Der Denker der Apokalypse

Der jüdische Religionsphilosoph Jacob Taubes war ein Denker der Subversion. Durch sein Werk zieht sich ein radikaler Gedanke: Ein neues und besseres Leben ist nur dann möglich, wenn der Menschen den totalen Bruch mit der bisherigen Welt vollzieht.

Zeit seines Lebens beschäftigte sich Taubes mit der Eschatologie - mit der Erwartung des Weltendes, die mit der Hoffnung auf eine neue, qualitativ bessere Welt verbunden ist. Als Zeitzeuge der nationalsozialistischen Massenvernichtung in verschiedenen Konzentrationslagern war ihm die Welt unerträglich geworden.

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich heute auch ein Beitrag im Dimensionen-Magazin (21.4., 19:05 Uhr).

Symposium

Das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften/Kunstuniversität Linz in Wien veranstaltete vor kurzem das Symposium „Apokalypse und Politik. Zur Aktualität von Jacob Taubes“ - anlässlich des 30. Todestages des jüdischen Religionsphilosophen.

Ähnlich wie der Dichter Paul Celan und der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch war Taubes von den Gräueltaten traumatisiert und konnte nicht verstehen, wie ein Großteil der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland dies verdrängen konnte. Für Taubes gab es nur eine Konsequenz - den radikalen Bruch mit der faktischen Welt, der von Einzelnen oder einer Avantgarde von Rebellen vollzogen werden sollte.

Apokalypse now!

Dieser revolutionäre Bruch wird in Visionen evoziert, wie sie etwa in der „Apokalypse des Johannes“ zum Ausdruck kommt. In prophetisch-visionärer Sprache, die sich zahlreicher Metaphern bedient, verkünden apokalyptische Schriften oder Bilder das Ende der bisherigen Geschichte, das Ende von Korruption, Dekadenz und Sittenlosigkeit. Die Apokalypse erfolgt plötzlich, sie ist kein Reformationsprozess, sondern revolutionär. („Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist, denn die Zeit ist nahe“).

Neben dem destruktiven Charakter weist die Apokalypse ein positives Element auf: Sie weckt die Hoffnung, dass ein anderes Leben in einer solidarischen Gesellschaft möglich ist.

„Das apokalyptische Prinzip enthält in sich eine gestaltzerstörende und eine gestaltende Macht vereinigt. Je nach Situation und Aufgabe tritt eine der beiden Komponenten hervor, keine aber darf fehlen."

„Abendländische Eschatologie“

Bereits in seiner 1947 verfassten Dissertation „Abendländische Eschatologie“, die heute als Hauptwerk des jüdischen Gelehrten gilt, entwarf Taubes ein Panorama von Endzeiterzählungen, die von dem Alten und Neuen Testament über die Gnosis und die Schriften des süditalienischen radikalen Mönchs Joachim von Fiore bis zum deutschen Idealismus, Karl Marx und Sören Kierkegaard reicht.

Judaist und Philosoph Jacob Taubes
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Jacob Taubes: „Das innerliche Licht brennt die Mauern der äußeren Institutionen nieder“

Bei Joachim von Fiore, ein Abt und Theologe des 12. Jahrhunderts, ortete Taubes gleichsam die Konzeption seines Hauptanliegens: Dass nämlich durch den Bruch mit dem Bestehenden ein neues Zeitalter anbrechen würde, ein glückliches Zeitalter - das Zeitalter des heiligen Geistes, das von der „intelligentia spiritualis“ erleuchtet sein und alle Freuden des Himmlischen Jerusalem bieten würde.

Revolution als „Expropriation“

Ein weiterer epochaler Bruch erfolgte laut Taubes durch das von Karl Marx, propagierte Ende der kapitalistischen Gesellschaft. Für Marx war der Kapitalismus, den er für das Elend der proletarischen Massen verantwortlich machte, das Synonym des Bösen.

„Die Arbeit erzeugt Wunderwerke für die Reichen, aber sie produziert Verelendung für die Arbeiter. Sie produziert Paläste, aber Höhlen für die Armen“, konstatierte Marx.

Der junge Jacob Taubes
Falk Nordmann

Biografie & Literatur

Jacob Taubes wurde am 25. Februar1923 in Wien als Sohn einer rabbinischen Gelehrtenfamilie geboren. Wegen der Herrschaft der Nationalsozialisten emigrierte Taubes mit seiner Familie 1936 nach Zürich, wo er eine Ausbildung zum Rabbiner absolvierte. Anschließend studierte er in Basel und Zürich Philosophie und Geschichte und promovierte 1947 mit einer Arbeit über die „Abendländische Eschatologie“. Ab 1949 lehrte Taubes als Dozent für Religionsphilosophie am Jewish Theological Seminary in New York. Von 1951 bis 1953 lehrte Taubes in Jerusalem, anschließend in Harvard und Princeton. In dieser Zeit befreundete er sich mit Herbert Marcuse. 1956 erhielt Taubes einen Ruf als Professor für Religionsgeschichte und Religionsphilosophie an die Columbia University in New York. Ab 1966 war er Ordinarius für Judaistik und Hermeneutik an der Freien Universität Berlin. Jacob Taubes starb 1987 in Berlin an einer Krebserkrankung.

