Alzheimer: Mut zur Frühdiagnose

Schon wieder einen Namen vergessen und die Schlüssel verlegt - sind das die ersten Symptome einer Alzheimer-Erkrankung? Bei einer Konferenz in Wien machen Experten Mut, derlei Symptome abklären zu lassen: Dahinter könnten auch harmlosere Krankheiten stecken.

Irgendwann fängt es an. Die erste Nervenzelle stirbt ab, rund 30 Jahre vor der ersten auffälligen Vergesslichkeit. Es ist ein stiller, im Inneren des Gehirns schleichender Vorgang, der bis dato nicht aufgehalten, nur verzögert werden kann. Trotzdem herrscht im Wiener Austria Center, wo die 13. Internationale Konferenz für Alzheimer und Parkinson stattfindet, keine Katerstimmung.

Im Gegenteil, die Alzheimer-Experten blicken mit Zuversicht in die Zukunft und hoffen in den nächsten Jahren bald bessere und schnellere Diagnosemöglichkeiten in den Händen zu halten, wie etwa einen Bluttest, an dem geforscht wird und aus dem mit hoher Wahrscheinlichkeit ablesbar sein sollte, ob jemand Alzheimer entwickeln wird oder nicht.

Wiener Austria Center: Alzheimer-Kongress
Stindl/ORF
Kongress im Austria Center: Fortschritte der Alzheimer-Forschung

In den vergangenen 10 Jahren habe sich die Frühdiagnostik deutlich verbessert, sagt der Neurologe und Psychiater Peter Dal-Bianco von der Medizinischen Universität Wien. Die Diagnose erfolge in mehreren Schritten, zu allererst die klinische, sie besteht aus einem ausführlichen Gespräch mit dem Patienten, Angehörigen und Bekannten.

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Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal, 31.3., 12 Uhr.

Der nächste Diagnoseschritt konzentriert sich auf den Ausschluss anderer Ursachen. Denn in rund 50 Prozent aller Fälle steckt hinter dem „mild cognitive impairment“, einer leichten geistigen Beeinträchtigung keine beginnende Alzheimerdemenz, sagt Psychiater Lutz Frölich von der Universität Heidelberg. Es können Depressionen, hormonelle Veränderungen oder Hirnblutungen dahinter stecken – Erkrankungen, die gut behandelbar sind.

Auf der Suche nach Biomarkern

Der dritte Diagnoseschritt - der in den letzten 10 Jahren dazugekommen ist - begibt sich auf die molekulare Ebene und auf die Suche nach sogenannten Biomarkern. Biomarker sind biologische Merkmale, die auf eine Krankheit hinweisen. So geben bestimmte Eiweiß-Stoffe (zB Beta-Amyloid/Tau-Protein) Hinweise auf Alzheimer und es gibt die Möglichkeit der Liqour-Punktion, also einer Untersuchung der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit.

Davor würden sich allerdings die meisten Menschen scheuen, sagt Dal-Bianco, obwohl die Aussagekraft mit einer Spezifität von rund 85 Prozent recht hoch ist. Auch strukturelle Untersuchungen seien in diesem Schritt möglich, wie etwa eine Magnetresonanztomographie, bei der andere hirnorganische Ursachen, die zu Vergesslichkeit führen, ausgeschlossen werden können.

Appell zur Abklärung

Rund drei bis fünf Monate dauert eine genaue Abklärung an einer Spezialklinik, sagt der Heidelberger Psychiater Lutz Frölich. Und er rät zu einer solchen, denn der Arzt könne den Betroffenen und ihrer Familie helfen: durch Medikamente und Tipps zu speziellen Denk-, Bewegungs- und Koordinationsübungen.

Lutz Frölich: „Es ist nicht sinnvoll, den Kopf in den Sand zu stecken und zu denken, da kann man gar nichts machen, das will ich gar nicht wissen. Das ist eine schwere Krankheit wie viele andere auch, die man möglichst früh erkennen sollte und wo man die Kräfte mobilisieren sollte, um das Maximum für sich selbst heraus zu holen.“

Zudem könne der Betroffene, die Betroffene – sollte es sich tatsächlich um eine Alzheimer-Demenz handeln – rechtzeitig, in einem noch fast gesunden geistigen Zustand Vorkehrungen für die eigene Zukunft treffen, damit nicht andere Menschen über einen selbst entscheiden.

Demenzerkrankungen stellen weltweit eine tickende Zeitbombe dar, Morbus Alzheimer ist die häufigste Form. In Europa gab es im Jahr 2000 rund 1,9 Millionen neue Demenzpatienten – für 2020 wird mit 2,6 Millionen neuen Fällen gerechnet.

Gudrun Stindl, Ö1 Wissenschaft

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