Klimawandel: Skepsis gedeiht in der Kälte

Kann man vom Wetter auf das Klima schließen? Die amerikanischen Klimaskeptiker tun das offenbar, wie der Österreicher Felix Pretis nachweist: Sie leben auffallend oft in Regionen, wo die Winter frostig sind.

Herr Pretis, in meiner Kindheit habe ich noch häufig tief verschneite Weihnachten erlebt. Das scheint es nun, zumindest in den Städten, kaum mehr zu geben. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Felix Pretis: Auf jeden Fall, ich habe auch den Eindruck, dass weiße Weihnachten in Österreich seltener geworden sind.

Hat das etwas mit dem Klimawandel zu tun?

Es kann damit zu tun haben, aber es gibt mit Sicherheit noch andere Faktoren. Etwa die saubere Luft - darüber hat ja auch kürzlich der ORF berichtet. Es ist immer schwierig, das Wetter an einem Tag, zum Beispiel zu Weihnachten, auf den globalen Klimawandel umzurechnen. Deswegen ist es wichtig, sich langfristige Indikatoren anzusehen. Vom Wetter kann man nicht auf das Klima schließen.

Felix Pretis
privat

Zur Person

Felix Pretis wuchs in Graz auf, absolvierte sein Studium an den Universitäten Edinburgh und Oxford und leitet ebenda nun ein Forschungsprojekt zum Thema „Klimaökonometrie“.

Seine Studie „Spatial heterogeneity of climate change as an experiential basis for skepticism“ ist im Fachblatt PNAS erschienen (19.12.2016).

Von Klima spricht man laut Definition der Weltorganisation für Meteorologie ab einem Zeitraum von 30 Jahren. Ganz getrennt sind die beiden Phänomene jedoch nicht: Denn das Klima beeinflusst ja das Wetter, oder?

Es gibt den alten Spruch: Das Klima ist das, was man erwartet - und das Wetter ist das, was man bekommt. Natürlich beeinflusst der Klimawandel auch das Wetter. Nur bedeutet Klimawandel nicht unbedingt, dass die Temperaturveränderungen überall gleich sind. Es gibt auch Regionen, in denen die Temperatur durch den Klimawandel fällt. Das Gleiche gilt für den Niederschlag: In manchen Gegenden wird er mehr, in anderen wird er weniger.

Sie haben in Ihrer letzten Studie nachgewiesen, dass diese Unterschiede auch etwas mit der Akzeptanz der Klimaforschung zu tun haben: Klimaskeptiker leben bevorzugt in Regionen, wo es im Winter besonders kalt ist.

Wir haben Daten der Yale University untersucht, die während der Jahre 2008 und 2013 in den USA bei Befragungen gesammelt wurden. Sie zeigen: Ob jemand an den Klimawandel glaubt, lässt sich zum Teil durch die lokalen Wetterbedingungen erklären. Offenbar vertrauen viele Amerikaner eher ihren eigenen Erfahrungen als wissenschaftlichen Studien.

Warum?

Dahinter steckt wohl ein psychologischer Effekt. Extremereignisse bleiben eher in Erinnerung, das Gleiche gilt für Ereignisse, die erst kürzlich stattgefunden haben. Trotz des Erwärmungstrends gibt es in den USA Regionen, wo wir im Winter in den letzten 30 bis 50 Jahren immer wieder extrem niedrige Temperaturen gemessen haben - das sind gerade die Regionen, wo auch die Skepsis am Klimawandel am stärksten ausgeprägt ist.

Welche Regionen sind das?

Die Zentral- und Südstaaten, etwa das Mississippibecken oder das südliche Ohio. Eher vom Klimawandel überzeugt sind die Leute im Nordosten und an der Westküste.

Der Unterschied könnte auch politische Ursachen haben. Denn in den USA neigen die Republikaner viel stärker zur Klimaskepsis. Und die sind traditionell im Süden stark vertreten.

Da haben Sie recht, deshalb haben wir auch versucht, Faktoren wie Politik und Einkommen herauszurechnen. Wenn man das tut, bleibt immer noch ein statistisch messbarer Effekt durch die persönlichen Erfahrungen mit Rekordtemperaturen übrig.

Wäre so ein psychologischer Effekt auch in Europa bzw. Österreich nachzuweisen?

Den Effekt gibt es hier sicher auch. Nur ist die Debatte eine andere: In den USA wird immer noch darüber gestritten, ob der Klimawandel überhaupt stattfindet. In Europa diskutiert man eher darüber, wie man den Klimawandel einbremsen könnte und welche wirtschaftlichen Auswirkungen das hat.

Müssten sich die Klimaforscher angesichts dieser Ergebnisse nicht auch selbst bei der Nase nehmen und sich die Frage stellen: Haben wir die Ergebnisse unserer Wissenschaft richtig kommuniziert?

Selbstverständlich, wissenschaftliche Studien müssten ebenso wie die Medien stärker auf die lokalen Veränderungen hinweisen. Ich denke, dass auch der Ausdruck „globale Erwärmung“ nicht ideal ist, um die Veränderungen des Klimas zu kommunizieren. Er suggeriert, dass es überall und ständig wärmer werden müsste - das ist nicht der Fall.

Donald Trump hat angekündigt, dass er Scott Priutt zum Umweltminister machen möchte - einen Mann also, der geschäftliche Verbindungen zu Öl- und Gaskonzernen unterhält und in den letzten Jahren mehrfach als Klimawandelleugner aufgetreten ist. Was bedeutet das für die globale Klimapolitik?

Für die Klimaforscher war das zunächst einmal ein Schock. Diese Wahl bedeutet, dass wir einen Schritt zurückgehen: Anstatt uns anzusehen, welche Auswirkungen der Klimawandel hat, müssen wir jetzt wieder Leute davon überzeugen, dass der Klimawandel stattfindet. Was das Pariser Klimaabkommen betrifft, bleibe ich dennoch optimistisch. Ich glaube, dass es eine große Motivation gibt, etwas zu tun. Egal, ob das nun unter der Leitung der USA oder anderer Länder stattfinden wird.

Glauben Sie, dass Sätze wie „Der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen“ der Vergangenheit angehören? Wird sich Trump durch die Realpolitik mäßigen?

Ich hoffe es.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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