  • Jacob Taubes: Abendländische Eschatologie, Matthes&Seitz Verlag
  • Jacob Taubes: Apokalypse und Politik. Aufsätze, Kritiken und kleinere Schriften, herausgegeben von Herbert Kopp-Oberstebrink und Martin Treml, Wilhelm Fink Verlag
  • Jacob Taubes: Vom Kult zur Kultur. Bausteine zu einer Kritik der historischen Vernunft. Gesammelte Aufsätze zur Religions- und Geistesgeschichte, herausgegeben von Aleida Assmann, Jan Assmann, Wolf-Daniel Hartwich, Winfried Menninghaus, Wilhelm Fink Verlag
  • Jacob Taubes: Die politische Theologie des Paulus, herausgegeben von Aleida Assmann, Jan Assmann, Horst Folkers, Wolf D. Hartwich, Christoph Schulte, Wilhelm Fink Verlag
  • Hans Blumenberg, Jacob Taubes: Briefwechsel 1961–1981, Suhrkamp Verlag

Dieser Verelendungsprozesse könne nur durch eine Revolution beendet werden, durch die revolutionäre Übernahme derjenigen Produktionsmittel, die sich im Besitz der Kapitalisten befinden. Mit dieser letzten, umfassenden Revolution - so Taubes - „produziert der Mensch den Menschen, sich selbst und den anderen Menschen“.

Das „Prinzip Hoffnung“

Diese Hoffnung auf eine solidarische Welt verband Taubes mit dem Philosophen Ernst Bloch, mit dem er auch den Glauben an das „Prinzip Hoffnung“ teilte. Ähnlich wie Taubes war Bloch davon überzeugt, dass es einer „tätigen Hoffnung“ bedürfe, um die Dürftigkeit der Welt, die im Dämmerzustand des „Noch -nicht“ verweilt, überwinden zu können.

Beide Philosophen hofften, dass ein ganz anderes Leben möglich wäre, in dem das Leid der Menschen ein Ende finden würde. Taubes verstand diesen universalistischen Anspruch aber auch politisch; er propagierte eine „Revolution von unten“, die Verdammten dieser Erde sollten die Repräsentanten der Staatsmacht hinwegfegen.

Die Welt verändern

Im Gegensatz zu Vertretern der „Frankfurter Schule“, die zwar in ihren Theorien die kapitalistische Gesellschaft verurteilten, es sich aber „im Hotel Abgrund“ dieses Systems komfortabel einrichteten, plädierte Taubes für gesellschaftspolitisches Engagement.

Im Sinne von Marx’ Diktum „Die Philosophen haben die Welt interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“, propagierte er lange vor Herbert Marcuse „die große Weigerung“ am schlechten Bestehenden zu partizipieren.

Diese kritische Haltung und die Bereitschaft, dagegen zu protestieren, verband Taubes mit der Studentenrevolte von Mai 1968, bei der er mit seiner Frau - der Philosophin Margaritha von Brentano - eine entscheidende Rolle gespielt hatte.

Allianz Taubes - Marcuse

Die Revolte der rebellischen Studenten von Mai 68 bedeutete für Taubes einen wesentlichen Bruch mit der Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Er hoffte, dass diese Bewegung einen radikalen Umsturz gesellschaftlicher Verhältnisse bewirken würde, den Taubes sehnsüchtig erhoffte.

Als Ordinarius für Judaistik und Hermeneutik an der Freien Universität Berlin hatte er Möglichkeiten, die subversiven Aktionen der Studenten aktiv zu unterstützen. So lud er Herbert Marcuse, den er während seiner Gastprofessur in Princeton kennen und schätzen gelernt hat, 1967 zu einem Vortrag nach Berlin ein, der zu einem der Höhepunkte des Widerstands gegen die herrschende Gesellschaftsformation wurde.

Wie aktuell Taubes Einschätzung der noch immer herrschenden kapitalistischen Gesellschaft ist, die angesichts der existenziellen Not von Migrantinnen/Migranten kaum solidarisch ist, zeigt eine Geschichte, die Taubes in beinahe prophetischer Weise erzählte:

„Auf der Suche nach einem sicheren Exil werden dem Flüchtling von den Behörden eines Staates, der ihn nicht aufnehmen will, auf dem Globus verschiedene andere Staaten gezeigt, in die er ausreisen könne. In ihnen würde er sicher aufgenommen werden. Nach einer kurzen Pause fragt der Flüchtling die Beamten: ‚Haben Sie keinen anderen Globus?‘“

Nikolaus Halmer, Ö1-Wissenschaft

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