Armut bekämpfen und Umwelt schützen

Ein Recyclingprojekt im brasilianischen São Paulo wurde zum Weg aus der Armut und leistet gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz. Mittlerweile hat das Pionierprojekt hunderte Nachahmer gefunden.

Die internationale Schuldenkrise der 1980er Jahre traf Brasilien hart. Arbeitslosigkeit und Armut stiegen stark an. Viele Menschen konnten sich die Miete nicht mehr leisten und verloren ihr Zuhause. In einer von katholischen Nonnen betriebenen Suppenküche in São Paulo trafen sich die Ärmsten der Gesellschaft, die sozial ausgegrenzten Müllsammlerinnen und -sammler.

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Der Kongress „Gutes Leben für alle“ findet von 9.-11. Februar in Wien statt.

Hier entstand die Idee, einen Teil des Geldes, das die Sammlerinnen für recycelbares Material wie Papier, Plastik und Metall erhielten, zu sparen, um damit ein großes Fest zu veranstalten. Mit dem Fest sollte das Leben gefeiert und den Müllsammlern ein Stück ihrer Würde zurückgegeben werden, erzählt die Soziologin und Aktivistin Elisabeth Grimberg vom brasilianischen Instituto Pólis, einer NGO für nachhaltige Stadtentwicklung.

Grafitti eines Müllsammler in Brasilien
Südwind
Grafitti vor Coopamare zeigt Müllsammler

„Diese Erfahrung hat den Sammelnden gezeigt, dass sie mehr erreichen, wenn sie systematisch zusammenarbeiten“, schildert Grimberg. Sie gründeten die erste Materialsammel-Kooperative, genannt Coopamare. Coopamare entwickelte sich zum Modell für viele andere Kooperativen. In ganz Brasilien sind es mittlerweile rund 600, mit schätzungsweise 50.000 Sammelnden. Die Mitglieder der Kooperativen organisieren ihre Arbeit selbst, sie sind alle gleichberechtig und erhalten denselben Lohn.

Überleben in der Müllbranche

Wiederverwertbares Material wird von Privathaushalten, Firmen und von der Straße gesammelt, in den Kooperationen gereinigt, sortiert und anschließend zu großen Paketen gepresst. „Durch die gemeinsame Abgabe größerer Mengen, erzielen die Kooperativen bessere Preise, wenn sie das Material weiterverkaufen“, so Grimberg. Die Arbeit erfordere viel Fachwissen. Die Sammelnden müssen sieben verschiedene Sorten Glas unterscheiden und hunderte Typen Plastik in mehrere Kategorien einteilen. Dazu kommen unterschiedliche Metall- und Papierarten.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 10.2. um 13:55

Viele Kooperativen würden mit städtischen Behörden zusammenarbeiten, die ihnen Müllpressen und Fahrzeuge zur Verfügung stellen. Ohne solche Partnerschaften sei es schwer als Kooperative zu überlegeben, sagt die Soziologin. Eine besondere Herausforderung sei der schwankende Preis, der für die gesammelten Materialien bezahlt werde. Zwischenhändler würden zudem versuchen, den Materialpreis möglichst niedrig zu halten. Gegen sie kämen kleine Kooperativen ohne Förderungen nur schwer an.

Vorurteile in der Bevölkerung

Ziel vieler Kooperativen sei es auch, Vorurteile in der Bevölkerung gegenüber den Materialsammlerinnen abzubauen. „Die Kooperative Asmare, in der Stadt Belo Horizonte hat eine eigene Bar eröffnet, in der sich die Menschen zum Tanzen und Musikhören treffen“, erzählt Grimberg. Sie sei eine Einladung an die übrige Bevölkerung die Sammelnden kennenzulernen.

Auch ein „Upcycling“-Geschäft, in dem aus alten Sachen neuwertige Produkte gemacht und verkauft werden, betreibt Asmare. „Kooperativen finden immer wieder neue Wege, um zu zeigen, dass die Sammlerinnen und Sammler eine gute Sache für die Gesellschaft sind. Statt auf der Müllhalde zu lande, werde jetzt mehr Material dem Recycling-Prozess zugeführt. Sie leisten also auch einen wichtigen Beitrag für den Umweltschutz.

Lena Hallwirth, Ö1 Wissenschaft

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