Der steinige Weg in die Wissenschaft

Sind Forscherinnen und Forscher bei uns willkommen, wenn sie nicht aus den USA und Großbritannien, sondern aus Syrien und der Ukraine kommen? Für ein Praktikum ja, längerfristig gestaltet sich der Weg in die Wissenschaft aber steinig, wie die Erfahrungen von fünf Flüchtlingen zeigen.

Gut angekommen seien sie in Österreich, das sagen alle fünf Männer und Frauen, die ihre Heimat wegen des Kriegs verlassen mussten. science.ORF.at hat sie alle im Frühjahr 2016 für die Serie „Scientists Welcome?“ porträtiert und nun nachgefragt, wie ihr Leben seither verlaufen ist.

Wunsch nach Wissenschaft

Der syrische Pflanzengenetiker Hamdi al-Saffouri lebt seit 2014 mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Österreich. Beim ersten Interview im Frühjahr wirkte er müde, zermürbt von den vielen Behördenwegen, aber mit dem starken Wunsch, wieder wissenschaftlich zu arbeiten. Dieser Wunsch hat sich - zumindest für drei Monate - erfüllt, in denen er für das Bundesforschungszentrum für Wald gearbeitet hat.

Der syrische Pflanzengenetiker Hamdi al-Saffouri
Elke Ziegler, science.ORF.at
Hamdi al-Saffouri

„Scientists Welcome?“

In der Serie „Scientists Welcome?“ begleitet science.ORF.at fünf hochqualifizierte Menschen, die im Rahmen der aktuellen Fluchtbewegungen ihre Heimat verlassen haben und nun in Österreich - auch wissenschaftlich - Fuß fassen wollen.

Erbgut extrahieren, Waldpflanzen analysieren - mit diesen Tätigkeiten konnte Hamdi al-Saffouri nicht nur seine Fachkenntnisse auffrischen, auch sein Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Das Praktikum war aber nicht sein einziger Kontakt mit der Wissenschaft, er hat auch im Sommer an der Kinderuni der Universität Wien unterrichtet:

Das Praktikum am Bundesforschungszentrum für Wald war nach drei Monaten zu Ende, nun hat sich der Pflanzengenetiker mit anderen Flüchtlingen aus Syrien zusammengetan, um Menschen mit einer guten Ausbildung weiterzuhelfen - und selbst weiter nach einer Stelle als Forscher zu suchen.

Eine Architektin in der Archäologie

Ebenfalls aus Syrien geflüchtet ist Lynn Karkouki. 2015 ist die junge Architektin in Österreich gelandet, heuer im Mai hat sie ein Praktikum am Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften begonnen. Dort arbeitet sie an Karten, die auf der Basis von Laser-Scans des Bodens erstellt werden.

Die syrische Architektin Lynn Karkouki
Lynn Karkouki
Lynn Karkouki

Ihr Wissen vertiefen möchte sie nun durch ein weiteres Studium. Das Praktikum am Archäologischen Institut war für sie nicht nur beruflich wichtig, sondern auch sozial. Als allein in Wien lebende Frau hat sie in erster Linie über den Beruf Freunde und Bekannte gefunden. Ihre Familie lebt noch in der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Lynn Karkouki würde gerne in der Wissenschaft bleiben - für realistisch hält sie diesen Wunsch aber nicht. Ihr nächstes Ziel ist deshalb das Studium - und irgendwann vielleicht ein Job in einem Architekturbüro.

Schule statt Uni

Irgendwann eine passende Arbeitsstelle - darauf hofft auch die Landschaftsplanerin Tetiana Goidenko. Sie ist 2015 aus der Ukraine nach Österreich gekommen und geht trotz ihres akademischen Abschlusses in die Abendschule, um die Matura zu machen. Sie hofft, dass ihr ein Zeugnis einer österreichischen Schule bei der Arbeitssuche helfen wird.

Die ukrainische Landschaftsplanerin Tetiana Goidenko
Elke Ziegler, science.ORF.at

Eigentlich wollte sie in Österreich noch einmal Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur inskribieren, um ihren ukrainischen Abschluss um die Erfordernisse hierzulande zu ergänzen. Dieser Versuch ist aber schon beim ersten Anlauf aufgrund von Formalitäten gescheitert.

Deshalb geht sie nun in die Schule und arbeitet einmal in der Woche ohne Bezahlung in einem kleinen Geschäft in Baden.

Ein Mitglied der Gesellschaft werden

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichtet auch „Wissen Aktuell “ am 28.12.2016 um 13.55 Uhr.

Geflüchtete Menschen brauchen das Gefühl, ihr Leben wieder in der Hand zu haben - alle hier porträtierten Flüchtlinge belegen diese oft gehörte psychologische Diagnose. Sie wollen Verantwortung übernehmen, durch Arbeit ein Mitglied der Gesellschaft werden. Und dafür sind sie auch bereit, Abstriche zu machen. Der Syrer Muhammad Yacob etwa hat schon beim ersten Interview im Mai betont, dass er gerne wieder als Arzt arbeiten möchte. Das ist wegen der langwierigen und komplizierten Anrechnung seines Medizinstudiums bis heute nicht möglich, dafür forscht er nun für 20 Stunden in der Woche am Landeskrankenhaus Villach. Und der Sprachenexperte und Theologe Ismail Yasin konnte nicht an der Akademie der Wissenschaften bleiben, hat aber nun beim Österreichischen Integrationsfonds eine neue Arbeit gefunden.

Fazit der letzten Monate: Die Kontaktaufnahme mit der Wissenschaft ist in vier von fünf Fällen gelungen. Um tatsächlich in der Wissenschaft anzukommen, ist es aber noch ein steiniger Weg.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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