Wie das Straßennetz der Erde schadet

Der Mensch hat seine Spuren auf der Erde hinterlassen, wortwörtlich: Straßen überziehen weite Teile des Festlands. Nur noch wenige unberührte Flecken sind heute größer als 100 Quadratkilometer, so das Ergebnis einer Studie. Das bleibe nicht ohne Folgen.

Auf Straßen hat der moderne Mensch die Welt erobert. Selbst die entlegensten und unzugänglichsten Gegenden wurden so für ihn erreichbar. Heute überzieht ein enges Netz weite Teile des Planeten, besonders dicht ist es in Europa oder in Nordamerika. Zumindest auf manchen Kontinenten wie z.B. in Afrika und Südamerika gibt es auch heute noch größere Landstriche, die nicht von Verkehrswegen durchzogen sind.

Zusammengerechnet erstreckten sich 2013 alle Straßen über eine Distanz von 36 Millionen Kilometern - laut der Straßenweltkarte von OpenStreetMap, die auch den Forschern um Pierre L. Ibisch von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde als Datenbasis diente. Wenn man bedenkt, wie schnell neue Straßen gebaut werden, kann man davon ausgehen, dass die reale Kilometerzahl deutlich darüber liegt.

Links und rechts des Weges

Im Zentrum des Forscherinteresses standen aber nicht die Straßen an sich, sondern der Lebensraum links und rechts des Weges. Denn dort zeigen sich die Folgen der Landnahme: Abholzung, Umweltverschmutzung, Lärm, tierische Routen werden durchkreuzt, Tiere von Fahrzeugen überfahren, der Weg für invasive Arten geebnet.

Regenwald
Pierre Ibisch
Unzerstörter Regenwald ohne Straßen: wichtig für den globalen Wasserkreislauf

Zudem wirken die Wege in gewisser Weise ansteckend, wie die Studienautoren schreiben: Neue Gebiete werden erschlossen, noch mehr Straßen gebaut, die Landnutzung ändert sich. Die biologische Vielfalt wird durch den menschlichen Eingriff beeinträchtigt. Dabei ist noch längst kein Ende in Sicht. Bis 2050 sollen Schätzungen zufolge die Straßen um ganze 60 Prozent mehr werden.

Fleckerlteppich

Wie die Berechnungen der Forscher deutlich machen, hat das Verkehrsnetz den Planeten und seine Ökosysteme aber schon jetzt nachhaltig verändert. Insgesamt kommen zwar noch 80 Prozent der Erdoberfläche (Wasser und vereiste Gebiete ausgenommen) ohne Straßen aus. Diese wird jedoch durch Straßen in 600.000 Teilstücke zerteilt.

Am größten seien die Auswirkungen einer Straße in einem Streifen von einem Kilometer entlang jeder Seite. Deshalb bezeichnen die Forscher nur die Areale als straßenfrei, die jenseits dieser Pufferzone liegen.

Weltkarte der straßenlosen Gebiete
P . Ibisch et al. , Science (2016)
Weltkarte der straßenlosen Gebiete

Unter dieser Voraussetzung sind mehr als die Hälfte der 600.000 Flecken weniger als ein Quadratkilometer, 80 Prozent weniger als fünf Quadratkilometer groß. Und nur sieben Prozent sind größer als 100 Quadratkilometer. In Europa sind die straßenlosen Flecken im Durchschnitt nur 48 Quadratkilometer groß. In Afrika erstrecken sie sich zum Vergleich noch über 500 Quadratkilometer.

Globale Strategien gesucht

Um zu sehen, was das bedeutet, haben die Forscher zusätzlich analysiert, wie die freien Landflächen beschaffen sind. Dadurch wurde die Bestandsaufnahme nicht rosiger. Denn viele der straßenlosen Flecken liegen in weniger wirtlichen - steinigen oder versteppten - Gegenden. Gebiete mit geringer Biodiversität und geringem ökologischen Nutzen machen den Forschern zufolge ein Drittel der straßenlosen Gebiete aus. Am meisten zerstückelt hingegen seien gemäßigte Zonen mit Laub- und Mischwäldern.

Straßenloses Gebiet in Australien
Pierre Ibisch
Straßenloses Gebiet in Australien

Auch bei den Schutzgebieten orten die Studienautoren große Mängel. 14,2 Prozent des Festlandes unterliegen heute besonderen Naturschutzauflagen, aber nur 9,3 Prozent aller straßenlosen Gegenden zählen dazu.

Wie weit die Folgen des Straßenbaus reichen, sei bis jetzt grob unterschätzt worden. Eine globale Strategie sei daher dringend gefragt, schreiben die Forscher am Ende ihrer Arbeit. Die Politik sollte Infrastruktur viel gezielter planen, anstatt weiter Straße um Straße zu bauen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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