Glaubensbekenntnis der US-Demokratie

Wenn Donald Trump am Freitag um 18 Uhr MEZ angelobt wird, steht er in einer langen Tradition. Die Inauguration von US-Präsidenten ist ein Höhepunkt der US-Demokratie. Thomas Jefferson, einer ihrer Gründerväter, hat sie als „Glaubensbekenntnis“ bezeichnet.

„Die Inauguration ist ein zentrales Element der US-Zivilreligion“, sagt der Amerikanist Heinz Tschachler von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. „Sie ist das Sakrament der amerikanischen Demokratie.“

Mythos der Wiedergeburt

Ganz wichtig dabei sei der Mythos der Wiedergeburt – „ein Prozess, der Menschen in neue Menschen verwandelt, die frei sind von Schuld – in Amerikaner“. Die Wurzeln dieses Mythos liegen in der Religion, konkret in der Besiedlung Amerikas durch die Puritaner im frühen 17. Jahrhundert. Sie verstanden sich als Gottes auserwähltes Volk, das nach seiner Emigration aus England nun in der Wildnis Nordamerikas zu bestehen hatte. „Als junge Nation haben die USA ein symbolisches Konstrukt gebraucht, um ihre Identität zu definieren“, sagte Tschachler gegenüber science.ORF.at.

Barack Obama kommt am Kapitol in Washington bei seiner ersten Inauguratin 2009 an
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Barack Obama kommt am Kapitol in Washington bei seiner ersten Inauguration 2009 an

Der Mythos der Wiedergeburt habe diesen religiösen Zusammenhang verloren, sei bis heute aber allgegenwärtig. Daran knüpfen auch zahlreiche Antrittsreden von US-Präsidenten an. So bat Bill Clinton etwa 1993 seine Landsleute, mit ihm „Amerika neu zu erfinden“, Ronald Reagan sprach 1980 davon, dass „wir die Welt gemeinsam neu beginnen können“.

Schwur und Rede stehen im Zentrum

Die Inauguration am Freitag besteht aus zehn Teilen: Sie beginnt und endet mit Musik – der US-Nationalhymne. Nachdem zahlreiche Stars nicht für Trump singen wollten, wird diese Ehre nun der eher unbekannten Nachwuchssängerin Jackie Evancho zuteil. Zwischen der Musik wird eine Reihe von Reden gehalten, von Politikern und religiösen Vertretern. Im Zentrum aber stehen der Schwur des künftigen Präsidenten und seine anschließende Rede. Laut dem Soziologen Robert Bellah handelt es sich dabei um jene „Äußerung in der US-Öffentlichkeit, die liturgisch am bedeutsamsten ist, am behutsamsten gefertigt wird und das größte Publikum hat“.

Sendungshinweise

„ZIB Spezial: Inauguration des 45. US-Präsidenten Donald Trump“: Freitag, 20.1., ab 17 Uhr, ORF2. Auch Ö1, Ö3, FM4 und die ORF-Regionalradios berichten darüber im Rahmen der Nachrichten und „Journale“.

2009 waren es mehr als eine Million Menschen, die Barack Obama bei seiner ersten Inauguration hören wollten. Geplant wird sie seit über hundert Jahren von einem speziellen Komitee des amerikanischen Kongresses. Es gibt auch einen eigenen Zeremonienmeister: Der heute 88-jährige Charlie Brotman war Announcer der Inaugural Parade von insgesamt elf US-Präsidenten, wurde allerdings letzte Woche von Trump gefeuert, wie Ö1 berichtet hat.

Thema: „Uniquely American“

Das Komitee hat jedenfalls wie üblich ein Thema für die Inauguration beschlossen. Es lautet nicht wie Trumps Slogan „Make America Great Again“, sondern „Uniquely American“. Einzigartig sei die Inaugurationsfeier als Ausdruck des US-Verfassungssystems, so das Komitee. „Der friedliche Übergang zwischen Präsidenten signalisiert, dass wir als Volk gemeinsam hinter einer dauerhaften Republik stehen.“

Die Geschichte dieser Machtübergaben ist deshalb oft Teil der Antrittsreden und soll die Einheit der Bevölkerung beschwören, sagt der Amerikanist Tschachler. Ob das auch heuer der Fall sein wird, ist fraglich. Üblicherweise jedenfalls wird bei diesen Reden weniger über konkrete Politik gesprochen - wie etwa bei Regierungserklärungen in Europa - als ein bestimmter „politischer Ton“ eingeschlagen, eine Grundstimmung für die kommenden Vorhaben.

Die rhetorischen Stilmittel

Tschachler hat auch die Rhetorik untersucht, die Präsidenten bei ihren Antrittsreden verwendet haben. „Diese Reden bestätigen nationale Prinzipien, sie erhöhen die rituelle Erfahrung durch eine würdevolle, unpersönliche und literarische Sprache. Sie sind deshalb ein gutes Beispiel dafür, was die Rhetorik einen genus sublime nennt.“

Gemeint ist damit ein gehobener Stil, der starke Emotionen bei den Zuhörern auslösen soll. Beliebt als Stilmittel sind rhetorische Fragen, Parallelismen, Antithesen (John F. Kennedy: „United, there is little we cannot do; divided, there is little we can do“) und Chiasmen (wieder JFK: „Let us never negotiate out of fear. But let us never fear to negotiate“ ). Oft werden religiöse Bilder verwendet, Verweise auf „die Freiheit“ gemacht und auf kollektive Einheiten wie “die Nation, die Freiheit, die Republik, das Volk, das Schicksal etc.“ sowie Gegensätze betont (Amerika und die Sowjetunion, die freie Welt und die anderen …).

Barack Obama mit Familie bei seiner ersten Inauguration, am 20.1.2009
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Barack Obama mit Familie bei seiner ersten Inauguration, am 20.1.2009

Was die Länge der Reden betrifft, gibt es keine Vorgaben. Den Minimalrekord hält George Washington, dessen Antrittsrede 1793 nur 135 Worte umfasste. William Harrison hingegen hat die längste Antrittsrede der Geschichte gehalten: Im März 1841 sprach er zwei Stunden. Obwohl es bitterkalt war, verzichtete der frischgebackene Präsident auf Hut und Mantel und holte sich eine Lungenentzündung – nur einen knappen Monat danach starb er.

Rede stammt von Hardliner

Das versucht Trump zu vermeiden. „Er will nicht, dass die Leute zu lange in der Kälte stehen“, sagte der Historiker Douglas Brinkley, der Ende Dezember mit Trump zur Vorbereitung seiner Rede gesprochen hat. Maximal eine halbe Stunde lang wird die Rede dauern, schätzen Experten.

Sehr wahrscheinlich ist, dass sie aus der Feder von Stephen Miller stammt bzw. dass er stark daran beteiligt ist. Miller gilt als konservativer Hardliner. Er war schon im Wahlkampf für viele der angriffigen Reden Trumps verantwortlich und hat auch als Einpeitscher bei vielen Veranstaltungen gedient.

Gut möglich, dass die Antrittsrede am Freitag daher weniger staatsmännisch und ausgeglichen ausfällt als bei früheren Präsidenten. Trump wird wohl die zentralen Themen seines Wahlkampfs betonen – Vorrang für die US-Wirtschaft, Ende von „Obamacare“, Migrationskontrolle und Sicherheit –, dabei aber auch auf die zivilreligiösen Aspekte des Moments nicht vergessen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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