Was von Zygmunt Bauman bleiben wird

„Flüssige Moderne“ hat der Soziologe Zygmunt Bauman die Unsicherheiten der Gegenwart genannt. Seine Befunde, nicht zuletzt zu Migration und Terror, werden bleiben – auch wenn er sich in die „flüssige Ewigkeit“ verabschiedet hat, wie gestern Baumans Frau mitteilte.

Holocaust war ein Ergebnis der Moderne

„Was sicher unvergessen bleiben wird, ist seine Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus“, sagt der Philosoph Ludger Hagedorn vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Bauman hat mehr als 50 Bücher geschrieben, darunter das 1989 erschienene „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“. Im Gegensatz zu vielen anderen Denkern verstand er die Barbareien des Nationalsozialismus in dem Buch nicht als Bruch mit der Moderne, sondern als eines ihrer Ergebnisse.

Es waren moderne Formen der Arbeitsteilung, von Bürokratie und Industrie, die den Massenmord an den Juden ermöglichten. „Das Beunruhigende an Baumans Befund ist, dass solche Prozesse jederzeit wiederkehren können. Wenn wir an den Anstieg des Populismus in jüngster Zeit denken, haben wir vor Augen, wie wichtig seine Analysen heute und in Zukunft sein werden“, so Ludger Hagedorn gegenüber science.ORF.at.

Zygmunt Bauman bei einer Konferenz in Prag im August 2015
Associated Press
Zygmunt Bauman bei einer Konferenz in Prag im August 2015

Flüssige Moderne führte zu Prekariat

In den 1990er Jahren hat Bauman den Begriff „flüssige Moderne“ geprägt, um die Unsicherheiten und Ungewissheiten zu beschreiben, die den Menschen der Gegenwart begleiten. „Wir leben in einer Welt, in der sich ständig etwas Überraschendes ereignet, etwas Unerwartetes, nicht Vorhersehbares. Alles zerfällt in Fragmente. Alles, was gestern noch gültig war, kann heute bedeutungslos sein“, meinte Bauman dazu in einem 2015 erschienenen Interview mit science.ORF.at.

Ö1 Sendungshinweise

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 10.1., 13:55 Uhr. Das Salzburger Nachtstudio änderts sein Programm und wiederholt am 11.1, 21 Uhr: „Consumo ergo sum“ - Zygmunt Bauman und sein Konzept der „Flüchtigen Moderne“.

Diese Ungewissheit betreffe alle Bereiche des Lebens – von der von allerlei Krisen betroffenen Wirtschaft bis zum Alltag. Die Anforderung nach Flexibilität im Berufsleben habe alte Sicherheiten abgelöst, meinte Bauman. Früher habe der Slogan gelautet: „Arbeite nur und du wirst eine sichere berufliche Position erlangen, die mit einem guten Einkommen verbunden ist! Das alles ist nun erodiert. An die Stelle einer gesicherten beruflichen Position ist nun das Prekariat getreten, die durch Unsicherheit im Hinblick auf die Art der Erwerbstätigkeit ihrer Mitglieder gekennzeichnet ist.“

Migranten sind wandelnde Mahnmale

Unsicherheit ist ein prägendes Schlagwort für die Gegenwart – auch und besonders, was die Fragen von Migration und Terrorismus betrifft, mit denen sich Bauman zuletzt beschäftigt hat. Seine Thesen vertrat er u.a. bei seinem letzten Wienaufenthalt: Im April 2015 hielt er im Wien Museum einen Vortrag über den “Diasporic Terrorism“ der Gegenwart.

„Eine seiner erschütternden Thesen war es, dass die Nähe von Fremden heute zwangsläufig Terror erzeugt“, sagt Ludger Hagedorn vom IWM, das den Vortrag mitveranstaltet hat. Heutige Migration sei eine neue Form, die es so früher nicht gegeben habe. Sie sieht keine Integration mehr vor, wie sie Bauman – der selbst zweimal in die Migration gezwungen wurde – persönlich erlebt hat.

Migranten würden sich heute zwar in der neuen Umgebung zurechtfinden, behalten aber zugleich ihre alte Identität bei. Und daraus ergeben sich zwangsläufig Spannungen - bis hin zum Terrorismus. Ludger Hagedorn: „Bauman meinte, dass der Fremde heute eine neue Kategorie ist, die zwischen dem Freund und dem Feind steht.“ Mit dem Befund wollte er nicht zur Panikmache vor Fremden beitragen, sondern auf gesamtgesellschaftliche Prozesse hinweisen.

„Was uns an Fremden erschreckt, ist die Angst vor dem eigenen Abstieg, meinte Bauman. Er brachte das auf die Formel: Die Migranten sind für die Gesellschaften wandelnde Dystopien, wandelnde Mahnmale dessen, wie schwierig die eigenen Lebensbedingungen sind oder sein könnten und wie sich diese diffusen Ängste gegen die Leute richten, die uns daran erinnern.“

Zygmunt Bauman
Associated Press

Bücher von Zygmunt Bauman

Flüchtige Moderne, edition suhrkamp
Leben in der Flüchtigen Moderne, edition suhrkamp
Gemeinschaften, edition Suhrkamp
Wir Lebenskünstler, edition suhrkamp
Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeiten, Hamburger Edition
Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburger Edition
Europa. Ein unvollendetes Abenteuer, CEP Europäische Verlagsanstalt
Dialektik der Moderne. Die Moderne und der Holocaust, CEP Europäische Verlagsanstalt
„Retten uns die Reichen?“, Herder Verlag

Sekundärliteratur

Matthias Junge: Zygmunt Bauman: Soziologie zwischen Moderne und Flüchtiger Moderne. Eine Einführung, Verlag für Sozialwissenschaften
Jens Kastner: Zygmunt Bauman. Globalisierung, Politik und Flüchtige Kritik, Turia&Kant Verlag

Biografie von Bauman

Zygmund Bauman wurde 1925 in Polen geboren. Während des Zweiten Weltkriegs musste die jüdische Familie vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion fliehen. Bauman diente in der stalinistischen Ära als Offizier, was ihm später von nationalistischen Kreisen in Polen öfter zum Vorwurf gemacht wurde. Immer wieder war Bauman von Störaktionen betroffen, so auch beim Vortrag im April 2015 in Wien.

Nach seiner Rückkehr in seine Heimat studierte Bauman Soziologie. Von 1964 an leitete er das soziologische Seminar an der Universität Warschau. Nach einer antisemitischen Kampagne in der kommunistischen Partei Polens verlor er im Jahr 1968 seinen Lehrstuhl in Warschau und lehrte zunächst in Israel. Kurz zuvor hatte er unter Protest seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei aufgegeben, der er seit Studentenzeiten angehörte.

Von 1971 bis zur Emeritierung 1991 lehrte Bauman als Professor an der Universität Leeds in England. Er wurde unter anderem mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis (1998) und dem Prinz-von-Asturien-Preis (2010) ausgezeichnet.

Bauman ist am Montag, 9. Jänner 2017, im Beisein seiner Familie in Leeds gestorben, seine Frau hat laut Nachrichtenagentur AP Freunden mitgeteilt, dass er sich in die „flüssige Ewigkeit“ verabschiedet habe.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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