Die Mutter der Reform

Österreich ist unter Maria Theresia und ihren Beratern stark von der Aufklärung geprägt worden. Der verbreitete Ruf eines rückständigen Landes ist falsch. Dies meint die Wiener Historikerin Gerda Lettner in einem Gastbeitrag zum 300. Geburtstag der Herrscherin.

Vorausgeschickt werden muss: Die Aufklärung ist im 17. Jahrhundert während der englischen Revolution entstanden. Nach der Hinrichtung des Königs, der Auflösung des Oberhauses und der Exilierung der Bischöfe regierte der Lordprotektor Oliver Cromwell mit der New Model Army und einem Parlament von Kaufleuten. Es herrschte Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

Porträtfoto der Historikerin Gerda Lettner
Privat

Über die Autorin

Gerda Lettner, Studium der Germanistik und Romanistik an der Universität Wien. Lehramtsprüfung 1964. Unterricht an diversen Mittelschulen. Forschungen über die Regierungszeit Kaiser Leopolds II, 2010 die von Ernst Wangermann betreute Dissertation „Das Spannungsfeld zwischen Aufklärung und Absolutismus. Die Ära Kaunitz (1749-1794)“ (Leseprobe im V&R-Verlag - PDF).

Nach Cromwells natürlichem Tod wurde das Haus Stuart restauriert. Die Bischöfe der anglikanischen Hochkirche kehrten aus dem Exil zurück. Aber die Mehrheit der Engländer wollte den Absolutismus nicht wieder herstellen. Ober- und Unterhaus des Parlaments einigten sich schließlich auf die Absetzung des regierenden Königs, der zum Katholizismus konvertiert war. Sie zwangen diesen König mit seiner Familie zur Flucht nach Frankreich und setzten einen Doppelkönig aus den Häusern Oranien und Stuart (Wilhelm III. und Maria II.) ein. Er bestieg den Thron nur nach Unterzeichnung einer Verfassung, der Bill of Rights.

Glaube und Wissenschaft vereinbar

Das Parlament garantierte jetzt Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Von dieser Freiheit ausgenommen waren nur die Katholiken. Das Parlament garantierte auch die Habeas Corpus Akte, die Schutz vor Willkürjustiz boten. Die Kleriker der anglikanischen Staatskirche versuchten erstmals, die atheistische Strömung, die jetzt wieder die Möglichkeit hatte, Anhänger zu werben, durch Vorlesungen über den gütigen Gott der Schöpfung zu schwächen.

Sie interpretierten Newtons mathematische Prinzipien einer neuen Naturphilosophie mit dessen Einverständnis als Beweis für die Existenz eines gütigen Gottes. Die Formel, mit der Newton das Wirken der Schwerkraft im All und auf der Erde mathematisch genau beschreiben, aber nicht erklären konnte, diente zur Illustration ihres Beweises.

Die Botschaft, dass der christliche Glaube mit den Naturwissenschaften vereinbart werden könne, kam nicht nur in England an, auch auf dem Kontinent. Sie überwand das dualistische Denken - nicht nur in der Theologie, ließ Hölle, Fegefeuer und den Teufel als Relikte einer vergangenen Zeit erscheinen und war Ausdruck der Zustimmung der Gesellschaft zu der ersten konstitutionellen Monarchie der damaligen Welt.

Maria Theresia im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren (Gemälde von Andreas Möller um 1727) .
ORF/RIHA Film
Maria Theresia im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren (Gemälde von Andreas Möller um 1727)

Maria Theresias Reformen

Und wie war das in Österreich? Gottfried Wilhelm Leibniz kam nach Wien und regte bei Karl VI. die Diskussion der prinzipiellen Vereinbarkeit von Glauben und Naturwissenschaften durch die Gründung einer Akademie der Wissenschaften und Künste mit Johann Bernhard Fischer von Erlach an. Es kam aber nur zum Bau der dem Bischof von Mailand gewidmeten „Karlskirche“ und zum Bau der Hofbibliothek, mit der sich Karl VI. als Schirmherr der Musen ein Denkmal setzte.

Maria Theresia sah sich nach dem Raub Schlesiens durch Preußen vor die Wahl gestellt, den Vorsitz bei der Auflösung des Habsburgerreichs zu führen, oder ihre Staaten zu reformieren. Sie wählte den Weg, modern – im Interesse ihrer Völker – zu regieren. Das bedeutete, dass sie die Mitwirkung des römischen Hofes an ihrer Regierung durch die Bildung eines reformierten österreichischen Klerus neutralisieren musste.

Ö1-Sendungshinweis

Salzburger Nachtstudio: „Die Mutter der Reform. Maria Theresia zum 300. Geburtstag“, Mittwoch, 10.5.2017, 21.00 Uhr.

