Wie Stress Herzinfarkte auslöst

Stress kann die Gefahr von Herzinfarkten und Schlaganfällen erhöhen: Der Zusammenhang ist lange bekannt, den Mechanismus dahinter könnten nun US-Forscher geklärt haben. Ihnen zufolge spielt eine Region im Gehirn eine Schlüsselrolle.

Auf Grundlage ihrer soeben veröffentlichten Studie könnten eines Tages neue Möglichkeiten gefunden werden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekämpfen, hofft das Team um den Kardiologen Ahmed Tawakol von der Harvard Medical School in Boston.

Stresszentrum im Gehirn untersucht

Chronischer negativer Stress kann - neben Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes - das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und ähnliche Krankheiten erhöhen. Tierversuche haben gezeigt, dass Stress zu den Ursachen dieser Erkrankungen beiträgt: Arterienverkalkung, Entzündungsreaktionen und verstärkte Aktivität des Knochenmarks. Wie der Mechanismus beim Menschen aber genau funktioniert, ist bisher unklar.

In ihrer Studie haben Tawakol und Kollegen deshalb bei knapp 300 Patienten die Werte von Knochenmark, Arterienentzündungen und der Aktivität des Gehirns untersucht. Mittels PET stellten sie Bilder der Amygdala her - jenes Gehirnbereichs, der wichtig ist für das Verarbeiten von Gefühlen und als „Stresszentrum“ gilt. Die zu Untersuchungsbeginn gesunden, durchschnittlich 55 Jahre alten Menschen wurden knapp vier Jahre später wieder untersucht: 22 von ihnen hatten in dem Zeitraum eine Herz-Kreislauf-Erkrankung entwickelt.

Mehr entzündete Arterien

Auffällig bei ihnen war eine erhöhte Aktivität der Amygdala, weshalb die Forscher folgenden biologischen Mechanismus annehmen: Der Gehirnbereich, der den Stress verarbeitet, sendet Signale ans Knochenmark, mehr weiße Blutkörperchen herzustellen. Diese führen zu den Entzündungen der Arterien, die wiederum zu Atherosklerose und Herzinfarkten beitragen.

Aktivität im Knochenmark (rechts von einer Person mit einem Schlaganfall)
Tawakol et al, 2017, The Lancet
Unterschiedliche Aktivität im Knochenmark (rechts von einer Person nach einem Schlaganfall)

In einer zweiten Studie - mit allerdings nur 13 Teilnehmern - standen Patienten im Mittelpunkt, die in der Vergangenheit mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen hatten. Bei jenen mit den stärksten subjektiven Stresserfahrungen war der Gehirnbereich der Amygdala am aktivsten, und sie hatten auch die stärksten Entzündungsreaktionen.

Wie die Forscher betonen, sind damit aber noch nicht alle Puzzlesteine der Stressverarbeitung zusammengefügt. Dazu bedürfe es weiterer Studien, mit höheren Teilnehmerzahlen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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