Die Wissenschaft und der liebe Gott

Wie viel Metaphysik steckt in der Physik? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Wiener Astronom Thomas Posch. In einem Interview spricht er über den biblischen Beigeschmack des Urknalls, „göttliche“ Naturgesetze und andere Glaubenssätze der Wissenschaft.

science.ORF.at: Herr Posch, Sie haben kürzlich eine Biografie über Johannes Kepler veröffentlicht. Warum gerade Kepler, was macht ihn so interessant?

Thomas Posch: An sich bin ich ja kein Autor von Biografien, aber bei Kepler kann man so vieles in einem Buch verpacken. Da ist zum einen Wissenschaft unterschiedlichster Art: Musiktheorie, Harmonielehre in der reinen Mathematik, Planetengesetze, Optik, Kistallografie. Kepler war zum anderen auch eine schillernde Figur, er hatte zwölf Kinder - man würde meinen, das passt nicht alles in ein Leben hinein. Und genau das macht die Faszination an Kepler aus.

Zur Person

Thomas Posch, promovierter Astronom und Philosoph, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universitätssternwarte Wien. Fachgebiete: Lichtverschmutzung, Sternenstaub, Astromineralogie und Wissenschaftsphilosophie - etwa:

Seit der Kopernikanischen Wende steht die Sonne im Zentrum unseres Planetensystems. Manche Autoren sagen, man sollte besser von der Kepler’schen Wende sprechen - warum?

Aus Kopernikus’ Schriften geht hervor, dass das Zentrum des Sonnensystems für ihn zwar mit dem Mittelpunkt der Erdbahn zusammenfällt, aber nicht genau mit dem Ort der Sonne, und das, obwohl die Planetenbahnen für ihn Kreisbahnen sind. Man könnte sagen: Kopernikus war noch kein Heliozentriker im strengen Sinne. Zum anderen verwendete Kopernikus sein System zwar als Rechenschema, aber er betrachtete die Sonne - im Gegensatz zu Kepler - noch nicht als Mittelpunkt einer Kraftwirkung. Inwieweit entspricht mein Modell echten Kräften in der Natur? Diese Frage hat Kepler eingeführt - und das war eine ganz entscheidend für die moderne Astronomie.

Der Astronom Thomas Posch hält ein älteres Fernrohr an der Universitätssternwarte in Wien
Sabine Assmann, ORF
Thomas Posch an der Universitätssternwarte in Wien

Für Kepler war die Suche nach den Gesetzen der Himmelskörper eine Suche nach dem Göttlichen in der Natur. Das würde man heute nicht mehr so sehen, oder?

Kepler hat zunächst Theologie studiert, kam dann als Mathematiklehrer nach Graz. Ab diesem Zeitpunkt widmete er sich der Erforschung des Kosmos - und hatte merkwürdigerweise ein schlechtes Gewissen dabei. Bis er an den Punkt kam zu sagen: „Seht her, in der Erforschung des Kosmos entdecke ich den göttlichen Geist in der Natur!“ Das würde man in der Tat heute nicht mehr so machen. Und wenn heute ein Forscher dem Glauben anhängt, dann würde er das säuberlich auseinanderhalten und sagen: „Hier sind meine wissenschaftlichen Arbeiten - und hier, großer langer Bindestrich, bin ich auch Christ, Buddhist, Moslem oder Anhänger einer anderen weltanschaulichen Position.“

Neue Kepler-Bio von Thomas Posch
Theiss Verlag

Thomas Posch: „Johannes Kepler - Die Entdeckung der Weltharmonie“, Theiss Verlag, 264 S., ISBN: 978-3-8062-3452-7

Wie kam es zu dieser Trennung? Wann kam der Glaube, als Teil der Wissenschaft, in Verruf?

