Raus aus der Filterblase!

In Zeiten, da Google und Co. über unser Wissen wachen, plädiert der Informatiker Hannes Werthner für eine Rückbesinnung auf alte Werte: Fakten, Beweise und kritisches Denken. Wie man der Filterblase entkommt, beschreibt er in einem Gastbeitrag.

Wir suchen auf Google und scrollen durch unsere Timeline. Wir befragen Chat-Bots oder laden uns Apps herunter. Software soll uns informieren, Orientierung geben und Entscheidungen erleichtern – unabhängig und objektiv. Gleichzeitig ahnen wir, dass der Schein trügt, dass die Wahrheit keine Standardeinstellung in unserer Suchmaschine ist.

Vielmehr stehen dahinter Firmeninteressen, Netzwerke und Algorithmen. Es ist eine Ahnung, die verunsichert und uns manchmal resignieren lässt - vor Komplexität im Allgemeinen und vor der Informatik im Speziellen.

Digitales Heldentum

Sie arbeiten hinter den Kulissen der Suchergebnisse und Timelines. Sie sind die ArchitektInnen jener neuen Landschaft, in der wir uns täglich bewegen: „Die Helden von heute – das sind Programmierer, Tüftler, Hacker, Whistleblower“, hieß es letztes Jahr in einem Artikel der „Zeit“.

Hannes Werthner
TU Wien

Über den Autor

Hannes Werthner ist Professor für E-Commerce an der Technischen Universität Wien (TU), seit 2016 auch Dekan der Fakultät für Informatik.

Doch Informatik-Wissen kann sowohl helfen als auch schaden: Online-Empfehlungen fördern Ähnlichkeiten, beim Shoppen wie bei der Meinungsbildung. Negativ konnotierte Suchvorschläge erhalten auf Google bis zu fünfzehn Mal mehr Klicks als positive. Die Algorithmen dahinter sind so subjektiv wie ihre ErschafferInnen: nach wie vor zumeist junge Männer.

Wir müssen uns bewusstmachen, was das für unsere Gesellschaft bedeutet: InformatikerInnen werden die Welt nur verbessern, wenn sie ihr Wissen nach ethischen Richtlinien einsetzen und entsprechend weiterverbreiten. Als Informatik-Fakultäten haben wir den Auftrag, negative wie positive Auswirkungen unserer Forschung zu diskutieren. Künftige InformatikerInnen müssen sich auch ihrer persönlichen Grenzen (Kompetenz) sowie der Grenzen des Erforschbaren bewusst sein.

Sie müssen, zusätzlich zum Anspruch wissenschaftlicher Integrität, ebenso für ihre gesellschaftliche und individuelle Verantwortung sensibilisiert werden. Wir machen „Technik für den Menschen“ (Motto der TU Wien).

Hilfe bei Cryptopartys

Ein erfreuliches Beispiel dafür sind Cryptopartys. Hier trifft Informatik-Wissen auf Laien, die lernen wollen, wie sie ihre E-Mails verschlüsseln oder anonym surfen können. Initiativen wie diese zeigen: Die Informatik ist den Menschen durchaus zumutbar. Mehr als das: Informatik macht auch Spaß!

AnwenderInnen müssen nur grundlegendes Wissen über den Umgang mit Sozialen Medien erlernen und die Macht selbstlernender Software nachvollziehen können. Dazu muss die Informatik allerdings zu einem Fundament in der Bildung werden, angefangen vom Unterricht in der Schule bis hin zu Grundlagenvermittlung in allen Studienfächern.

Informatik-Fakultäten müssen ihre Studierenden weiterhin mit den besten Inhalten ausstatten. Genauso wichtig ist es aber, ihnen Bewusstsein für Ethik und ihre gesellschaftliche Rolle mit auf den Berufsweg zu geben. Informatik wird zu einer sogenannten Foundational Science, einer grundlegenden Wissenschaft für das Verständnis und die Gestaltung unserer Welt. In ihrer Funktion als Brücke zu anderen Disziplinen kann sie enorme Veränderungen bewirken.

Das Postfaktum bekämpfen

Doch kommt diese Einsicht eigentlich noch rechtzeitig? Immerhin wird in den Feuilletons bereits der Glaube an Fakten begraben. Was uns bevorsteht, sei eine Demokratie der „Nichtwissenwollengesellschaft“. Zu schön sei das Surfen in der eigenen Meinungsblase. Die Wahrheit sei ohnehin relativ, nicht wahr? Ist sie den Menschen angesichts der Informationsflut überhaupt noch zumutbar?

