Audienz bei Maria Theresia

Sie hat bis heute den Ruf einer besonders volksverbundenen Monarchin. Aber wie leutselig war Maria Theresia wirklich? Fest steht: Mit den kleinen Leuten ihres Reichs kam sie nur höchst selten zusammen - und wenn, dann in zuweilen skurrilen Zusammenhängen.

September 1757, Schloss Schönbrunn. Peter Prosch, 13 Jahre alter Waisenknabe aus Ried im Tiroler Zillertal hat etwas geschafft, was seinesgleichen nach menschlichem Ermessen eigentlich gar nicht widerfahren kann: Er steht vor der Kaiserin – leibhaftig und höchstpersönlich.

Ö1-Sendungshinweis

Salzburger Nachtstudio: „Die Mutter der Reform. Maria Theresia zum 300.Geburtstag“, Mittwoch, 10.5.2017, 21.00 Uhr.

Der zwergenhaft klein gewachsene Wanderhändler ist mit neun Jahren aus seiner Heimat ausgezogen und versucht seitdem in der Fremde seinen Traum zu verwirklichen: eine Schnapsbrennerei zu eröffnen. Dazu braucht man aber Geld und ein Patent.

Wer hat genug vom einen und kann das andere gewähren? Die Kaiserin.

Also wandert Peterl nach Wien. Und da er dort der Monarchin aufgefallen ist, als er in der Kapuzinerkirche als Ministrant dient, lässt sie den drolligen Tiroler zu sich rufen. Was dann passiert, beschreibt Prosch später, just im Jahr der Französischen Revolution 1789, in seiner Autobiografie, die sich wie ein Schelmenroman liest:

„Bist Du unsere Kaiserin Maria Theresl?“

[I]ich war barfuß, und meinen Hut hatte ich unter dem Arm. […]

Endlich ging rechter Hand weit droben im Saale eine doppelte Tür auf.

Der Saal war glatt, die Kaiserin kam herein, ich lief ihr entgegen, schlüpfte, und fiel auf den Buckel.

Ich raffte mich geschwind wieder zusammen, und kniete nieder. Die Kaiserin kam herbei und sagte: Steh auf! Ich stund auf; und sie sagte: Grüß dich Gott, Kleiner! Bist du der Tyroler, der mir rekommandiert worden ist? und gab mir die Hand zu küssen.

Ich küßte ihr aber den Küttel, und sagte: Dank dir Gott! Bist du unsre Kaiserin Maria Theresl? Da außen vor der Tür war auch so ein Mensch, ich hab gemeint, du bist’s; sie hatte einen goldenen Spulen an der Seite, und glöckelte Schnürchen.

Sie lachte, daß ihr der Bauch geschottert hat, und sagte: jene war’s nicht, ich bin eure Kaiserin; was willst du von mir haben?

Maria Theresia auf einem historischen Ölgemälde
ORF/RIHA Film/Schloss Schönbrunn
Maria Theresia (Ölgemälde, Umkreis von Martin van Meytens um 1745).

Prosch trägt seinen Wunsch vor, erzählt, dass ihm von der Kaiserin geträumt hat, sie hätte ihm die Lizenz zum Schnapsbrennen gewährt, und auch das Geld dafür gegeben. Dann aber will Maria Theresia von ihm wissen:

Was sagen denn sonst die Tyroler von mir, haben sie mich lieb?

Ich hab dir’s ja schon gesagt; wenn ich nichts Gutes von dir gehört hätte, so hätte mir auch nichts Gutes geträumet, und ich wäre auch heut nicht bei dir; durchaus in unserm ganzen Lande vom Größten bis zum Kleinsten sagt ein jeder, du seist das beste Mensch, und die Welt bringt uns kein solches Weibsbild mehr hervor, wie du bist.

Sie lachte herzlich, und sagte: das freut mich, ich habe die Tyroler auch gern, denn sie sind treu und aufrichtig. Sie griff mit ihrer linken Hand in ihre Kamisoltasche, nahm vierundzwanzig Kremnitzer Dukaten heraus, und opferte solche in meinen Hut.

Itzt verließ mich der Atem; ich setzte den Hut auf den Boden nieder[…] küßte ihr also die Hand, nahm sie bei der Mitte, sprang und hüpfte um sie herum, und sang: Drall lalla, Drall lall la! Wer war nun reicher und herrlicher als ich?

