Das Ende des amerikanischen Traums

Vom Tellerwäscher zum Millionär - von diesem amerikanischen Traum ist nicht mehr viel übrig, wie eine Studie zeigt. Bei den 1940 geborenen US-Bürgern haben noch etwa 90 Prozent mehr als ihre Eltern verdient, bei heute 30-Jährigen sind es nur mehr 50 Prozent.

“The American Dream is that dream of a land in which life should be better and richer and fuller for everyone,…", schrieb James Truslow Adams 1931 in „The Epic of America“. Für jeden sollte das Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten besser und reicher werden - egal, wo man herkommt, ob man arm oder reich ist. Jeder, der hart genug arbeitet, sollte es schaffen können.

Diese Vorstellung hat das Bild der Vereinigten Staaten des 20. Jahrhunderts geprägt wie kaum eine andere. Und sie hat auch funktioniert. Nach der großen Depression erlebte das Land ein unvergleichliches Wirtschaftswachstum. Der allgemeine Wohlstand stieg. 92 Prozent aller 1940 geborenen Kinder haben mit 30 Jahren mehr verdient als ihre Eltern im selben Alter - so eines der Kernergebnisse einer soeben in „Science“ veröffentlichten Studie.

Aufstieg nicht mehr selbstverständlich

Um die Einkommensmobilität der nachwachsenden Generationen nachzuzeichnen, haben die Forscher um Raj Chetty von der Stanford University eine umfassende Datenanalyse durchgeführt. Sie haben dafür unter anderem Daten aus Volkszählungen, Befragungen und Steueraufzeichnungen kombiniert und Einflussfaktoren wie z.B. die Inflation herausgerechnet.

Grafische Darstellugnder Einkommensmobilität in den USA
Carla Schaffer / AAAS

Dabei zeigte sich, dass der Traum vom Aufstieg vier Jahrzehnte später zumindest für manche ausgeträumt ist. Bei den 1984 geborenen US-Bürgerinnen und -Bürgern verdienen nämlich nur mehr 50 Prozent mehr als ihre Elterngeneration. In manchen Regionen wie etwa im industriellen Mittelwesten (z.B. Indiana, Ohio, Illinois) ist der Anteil noch geringer. D.h., dort verdient mehr als die Hälfte der jüngeren Generation weniger als ihre Eltern. Das könnte erklären, warum hier besonders viele Unzufriedene leben - ihr Unmut spiegelt sich in den Ergebnissen der jüngsten Präsidentschaftswahlen wieder.

Wachstum nur mehr für wenige

Ein Grund für den Rückgang könnte natürlich das geringer gewordene Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte sein. Um das zu überprüfen, haben die Wirtschaftswissenschaftler ein hypothetisches Szenario durchgerechnet, bei dem das Bruttoinlandsprodukt im selben Tempo wuchs wie bei der 1940 geborenen Generation. Tatsächlich verbesserten sich dadurch die Aufstiegschancen beim Einkommen auch für die jüngere Generation, aber weniger stark als man annehmen könnte, auf 62 Prozent.

Kommentar zur Studie

„Documenting decline in U.S. economic mobility“, Science, 27. April 2017

In einem zweiten fiktiven Szenario veränderten die Forscher nur die Verteilung des Wachstums - so dass sie jener in der 1940er Kohorte entsprach. Damals war das Wachstum nämlich - anders als heute - auf alle Einkommensgruppen verteilt. Anders ausgedrückt: Jeder bekam seinen Anteil vom wachsenden Kuchen. Kombiniert man diese Verteilung mit dem heutigen geringeren Wirtschaftswachstum, steigt die absolute Einkommensmobilität, wie die Forscher schreiben, auf immerhin 80 Prozent.

Politische Maßnahmen

Das bedeute, die schrumpfenden Aufstiegschancen haben weniger mit dem Wirtschaftswachstum an sich zu tun als mit der steigenden Ungleichheit in der Gesellschaft, betonen die Forscher. Wenn man den amerikanischen Traum ernsthaft wiederbeleben möchte, müsste man sich vorrangig darum kümmern, dass das Wachstum wieder in allen gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen spürbar wird.

Dazu brauche es aber den politischen Willen zur Umverteilung, wie Lawrence F. Katz von der Harvard University und Alan B. Krueger von der Princeton University in einem Begleitkommentar schreiben. Dazu zählen Verbesserungen beim Ausbildungsangebot - wie z.B. eine Vorschule für alle und ein breiter Zugang zu öffentlichen Universitäten - genauso wie konkrete wirtschaftliche Maßnahmen: z.B. eine Erhöhung des Mindesteinkommen und höhere Lohnsubventionen für Geringverdiener.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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