Ein Labor geht um die Welt

1882 ist in Wien das allererste Forschungszentrum für Neurologie entstanden. Es zog bald Forscher aus aller Welt an. Warum besonders viele japanische Psychiater hier tätig waren, erklärt der Japanologe Bernhard Leitner in einem Gastbeitrag.

Bernhard Leitner
Jan Dreer für IFK

Über den Autor

Bernhard Leitner studierte Japanologie und Philosophie in Wien und Tokyo. 2015 war er Toshiba International Foundation Fellow und von 2013 bis 2016 uni:docs Fellow am Institut für Ostasienwissenschaften. Derzeit ist Bernhard Leitner IFK_Junior Fellow.

In den 1860er Jahren kam es in Japan zu einer umfassenden Modernisierungsbewegung nach europäischem Vorbild. Ziel war nicht weniger, als durch tiefgreifende Reformen in Politik, Wirtschaft, Recht, Landwirtschaft, Militär und Technik zum Westen aufzuschließen um der drohenden Kolonialisierung zu entgehen.

Diese Bemühungen schlossen auch die Etablierung eines Wissenschaftssystems ein. Am Ende des 19. Jahrhunderts bedeutet dies zunehmend Wissenschaft im Sinne von Naturwissenschaft. Dieser Trend sollte auch die medizinische Landschaft in Japan nicht unberührt lassen.

Deutsche Schule in Japan

1869 wurde per Verordnung deutsche Medizin als offizielle Schulmedizin Japans eingesetzt und damit gleichzeitig alle überlieferten Heilpraxen verboten, das betraf vor allem die unter der allgemeinen Bevölkerung verbreitete klassische chinesische Medizin.

Für deutsche Medizin entschied man sich offiziell aus pragmatischen Gründen, da sie den medizinischen Gelehrten Japans schon aus der Rezeption deutscher Anatomie im 17. Jahrhundert bekannt gewesen sei. Viel eher dürften die Gründe aber in der naturwissenschaftlichen Herangehensweise der deutschen beziehungsweise österreichischen Mediziner gelegen sein, man denke nur an Rudolf Virchow oder Carl von Rokitansky.

Dieser frühe Einfluss ließ Deutsch zu einer Art medizinischen Fachsprache in Japan avancieren. Und so wurde auch am ersten Lehrstuhl für Psychiatrie der Kaiserlichen Universität Tokyo mittels prominenter deutscher Theorie psychiatrisches Wissen vermittelt.

Die Geburt der Neurologie

Zeitgleich schlug Heinrich Obersteiner 1882 in Wien mit der Gründung des ersten Neurologischen Institutes weltweit ein neues Kapitel in der Geschichte medizinischer Disziplinen auf. Obwohl schon neurologische Fragestellungen über den Aufbau und die Funktion des Nervensystems in Einrichtungen der Inneren Medizin, der Histologie, Physiologie und Anatomie behandelt worden waren, blieb es Obersteiner vorbehalten die Neurologie erstmals gesondert zu institutionalisieren.

Färbung eines Nervenstrangs von Kure Shuzo
Bernhard Leitner
Färbung eines Nervenstrangs von Kure Shuzo, 1899

Er hatte mit dem Institut ein innovatives Labor eingerichtet, das insbesondere neuartige Methoden und Techniken zur Untersuchung des Nervensystems bereitstellte. Darunter wurden natürlich die Mikroskopie aber ganz entscheidend auch Gewebefärbungs- und Präparationsverfahren, heute würde man sagen Visualisierungen, praktiziert.

Wiener Medizin international

Nicht nur für die Psychiatrie, die sich über medizinische Methodik mit psychischen Krankheiten befasst, war die Neurologie, die ein besseres Verständnis über den Zusammenhang von Nervensystem und psychischen Funktionen erhoffen ließ, ein vielversprechendes neues Wissensfeld. Es dürfte also nicht verwundern, dass sowohl aus ganz Europa, als auch vom amerikanischen Kontinent Forscher zu diesem Wiener Institut strömten.

Veranstaltungshinweis

Am 16.1. hält Leitner den Vortrag „Reine Nervensache? Psychiatrie und Neurologie zwischen Tokio und Wien um 1900“. Ort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien. Zeit: 18:15 Uhr - 20:00 Uh

Die rege Internationalisierung des Institutes in Wien führte darüber hinaus zum erfolgreichen Export des Konzeptes „Neurologisches Institut“ in andere Länder. Die klar humanistische Haltung des Gründers Obersteiner unterstrich zusätzlich den von Anfang an internationalen Charakter des Institutes, das bereitwillig ausländische Studenten beherbergte. Nur warum dort gerade überproportional viele japanische Ärzte tätig werden sollten lässt gewisse Fragen offen.

Wiener Netzwerk in Tokyo

Für die in Japan erst in Entstehung begriffene Psychiatrie war neurologische Forschung die Chance schlechthin sowohl internationale als auch nationale Reputation zu erlangen. Zum einen konnte man durch eine Laborwissenschaft schneller zur internationalen Spitzenforschung aufschließen, als durch den ressourcenintensiven Aufbau eines psychiatrischen Anstaltssystems, um klinisches Forschungsmaterial zu akquirieren. Zum anderen konnte man den innerhalb der Medizin vergleichsweise marginalen und latent unterfinanzierten Fachbereich Psychiatrie stärken.

Seite aus Miyake Koichis Lehrbuch
Bernhard Leitner
Seite aus Miyake Koichis Lehrbuch

Also bemühten sich die ersten japanischen Psychiatrieprofessoren wie Kure Shuzo und Miyake Koichi in Wien an Obersteiners Institut unterzukommen. Dem überzeugten Internationalisten Obersteiner ist es auch zu verdanken, dass sich daraus ein beständiges Netzwerk zwischen Wien und Tokyo ergab, das den ersten Weltkrieg trotz Rivalität von Österreich und Japan überdauerte und weit bis ins 20. Jahrhundert bestand.

Neurologie vor Psychiatrie

Wien war aber nicht das einzige Ziel der Ärzte aus Japan, denn die meisten gingen auch nach Deutschland um ihre „Helden“ der in Japan hochangesehenen deutschen psychiatrischen Lehren zu hören, speziell den Star der klinisch experimentellen Psychiatrie der Zeit Emil Kraepelin.

Kraepelins Lehre bildete zu großen Teilen die Grundlage für frühe japanische Psychiatrielehrbücher. Der wiederum stand der neuropsychiatrischen Forschung eher skeptisch gegenüber. Trotzdem wurde mit der Japanischen Gesellschaft für Neurologie die erste Vereinigung von Psychiatern und Neurologen geschaffen, in der die Psychiatrie quasi als Teilbereich der Neurologie vertreten war.

Offensichtlich führten die besondere Konstellation im jungen japanischen Wissenschaftssystem und die begleitenden politischen Faktoren dazu, dass in Japan, ganz anders als in Europa, die Neurologie vor der Psychiatrie akademisch institutionalisiert wurde.

Das praktische Training in Wien sowie das dadurch implizit vermittelte Wissen waren anscheinend einflussreicher als die an der Oberfläche der japanischen Akademie viel sichtbarer platzierte deutsche klinische Psychiatrie. Letztendlich dauerte es nicht lange, bis auch in Tokyo die Pforten einer Forschungseinrichtung nach Vorbild des Wiener Institutes öffneten.

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