Das Internet als Diskutanten-Schtetl

Juden und Jüdinnen verbindet Religion und Abstammung, mehr aber noch Texte. Seit der Antike wird um Worte gerungen und gestritten, meint die Historikerin Fania Oz-Salzberger. Und das könne bis heute als Vorbild dienen.

Denn selbst aggressive Auseinandersetzungen in den Sozialen Medien sind immer noch besser als körperliche Gewalt. So lange man nicht die Fäuste einsetzt, ist man quasi Mitglied im weltweiten Diskutanten-Schtetl.

Natalie Portman spielt die eigene Oma

Fania Oz-Salzberger ist die Tochter von Amos Oz, dem wohl bekanntesten Schriftsteller Israels. Sein Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ gilt als das meistgelesene Buch des Landes der Gegenwart und erzählt die Geschichte der Staatsgründung Israels und seiner Eltern – den Großeltern von Fania Oz-Salzberger.

Porträtfoto der Historikerin Fania Oz-Salzberger
Karl Gabor

Fania Oz-Salzberger ist Historikerin an der Universität Haifa, Direktorin von Paideia, des Europäischen Instituts für Jüdische Studien in Schweden, und war vor Kurzem Gast an der Universität Wien

Die Geschichte wurde vor Kurzem von der US-Schauspielerin Natalie Portman verfilmt, die sowohl Regie führte als auch die Hauptrolle spielte: nämlich Fania Klausner, von der Oz-Salzberger den Vornamen geerbt hat. „Es war schon eine seltsame Erfahrung, Natalie Portman an einem Tag als Prinzessin Padmé in Star Wars zu sehen, und am nächsten Tag als meine Oma“, lacht die Historikerin im science.ORF.at-Interview.

„Sie hat ihre Sache aber sehr gut gemacht und die Geschichte sehr glaubwürdig erzählt.“ Nachsatz: „Die Bonusmeilen von Portman als Padmé hätte ich allerdings gerne übertragen bekommen.“

Worte sowohl rational als auch emotional benutzen

Doch zur Großmutter: Fania Klausner wächst in Polen auf, flüchtet als junge Frau nach Palästina, kurz bevor das große Morden der Nationalsozialisten beginnt. Sie lernt einen Mann kennen, den Literaturwissenschaftler Arieh Klausner. Die beiden heiraten, bekommen ein Kind, Amos. 1948 wird der Staat Israel gegründet, es sind Momente der Hoffnung. Doch die Ehe ist unglücklich, wie Fania Oz-Salzberger erzählt.

„Mein Großvater war sehr rational, er hat die Herkunft von Worten untersucht, selbst sein Humor bestand vor allem aus Wortwitzen. Für meine Großmutter Fania waren Worte auch sehr wichtig, sie hat sehr gerne Geschichten erzählt. Aber sie hat Sprache eher verwendet, um Gefühle auszudrücken. Mein Vater Amos Oz und ich sind Produkte von beidem. Das ist vielleicht die Lehre aus unserer Familiengeschichte: Wenn man Worte benutzt, dann sollte man nicht nur emotional sein, aber auch nicht nur rational.“

Jahrtausende alte Texte samt Gebrauchsanleitung

Die Familiengeschichte von Fania Oz-Salzberger und die Geschichte des Judentums hängen zusammen – mit ein Grund, warum sie Historikerin geworden ist. Im Gegensatz zu ihrem Vater Amos Oz beschäftigt sie sich nicht mit fiktiven Worten, sondern mit realen. Ihre Doktorarbeit hat sie über die europäische Aufklärung geschrieben, sich später zu einer Expertin für die Geschichte politischer Ideen entwickelt. 2012 hat sie gemeinsam mit ihrem Vater, dem Schriftsteller, ein Buch veröffentlicht, das sich dem Verhältnis von Judentum und Sprache widmet. Die Grundthese: Judentum ist nicht nur eine Religion oder eine Nation, sondern vor allem eine Zivilisation, die auf Texten beruht. (PDF-Leseprobe des Buchs „Juden und Worte“).