Sie säkularisierte daher 1749 die Zensur und errichtete durch ihren Leibarzt Gérard van Swieten die Universität Wien neu, nicht nur die medizinische Fakultät, in der unter seiner Leitung die berühmte Wiener Medizinische Schule entstehen sollte. Nach Meinung von Zeitzeugen realisierte sie die Absicht Karls VI., eine Akademie der Wissenschaften zu schaffen: Gelehrte wie Paul Joseph Riegger (Österreichisches Kirchenrecht), Joseph Freiherr von Sonnenfels (Politische Wissenschaften) und der Abt des Klosters Braunau Franz Stephan Rautenstrauch (Pastoraltheologie) prägten die Grundsätze der österreichisch-katholischen toleranten Staatskirche.

Schaffte u. a. den Vampirglauben ab

Maria Theresia schuf mit der Trennung der Justiz von der Verwaltung eine unabhängig agierende Justiz. Sie setzte die Transmigrationspolitik ihres Vaters fort: Sie duldete die Protestanten in ihren katholischen Ländern solange, bis einige öffentlich ihren Glauben bekannten. Diese Menschen transmigrierte sie mit ihren Familien und ihrem Hab und Gut nach Ungarn oder Siebenbürgen, wo sie öffentlich ihren Glauben bekennen konnten.

Maria Theresia unterstützte ihre Reformatoren der katholischen Kirche mit der Hinaufsetzung des Alters für das Ablegen der strengen Gelübde, mit der Kontrolle der Romreisen, mit der Abschaffung des Vampirglaubens, der Aufhebung einiger Klöster, der Errichtung des Bistums Brno und der Abschaffung der Robot im Zuge der Einführung der Erbpacht.

Mozart als 6 jähriger Knabe bei Maria Theresia im Spiegelsaal in Schloss Schönbrunn.
ORF/RIHA Film
Mozart als sechsjähriger Knabe bei Maria Theresia im Spiegelsaal in Schloss Schönbrunn

Sie unterstützte die Reformatoren mit der Gründung der Wiener Normalschule, deren Geist der reformierte katholische Priester Josef Anton Gall prägte. Sie protegierte den Hofrat Anton von Blanc, der ihr Robot-Abschaffungs-System zum Landesgesetz für Böhmen erheben wollte. Joseph II., der mit ihr regierte, hinderte sie an der Realisierung dieses radikalen Plans.

Mit der Lockerung der seit Gérard van Swietens Tod wieder zu streng gehandhabten Zensur zwang sie Gérard van Swietens Nachfolger, der der römischen Opposition nahestand, zum Rücktritt. Sie bereitete auf diese Weise das Toleranzedikt Josephs II. vor.

Staatsrat als Reformbehörde

Gérard van Swieten und eine von Kaunitz geschaffene Reformbehörde, der Staatsrat, bestimmten den Kurs der theresianischen Reformpolitik, der bedingt auch die Juden mit einschloss. Der Staatsrat führte u. a. das theresianische Robotabolitions-System in Ungarn ein, er erstellte das Budget und kontrollierte die Durchführung der Reformpolitik. Er schuf für Sonnenfels eine Lehrkanzel, auf der er den Staat an den Grundsätzen der Reformpolitik messen und die Abschaffung der Folter mit Hilfe der Publizität betreiben konnte.

Eine „thèse royale“, eine Art politische Grundlagenthese mit Unterstützung der Fürsten, die Kaunitz aus Frankreich besorgte, war 1767, als Gérard van Swieten noch die Zensur beaufsichtigte, publiziert worden. Sie hatte öffentlich verkündet, dass Maria Theresia und Joseph II. nach den Toleranzideen der Aufklärung regierten. Das provozierte den öffentlichen Widerspruch des römischen Hofes, der sich systematisch der Reformpolitik, die die Toleranz der Andersgläubigen einführte, widersetzte.

Ungeachtet der Stärke des Anhangs der römischen Opposition wurde die österreichisch-katholische Kirche nach den theresianischen Kirchengesetzen geschaffen.

Demokratiewurzel Kaunitz

Eine aufgeklärte Religiosität, die Ungläubige bzw. Irrgläubige nicht bestrafte, sondern sie in die Gesellschaft integrierte, prägte die Kultur dieser Zeit mit den Reformopern des Ritters von Gluck, der mit „Orfeo ed Euridice“ und „Alceste“ eine neue musikalische Sprache schuf, die die musikalische Sprache der Revolution in Frankreich ankündigte. Joseph Freiherr von Sonnenfels propagierte in öffentlichen Briefen Glucks neue Sprache der Musik. Er ließ seine Schüler über die Grundsätze der Reformpolitik öffentlich disputieren. Die berühmteste seiner moralischen Wochenschriften trug den Titel: „Der Mann Ohne Vorurteil.“

Untertanen, die an die Hölle, das Fegefeuer und an den Teufel glaubten, wurden dank der theresianischen Reformpolitik, die unter Joseph II. und Leopold II. fortgesetzt wurde, zu selbst denkenden, modernen, aufgeklärt-katholischen Staatsbürgern gebildet.

Unser Demokratieverständnis wurzelt in der Reformpolitik der Ära Kaunitz.

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