Was Faustkeile mit Mozart zu tun haben

Wie funktionierte das Gehirn von Steinzeitmenschen? Forscher haben im Experiment einen überraschenden Zusammenhang entdeckt: Bei der Herstellung von Faustkeilen werden die gleichen Hirnregionen wie beim Klavierspielen beansprucht.

Wenn von technologischen Durchbrüchen der Menschheitsgeschichte die Rede ist, denkt man gerne an das Internet, vielleicht auch an die Dampfmaschine, den Faustkeil indes haben die wenigsten auf der Rechnung. Dabei steht außer Frage: Auch diese Erfindung eröffnete ein neues Zeitalter. Davor, zur Zeit der sogenannten Oldowan-Kultur, hatte der Mensch nur primitive Steingeräte zur Verfügung.

Das sollte sich vor etwa 1,75 Millionen Jahren mit Beginn der Acheuléen-Kultur ändern. Ihr kennzeichnendes Merkmal sind vergleichsweise moderne Universalwerkzeuge, Faustkeile mit zweiseitiger Klinge, mit denen man hacken, schaben und schneiden konnte.

Den Übergang zwischen diesen beiden Epochen haben Forscher um Shelby Putt vom Stone Age Institute in Bloomington, Indiana, nun aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachtet. Nicht vom Steingerät, sondern vom Gehirn ausgehend: Denn um Werkzeuge herzustellen, bedarf es entsprechender geistiger Fähigkeiten.

„Neuroarchäologische“ Experimente

Bisher dachte man, dass vor allem die Entwicklung der Sprache den Anschub für diese Innovation gab. Das haben die Anthropologen nun im Experiment überprüft - „Neuroarchäologie“ nennen sie ihren Ansatz. Steinzeitmenschen hatten die Wissenschaftler freilich keine zur Verfügung, so wählten sie die zweitbeste Option: Tests mit Probanden unserer Art, die sich verhalten sollten, als befänden sie sich in der Altsteinzeit.

Putt wies sie an, Werkzeuge der beiden Epochen herzustellen und zeichnete währenddessen die über ihre Großhirnrinde wandernden Nervenerregungen auf. Davor erhielten die Probanden Anleitungen per Video, quasi ein „Steinzeit-Crashkurs“ - mit und ohne Ton, um den Einfluss der Sprache zu testen.

Probandin mit neurologischer "Haube" stellt ein Steinwerkzeug her
Shelby Putt
Probandin im Labor

Resultat: Bei der Herstellung der Oldowan-Werkzeuge waren die Hirnregionen für visuelle Aufmerksamkeit und Bewegungskontrolle aktiv. Bei den komplizierter herzustellenden Faustkeilen waren viel mehr Areale gefordert, Arbeitsgedächtnis, Hör- und Tastsinn und nicht zuletzt auch das Zentrum für Handlungsplanung.

Diese Kombination von Nervenerregungen kennen die Forscher aus einem ganz anderen Zusammenhang: „Es ist faszinierend, dass die gleichen Netzwerke beim modernen Menschen für das Spielen von Musikinstrumenten benötigt werden“, sagt John Spencer, ein Co-Autor der Studie.

Der Faustkeil - ein Instrument

Was die Sprache anlangt, können die Forscher die bisher verbreitete Hypothese nicht bestätigen. Zwar war das Sprachzentrum aktiv, sofern die Probanden das Video mit Ton gezeigt bekamen. Aber das machte in der Praxis keinen nennenswerten Unterschied.

Und da die Steinzeitmenschen vor 1,75 Millionen Jahren wohl noch keine elaborierte Sprache zur Verfügung hatten, schließen Putt und ihr Team: Der technologische Fortschritt wurde vom musikalischen Netzwerk im Gehirn angeschoben, nicht vom Sprachzentrum.

„Wir glauben, dass wir einen Wendepunkt in der Evolution des menschlichen Gehirns entdeckt haben, der zu einer neuen Menschenart führte“, sagt Putt. Im Abstract des Fachartikels in „Nature Human Behaviour“ resümiert sie mit Anleihen aus dem Bildungskanon: Die evolutionären Bande der Faustkeil-Kultur reichen bis in die Gegenwart, heißt es da. Und die führen, wie zu beweisen war, „eher zu Mozart als zu Shakespeare.“

Robert Czepel, science.ORF.at

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