Veranstaltung

Am 13.12. lädt die Fakultät für Informatik der TU Wien zu einer Diskussionsrunde ein: Unter dem Titel „Why Computer Science matters. A Janus-faced role in the 21st century“ beleuchten führende WissenschafterInnen die aktuellen Bedrohungsszenarien und die Rolle der Informatik für unsere Zukunft.

Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch „Wissen aktuell“, 13.12., 13:55 Uhr.

Die Oxford Dictionaries ernannten den Begriff „post-truth” zum Wort des Jahres 2016, das Stichwort „postfaktisches Zeitalter“ geistert durch die Medien. Es scheint, als ob mit steigender Intelligenz unserer Software die Fähigkeit der Menschen abnehme, sich auf Basis von Fakten eine Meinung zu bilden. Andere nennen diese Analysen elitär und abgehoben.

Unseren „Eliten“ fehle es an Verständnis für das Empfinden der „Masse“. Mit dem Vorwurf eines „postfaktischen Zeitalters“ würde den Menschen damit einfach die Vernunft abgesprochen werden. Er sei ein bloßer Gegenbegriff zur „Lügenpresse“.

Wo bleibt die Wissenschaft in dieser Diskussion? Die moderne Wissenschaft ist seit jeher den Fakten verbunden. Nicht nur das: Kern des wissenschaftlichen Arbeitens ist es, Fakten empirisch zu belegen, sie zu interpretieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Nicht zuletzt müssen diese für alle anderen nachvollziehbar sein.

Wer hier Lüge schreit, muss eine konstruktive Alternative bieten. Populismus hat hier nichts verloren. Doch wie gelangen die Fakten heute in die Öffentlichkeit? Wie durchbrechen wir die sogenannten Filterblasen? Der Ausweg aus dem Dilemma besteht nicht darin, lauter zu schreien.

Die amerikanische Philosophin Kathleen Higgins appellierte im renommierten „Nature“-Magazin kürzlich an ihre Branchenkollegen: WissenschafterInnen müssten die Menschen da draußen erinnern, dass es ihre wichtigste Mission ist, die beste Information für die Öffentlichkeit zu bieten. Sie müssen aber ebenso die intellektuellen Tugenden zum Umgang mit Information vermitteln: Diese seien kritisches Denken sowie die nachhaltige Überprüfung und Reflexion von Überzeugungen auf Grundlage von Beweisen.

Mehr Mut zum Einmischen

Software kann uns informieren, Orientierung geben und Entscheidungen erleichtern. Unabhängigkeit und größtmögliche Objektivität gehört jedoch auch im Zeitalter der Suchmaschinen zur Kernkompetenz der Wissenschaft. Allein versetzen wir aber keine Berge.

Dazu brauchen wir, die Universitäten, auch (finanzielle) Unterstützung: Während die Stadt Berlin eine Initiative startet und 50 neue IT-Professuren schafft, muss hierzulande jede auslaufende Stelle aus Eigenmitteln finanziert werden. Universitäten sind nach wie vor der Nährboden für freie Forschung in diesem Land, deshalb müssen auch sie richtungsweisend vorangehen: mit innovativen und interdisziplinären Projekten wie etwa dem künftigen Center for Informatics & Society (CIS) der Fakultät für Informatik an der TU Wien.

Hier werden künftig verstärkt die Beziehungen der Informatik zur Gesellschaft in den Blick genommen. Welche ökonomischen und sozialen Auswirkungen hat sie auf den Arbeitsmarkt, auf Datenschutz oder auf Monopolisierungen am Markt? Und welchen Einfluss haben Algorithmen? Ziel dieses neuen Centers, bestehend aus einem ProfessorInnen- Beirat der Fakultät, ist es zudem, sich international und national sowie mit anderen Disziplinen zu vernetzen.

Als größte Fakultät für Informatik in Österreich wollen wir uns vermehrt medial äußern, uns bei Diskursen einbringen und unsere Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit vermitteln. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, Komplexität zu übersetzen und dafür sorgen, dass Informatik auch bei den Menschen ankommt.

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