Forscher erschaffen Mensch-Schwein-Chimäre

Es klingt wie Science-Fiction: US-Wissenschaftler haben ein Mischwesen geschaffen - aus Zellen von Schwein und Mensch. Wozu werden solch ethisch umstrittene Versuche überhaupt gemacht?

Es geht letztlich darum, dass irgendwann Menschen nicht mehr Monate auf ein neues Herz oder eine neue Niere warten müssen - Ersatzorgane, die in den meisten Fällen von Verstorbenen stammen. Die Monaten des Wartens sind riskant, und das Immunsystem wehrt sich gegen ein frisch transplantiertes Organ eines anderen Menschen.

„Menschliche Zellen wachsen im Tier“

Hier suchen Labors weltweit nach Lösungen. Eine davon könnte die gezielte Züchtung von Ersatzorganen sein. Das Salk Institute for Biological Studies in Kalifornien hat nun einen Ansatz gewählt, der viele ethische Fragen aufwirft: Die Forscher haben Zellen von Menschen und Schweinen kombiniert. Die von ihnen hergestellten Schweineembryos bestehen allerdings nur zu einem winzigen Teil aus menschlichen Zellen. Der Anteil wird mit 0,001 Prozent angegeben.

„Wir haben zum ersten Mal nachgewiesen, dass menschliche Zellen in einem Tier wachsen können“, sagte Studienleiter Juan Carlos Izpisua Belmonte. Im Labor wurden Stammzellen von Menschen in sehr junge Schweineembryos eingeschleust. Diese wurden in Mutterschweine eingesetzt, wo sie sich der Studie zufolge zu Vorläufergewebe von Herz und Leber entwickelten. Nach drei, vier Wochen wurde der Versuch abgebrochen.

Vollständige Mischwesen verboten

Lebende Chimären aus Mensch und anderen Lebewesen zu schaffen ist in den USA verboten - so wie in allen westlichen Ländern. Bevor sie diese ethisch höchst umstrittene Kombination testeten, hatten die Forscher das Prinzip übrigens mit Ratten und Mäusen ausprobiert - genetisch veränderte Mäuse, denen mit Hilfe der Technik Cripr/Cas9 Gene herausgeschnitten wurden, die zum Beispiel die Bauspeicheldrüse entstehen lassen. Die Mäuseembryos entwickelten das Organ dann mit Hilfe von Rattengewebe.

Mikroskopie: Gewebe eines Embryos
Salk Institute
Die Chimäre: Menschliche Zellen (grün) in einem vierwöchigen Schweineembryo

Maus und Ratte sind einander allerdings ähnlicher als Mensch und Schwein. Das Mischwesen Maus-Ratte war dementsprechend weiter vorangeschritten als der Versuch mit den menschlichen Stammzellen in Schweinen. Der klappte nicht so leicht: Die Forscher haben insgesamt 2.000 Mischzellhaufen im Labor erzeugt, von denen sich nur 180 in Mutterschweinen entwickelten.

Ethische Debatte: Wo ist die Grenze?

Über all dem schwebt die Grundfrage: Darf man, was man vielleicht kann? Will man es? Und falls man es möchte: Wo ist die Grenze?

Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtete auch heutige das Mittagsjournal, 27.1., Ö1.

Die Versuche in Kalifornien wurden nicht mit staatlichem Geld gefördert, die ethische Debatte über Mensch-Tier-Kreuzungen gärt schon länger. Es geht dabei nicht nur um Menschenwürde, sondern auch um die der Tiere.

Jedenfalls gäbe es auch alternative Möglichkeiten, das Problem der Abstoßung von Spenderorganen zu lösen. Einen anderen Weg geht zum Beispiel der gebürtiger Tiroler Harald Ott an der renommierten Harvard Medical School: Er will Organe künstlich bauen, indem er eine Matrix mit Zellen der jeweiligen Person besiedelt - mit Blutgefäßen und Organen von Ratten scheint er damit bereits voranzukommen.

Barbara Riedl-Daser, Ö1-Wissenschaft

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