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 16.12., 19:05 Uhr.

Von der Antike über die mündlichen Lehren des Talmuds, die rabbinischen Kulturen der Diaspora und die jüdische Aufklärung im 18. Jahrhundert bis zur Säkularisierung: Durch die Jahrhunderte zieht sich eine Linie textlicher Abstammung bis heute. Doch das alleine reicht nicht aus, meint Oz-Salzberger. Denn auch die alten Griechen und Römer hatten eine imposante Bibliothek an Texten. Warum sind sie verschwunden, und die Juden gibt es noch immer?

„Zum Teil hat das damit zu tun, was man bekommt, wenn man ein Elektrogerät kauft: nämlich eine Gebrauchsanleitung“, erklärt Oz-Salzberger. „Auch Bibel und Talmud enthalten so etwas. Man erbt nicht nur ein Buch von den Ahnen, sondern die Gebrauchsanweisung gleich mit. Die Haupt-Instruktion lautet: Unterrichte deinen Sohn! Oder wenn man will: Unterrichte deine Kinder!“

Fania Oz-Salzberger bei ihrem Vortrag am Center for Israel Studies an der Uni Wien
Center for Israel Studies
Fania Oz-Salzberger bei ihrem Vortrag am Institut für Geschichte der Uni Wien, veranstaltet vom Center for Israel Studies

Sehr früh hohes Bildungsniveau

Buben sollen so früh wie möglich lesen und schreiben lernen, das verlange die Thora. So hatten Männer schon in vormodernen Zeiten ein hohes Bildungsniveau – im Gegensatz zum Großteil der christlichen Welt.

„Die christlichen Kinder wurden als Schüler ins Kloster-Internat geschickt. Die jüdischen Buben hingegen haben sich schon mit drei Jahren mit einem Buch oder – wenn sie zu arm waren – mit einem Text im Kopf an den Familientisch gesetzt. Beim Essen oder an Festtagen haben alle über die Bücher und Texte gesprochen. Die Bildung hat sich so ausgebreitet und so können schon in der frühen Moderne auch viele jüdische Mädchen lesen und schreiben.“

Das erklärt, warum es relativ viele jüdische Studenten und Studentinnen gab, nachdem die deutschsprachigen Universitäten im 19. Jahrhundert erstmals Frauen und Juden zugelassen hatten. Sie brachten eine Tradition von Texten mit und damit verbunden: eine Kultur des intellektuellen Streitgesprächs. Denn gestritten wurde immer, wenn es um die Auslegung der Heiligen Schriften ging. In der Familie, in der Nachbarschaft, oft auch zwischen Rabbis in den jüdischen Schtetln Osteuropas.

Das Internet als weltweites Debatten-Schtetl

„Das geht zurück auf den Talmud, wo man bei Meinungsverschiedenheiten nicht versucht, den anderen loszuwerden, sondern mit ihm produktiv zu streiten“, sagt die Historikerin Fania Oz-Salzberger. „Das ist eine Praxis, die Israel bis heute beeinflusst und entscheidet, ob eine Familie funktioniert oder nicht. Sie funktioniert, wenn man Konflikte in Worte verpacken kann. Sie funktioniert nicht, wenn Konflikte wütendes Schweigen, Trennung oder körperliche Gewalt bedeuten. Sobald man Meinungsverschiedenheiten verbalisieren kann, ist man schon gewissermaßen Teil des gleichen Schtetl.“

Das Internet und die Sozialen Medien sind in dieser Hinsicht ein riesiges Schtetl, in dem Konflikte oft sehr aggressiv ausgetragen werden. Oz-Salzberger rät dazu, diesen Prozess nicht zu unterdrücken. „Ich bin kein Fan irgendeiner Art von Aggression. Aber Dampf ablassen durch Worte kann echte Aggression verhindern.“ Sie selbst als linke, säkulare Jüdin, die eifrig twittert, sei immer wieder Zielschiebe von orthodoxen oder rechtsextremen Landsleuten.

