So wissenschaftlich ist „The Big Bang Theory“

In der Welt von Kino und Fernsehen arbeiten Forscher aller Couleur - von Dr. Frankenstein bis zu den Dinoforschern aus „Jurassic Park“. Selten jedoch ist der wissenschaftliche Hintergrund so sorgfältig ausgearbeitet wie bei „The Big Bang Theory“, wie eine Studie zeigt.

Margaret Weitekamp, Kuratorin am National Air and Space Museum in Washington, hat die Analyse der Serie im wissenschaftlichen Fachjournal „Physics Today“ veröffentlicht.

Das Setting ist wie in so vielen US-Sitcoms eine WG-Wohnung. Dort leben aber nicht Freunde oder eine Familie zusammen, sondern zwei hochbegabte Physiker mit unterentwickeltem Sozialverhalten. Zu den Serien-Zutaten gehören außerdem die „Klingonen-Scrabble“ spielenden Forscherkumpels, einige um Anerkennung kämpfende Wissenschaftler-Freundinnen sowie Whiteboards mit Formelkolonnen und einem riesigen Modell der DNA-Doppelhelix.

Szenenbild "The Big Bang Theory"
ASSOCIATED PRESS
Szenenbild „The Big Bang Theory“

Ein Clou der Serie: Die Formeln auf den Whiteboards passen thematisch zu den Episoden-Themen. Dazu haben sich die Serienmacher extra David Saltzberg, Physik- und Astronomieprofessor der University of California, ins Boot geholt. Vor allem für die ersten Staffeln der Serie mussten die Schauspieler zudem seitenlang Fachvokabular auswendig - und richtig aussprechen - lernen.

Wissenschaftler als Nerds

Das Forscherambiente ist so stimmig, dass viele bekannte Wissenschaftler, etwa Astrophysiker Neil deGrasse Tyson, schon Cameo-Auftritte in der Serie hatten. Zudem unterstützte die US-Raumfahrtbehörde NASA das Team, um einen ISS-Flug von Astrophysiker Howard möglichst realistisch aussehen zu lassen.

Doch trotz aller Hintergrunddetails zeigt auch diese Serie einen Wissenschaftler-Stereotyp, betont Weitekamp: Den Nerd, ein sozial schwer kompatibles, in sein Fachgebiet versunkenes Superhirn. „In der ‚Big Bang Theory‘ sind Nerds sowohl Gegenstand der Serie als auch ein Teil der Zuschauerschaft.“ Deren anderer Teil wird durch „normale“ Menschen, etwa die ebenso nette wie physik-ahnungslose Nachbarin Penny, in der Serie repräsentiert.

Männliche Protaggonisten

Auch die deutsche Medienwissenschaftlerin Petra Pansegrau von der Universität Bielefeld hat lange über das Bild von Wissenschaftlern in Film und Fernsehen gearbeitet. Als verbreitete Stereotypen nennt sie: Den verrückten Wissenschaftler à la Jekyll and Hyde, den Abenteurer-Typen wie etwa im Da Vinci Code und den professionellen Wissenschaftler, der in biografischen Filmen wie „Good Will Hunting“ oder „The Theory of Everything“ vorkommt.

„Unsere Analyse, die über 220 Spielfilme des gesamten 20. Jahrhunderts untersucht, ergab über 82 Prozent männlicher Protagonisten“, sagt Pansegrau.

Frauenrollen, die wesentlich seltener sind, folgen ebenfalls Mustern, wie Eva Flicker von der Universität Wien herausfand: Wissenschaftlerinnen sind demnach oft in untergeordneten Positionen zu sehen, als „die Assistentin“. Oder sie sind der Typ „einsame Heldin“, also modern und kompetent, aber privat isoliert. Daneben findet sich die „korrupte Wissenschaftlerin“ - schön, jung und skrupellos. Oder auch ein harter, vermännlichter Forscherinnentyp.

Überzeichnete Klischees

Um die vorrangige Darstellung von Wissenschaft gehe es jedoch fast nie, betont die Bielefelder Forscherin Pansegrau. Auch bei „The Big Bang Theory“ nicht. „Es geht den Produzenten nicht um das Image der Physik oder die angemessene Darstellung des Physikers.“

Verbreitete Klischees würden aufgegriffen und überzeichnet, ähnlich wie es auch bei Medizinerserien wie „Dr. House“ der Fall sei. „All diese Serien versuchen, interessante, fantasievolle und neuartige Charaktere zu schaffen und damit die Aufmerksamkeit des Publikums zu erlangen“, sagt Pansegrau.

Und in vielen Fällen gelingt genau das: Ein Blick auf die riesige Fangemeinde der mittlerweile in Staffel vier angekommenen Sherlock-Reihe zeigt: Auch hyperrationale Schlauköpfe mit autistischen Zügen können begeisterte Reaktionen auslösen.

Und was sagen die Forscher selbst dazu? „Sherlock ist für mich eine gute Unterhaltungsserie. Aber mit Wissenschaft hat sie nichts zu tun“, sagt die US-Neurowissenschaftlerin Susan Koester. Das größte Manko in vielen Filmen und Serien sei, dass wissenschaftliche Analysen viel zu schnell abliefen: „Da heißt es: Hier ist die DNA-Spur! Und sofort weiß der Experte Bescheid.“

Andrea Barthélémy, dpa

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