Ja, Kaiserin, sagte ich, wenn du einmal ins Tyrol kommst, will ich dir gewiß auch etwas schenken, weil du mir ein Häusl bauen läßt.

Per Du mit der Kaiserin

Mag Proschs Erzählung auch ein wenig übertrieben klingen, so ist das meiste davon doch verbürgt. Als letzter Hofnarr kommt er an die weltlichen und geistlichen Höfe von Wien, München, Ansbach, Würzburg, Bamberg, Regensburg, Köln, Prag, Salzburg und Versailles – in einer Zeit der Aufklärung, in der es so etwas wie einen Hofnarren eigentlich gar nicht mehr gibt.

Abgesehen von seinem Hang zum Alkohol und den derben Scherzen der Aristokraten, die ihm Klistiere einflößen und ihn wie einen Galvani’schen Frosch mit Stromstößen quälen, fällt vor allem eines auf: Der Narr ist mit der Kaiserin per Du!

Er darf das, weil dadurch die Distanz von oben und unten, die allenthalben herrscht, noch einmal betont wird. Die Ungleichheit der Menschen auf Erden ist eine absolute Selbstverständlichkeit.

Die niederen Stände, das Volk, kommt in der Welt des Hofes nur in dreierlei Gestalt vor: als Diener, als Empfänger von Almosen, die man gewähren kann, aber nicht muss, und als Tölpel, als lächerliche Figur, als Narr. Man präsentiert das gemeine Volk im Modus der Lächerlichkeit, auch in den Theaterstücken für die hohen Herrschaften, in denen der kleine Mann immer der Dumme ist.

Aufgeklärte Absolutistin

Die „Maria Theresl“, die sich als größte Monarchin mit dem Mindersten – und nur mit diesem wirklich Mindersten, Närrischsten ihrer Untertanen auf gleicher Augenhöhe unterhält, ist dem Gros ihres nicht närrischen Volks so fern wie eine hochfliegende Möwe dem Getier auf dem Boden. Sie persönlich ist nicht modern, sie persönlich folgt nicht der „Aufklärung“. Aber sie ist eine „aufgeklärte Absolutistin“.

Aufklärung benennt ein „lockeres Geflecht intellektueller Strömungen und kultureller Bewegungen im Europa des späten siebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts, die im Erwerb von Wissen schwelgten und sich dafür einsetzten, dieses Wissen für die Gestaltung sozialer Einrichtungen und politischer Strukturen zu nutzen, und so die Lebensbedingungen der Menschheit zu verbessern“, so der Historiker Peter M. Judson in seinem Buch „Habsburg. Geschichte eines Imperiums“ (C.H.Beck, München 2017).

Und Absolutismus oder Despotismus bedeutet schlicht und einfach, dass Maria Theresia ihre Macht nicht mit dem Adel teilen will.

Hitstorisches Gemälde: Schloss Schönbrunn
ORF/RIHA Film/KHM
Im Schloss Schönbrunn spiegelte sich der Machtanspruch der Regentin (Gemälde, Canaletto)

Ihre Audienzen für einfache Menschen sind streng limitiert und eigentlich eine Farce: Die aktuelle Biografin der Kaiserin, die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger von der Universität Münster („Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit", C.H. Beck, München 2017) bemerkt, dass sogar der Vater und Vorgänger, Kaiser Karl VI., leichter für die Leute erreichbar war - und der Mitregent und Nachfolger Joseph II. dann sowieso.

Nur im innersten Zirkel des Hofes ist Maria Theresia vollkommen gelöst, leutselig und liebenswürdig. Damit dorthin nur wirklich Würdige vordringen können, hält sie sich einen ihrer starken Männer als strengen Wächter über das Höfische: Joseph Graf (später Fürst) Khevenhüller, der „Herr der Zeichen“, wie ihn Stollberg nennt.

Inszenierung als Mutter

Warum hat dann gerade Maria Theresia den Ruf als leutseligste, zugänglichste Mutter Österreichs - bereits zu Lebzeiten und noch weit bis in unser Jahrtausend hinein, wo sie in einer statistischen Erhebung des Historikers Ernst Bruckmüller noch vor den starken Männern Bruno Kreisky, Franz Klammer und Niki Lauda als österreichische Identifikationsfigur Nummer eins vorkommt?