„Ich soll zur Hölle gehen, schreiben sie, oder jemanden von der Hamas heiraten – aber das geht gar nicht, denn gottseidank bin ich ja schon verheiratet“, lacht die Historikerin. Sie hält die israelische Gesellschaft der Gegenwart für „sehr verbal. Wir nutzen Worte im Guten wie im Schlechten. Im Guten, wenn man die Kultur betrachtet, die Literatur, Filme etc. Im Schlechten, wenn wir uns schnell beschimpfen.“

Fania Oz-Salzberger bei ihrem Vortrag am Center for Israel Studies an der Uni Wien
Center for Israel Studies

Zeit der Habermas-Diskurse ist vorbei

Ausgehend von den innerisraelischen Erfahrungen rät sie zu einer kräftigen, der Zeit angepassten Diskussionskultur: „Die heutige öffentliche Debatte kann nicht so freundlich, hochgeistig und rational sein, wie es etwa Jürgen Habermas in den 70er Jahren vorgeschlagen hat. Ich wünschte mir, dass sie so wäre, aber diese Tage sind vorbei!“ Man solle sich den negativen Emotionen, die im Internet vorherrschen, stellen, mit einer viel größeren Zahl an Menschen kommunizieren als bisher und die Kunst des Zuhörens lernen.

„Ich habe null Toleranz für Antisemitismus, Dschihadismus, alle Arten von Extremen. Aber in dem breiten Bereich der politischen Mitte sollten wir bessere Zuhörer werden und verstehen, dass die Diskussion nicht politisch korrekt und ‚multikulti‘ bleiben kann. Wenn man sich mit der Kultur des Nachbarn auseinandersetzen will, müssen sie und ihr Nachbar sich darüber verständigen, was sie an den jeweils anderen Kulturen mögen, aber auch was nicht!“

Immer noch besser als die Fäuste einsetzen

Dass die Linke, aber auch viele Journalisten und Meinungsforscher in ihrer eigenen Blase leben, sei Teil des Problems, meint die Historikerin. „Wir haben in Israel dafür auch nicht die perfekte Lösung. Aber die Linken versuchen jetzt viel stärker mit dem rechten Flügel ins Gespräch zu kommen – das können die Nachbarn auf der Straße sein oder Studenten im Hörsaal. Es gibt auch eine NGO, die sich ‘The Israel Democracy Institute‘, wo wir mit arabischen und ultraorthodoxen Führern zusammensitzen - mit Leuten also, denen wir fremd sind, und die uns fremd sind. Und wir versuchen ins Gespräch zu kommen.“

Auf diese Weise würden sich mitunter scheinbar paradoxe Koalitionen ergeben – wie etwa in der Knesseth, in der arabische Abgeordnete in religiösen Fragen manchmal Unterstützung von Ultraorthodoxen bekommen. Im israelischen Parlament fliegen zwar öfters die Fetzen, aber hier müssen Menschen miteinander auskommen, die sehr unterschiedliche Ansichten haben.

„Je mehr Menschen auf engem Raum miteinander reden müssen, desto besser. Das war auch in den Schtetln Osteuropas so, die aus historischen Gründen sehr überfüllt waren“, sagt Oz-Salzberger. „Die Bewohner mussten Seite an Seite mit Leuten leben, die sie gar nicht ertragen konnten, ob in der Familie, in der Nachbarschaft oder in zwei Synagogen, wo sich zwei Rabbis über gar nichts einig waren.“ Die Konflikte wurden verbal ausgetragen – immer noch besser als mit den Fäusten: Und dies ist ein Ratschlag für die Gegenwart, gleichgültig an welchen Orten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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