eine Frage der Forschungskultur und der Bildung, nämlich der Selbstbildung und Menschwerdung des Menschen, nicht etwa nur des Wissens. Sie schließt die Pflege der religiösen Dimension unseres Menschseins ein.

Sich um Bildung, nicht etwa nur um Wissen zu bemühen, sollte zu den Tugenden aller Forschenden gehören. Wenn heute über Wissenschafts- und Forschungsethik diskutiert wird, dann nicht zuletzt deshalb, weil sich diese Tugend offenbar nicht mehr von selbst versteht.

Wenn sich die Theologie in dieser Debatte zu Wort meldet, so deshalb, weil nicht zuletzt die gegenwärtigen bioethischen Diskussionen zeigen, wie schwierig es für den Menschen ist, nach dem vermeintlichen Ende des christlichen Gottes menschlich zu bleiben. Theologie in reformatorischer Verantwortung hat die Aufgabe, die biblische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders auch in die wissenschaftsethischen Diskurse der Gegenwart als Freiheitslehre einzubringen.

Dass sich der Mensch vom Zwang befreit wissen darf, sich selbst und die Welt erlösen zu müssen, macht auch die Wissenschaft im tiefsten Sinne des Wortes frei.

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