Der Grund dafür ist eine ausgezeichnete PR-Strategie! Anders als etwa die zeitgenössische russische Zarin Katharina II., die sich stets in Männerkleidung abbilden lässt, spielt Maria Theresia ihre Weiblichkeit, ihre Mutterrolle aus, und gewinnt dadurch an Stärke!

Bei Audienzen tollen ihre Kinder herum, und die Besucher werden angehalten, den kleinen Erzherzögen die Hände zu küssen. Bürgerliche und Beamte sind davon entzückt – man wurde immerhin ins kaiserliche Familienleben mit einbezogen; Hochadelige hingegen wissen Gesten und Zeichen anders zu deuten: Sie müssen demütig jenen kleinen Kindern die Hände küssen, die als Erwachsene einst über sie herrschen werden – not amused!

Maria Theresia und Familie auf historischem Gemälde
ORF/RIHA Film/SBK
Maria Theresia und Franz Stephan im Kreise ihrer Kinder (Martin van Meytens um 1754, Hofmobiliendepot)

In einer Metapher des deutschen Historikers Ernst Kantorowicz verfügt der König über zwei Körper. Einen physischen, sterblichen und einen metaphysischen, politischen Körper. Letzterer ist unsterblich, und wird im Moment des Todes augenblicklich auf den Nachfolger übertragen. Der König ist tot. Es lebe der König.

Maria Theresia aber hat noch einen dritten Körper, wie die französische Philosophin Elisabeth Badinter in ihrem eben erschienenen Buch „Maria Theresia. Die Macht der Frau“ (Zsolnay, Wien 2017) darlegt: den mütterlichen Körper, der die Abstammungslinie fortführt.

Zunächst dauerschwanger hält sie trotzdem politisch die Zügel fest in den Hand, während sich ihr Mann, der Hobbykaiser Franz Stephan, auf allerlei Privatgeschäfte und pikante Affären beschränkt. Nach dessen Tod 1765 bremst sie ihren neuen Mitregenten und dereinst Nachfolger, Joseph II., in dessen radikalem Reformeifer.

„Ich bewundere ihn, obgleich er mich quält“

Dabei beschädigt sie als „overprotecting mother“ den Mann dermaßen, dass er als dummer Bub dasteht. Sie tut nämlich etwas Ungeheuerliches: Sie bittet nach vierzig Jahren Feindschaft Friedrich II. von Preußen in einem Brief um gnädige Schonung ihres Sohnes.

Elisabeth Badinter urteilt darüber: „Indem sie den Ton der bekümmerten Mutter anschlug, degradierte sie ihren Nachfolger zu einem ängstlichen Kind. Ein schlimmerer Schaden für das Bild des Kaisers und sein Streben nach Ruhm – und folglich für ihren mütterlichen Narzissmus - war kaum denkbar.“

Dabei ist Joseph doch einer ihrer Lieblinge: „Ich bewundere ihn, obgleich er mich quält“, sagt sie einmal. Doch sie lässt den Graben zwischen sich und ihrem Sohn unüberbrückbar werden …

Gemälde von Maria Theresia und Joseph II.
ORF/Interspot Film
Gemälde von Maria Theresia und Joseph II., Bezirksmuseum Wien

Ob man sie nun als konservative Monarchin einstufen mag oder als die große Reformerin, als die Letzte von gestern oder die Erste von morgen: Am Ende ihrer vierzig Jahre auf dem Thron war das Habsburgerreich nicht mehr wiederzuerkennen, es war in Form, Gestalt, und Geist ein anderes, ein neues geworden.

Vorher war’s ein Länderhaufen im Besitz des Hauses Österreich, danach ein Staatswesen mit dem gängigen Eigennamen Österreich. Der Jurist und Schriftsteller Joseph von Sonnenfels führt 1771 in seiner Schrift "Über die Liebe des Vaterlandes“ die Verantwortung der einzelnen Staatsbürger für dieses neue Prinzip ein: für das Vaterland.

Maria Theresia hat die Peter Proschs ihrer Zeit von Narren, Dienern und Almosenempfängern zu Personen, zu Staatsbürgern gemacht. Ein Anfang ist getan.

Martin Haidinger, Ö1-Wissenschaft

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