Die Aufklärung war ein wesentlicher Einschnitt, aber nicht der endgültige. Der Schnitt wurde durch die Diskussionen um die Evolutionstheorie im 19. Jahrhundert noch einmal vertieft: Man befürchtete damals, dass die Qualität der Forschung durch die Verbindung zur Religion leiden könnte - nicht ganz zu Unrecht: Wenn offene Fragen der Wissenschaft religiöse Antworten erhalten - das ist der sogenannte „Lückenbüßergott“ -, dann nützt das weder der Wissenschaft noch der Religion.

Einstein etwa sprach in seinen Briefen immer wieder vom „Alten“. Aber in Wirklichkeit meinte er nicht Gott, sondern die Naturgesetze.

In seiner Schrift „Mein Weltbild“ bezeichnete er seine Haltung als „kosmische Religiosität“ - soll heißen: die Naturgesetze als Inbegriff des göttlichen Geistes. Allerdings nicht als persönlicher, liebender oder gar in die Natur eingreifender Gott - all das war für Einstein schwer vorstellbar. Im Grunde ist Einsteins Haltung ein Pantheismus. Die Natur wird bei ihm zum Subjekt. An diesem Punkt könnte man das Göttliche auch ganz aus dem Weltbild rausstreichen.

Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit dem Glauben?

Für mich hat die Frage zwei Facetten. Zum einen: Offenbart sich in der Natur Zweckmäßiges und Sinnhaftes? Es gibt viele Forscher, die diese Frage auf verschiedenes Weise bejaht haben: Kepler, Newton, Einstein, ja selbst Darwin. Man kann die innere Konsequenz der Naturgesetze, ihre Absolutheit bewundern - das ist für mich ein relativ zwangloser, man könnte auch sagen: ein verlockender Schritt. Dann stellt sich die Frage: Kommt man von den Naturgesetzen in einem weiteren Schritt zu einem persönlichen Gott? Meiner Ansicht nach gibt es da keinen direkten Weg. Wenn man Gott findet, dann muss sich das auf innere Erfahrung stützen.

Hatten Sie diese innere Erfahrung?

Ich glaube schon. Zugleich komme ich immer wieder in Situationen der Gottverlassenheit. Dann zweifle ich. Für Gott gibt es keinen Beweis, er kann einem leider immer wieder entgleiten.

Nach Kepler sind Naturgesetze benannt, die die Bewegung von Himmelskörpern beschreiben. Was ist das eigentlich: ein Naturgesetz?

„Naturgesetz“ ist eigentlich ein merkwürdiger Ausdruck, denn er leitet sich historisch betrachtet von den Gesetzen des Rechts ab. Im 17. Jahrhundert - zu Keplers Zeit – galt die Vorstellung: Menschliche Gesetze sind Beschlüsse des menschlichen Geistes; und Naturgesetze sind Beschlüsse der Natur - beziehungsweise Beschlüsse Gottes, an die sich die Natur zu halten habe. Die Vorstellung, dass ein Naturgesetz allgemein und zeitlos gültig sein soll, das ist ja ein sehr, sehr starker Anspruch. Woher man den nehmen soll, wenn man den theologischen Hintergrund nicht mehr mitführt, ist schwer zu sagen.

Sollte uns das skeptisch stimmen? Sind Naturgesetze nur Erfindungen des Menschen?

Man sollte diese Möglichkeit zumindest im Auge behalten. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Naturgesetze nicht überall gleich gelten - und vor allem auch, dass sie nicht zu jeder Zeit gleich gelten. Nehmen Sie etwa das Newton’sche Gravitationsgesetz: Das wurde seit seiner Formulierung millionenfach bestätigt. Aber was ist das gegen die 13,8 Milliarden Jahre, für die wir es letztlich im Weltall beanspruchen? Da wäre ein bisschen konstruktivistisches Denken heilsam. Dass ein Naturgesetz notwendige Gültigkeit für den ganzen Kosmos hat, ist keineswegs selbstverständlich. Zumindest dann nicht, wenn man es nicht mehr wie im 17. Jahrhundert als göttliches Gesetz auffasst.

Wie ist das zum Beispiel mit dem Urknall: Ist es nun fix, dass es den gegeben hat?

Das Urknall-Modell wird heute kaum in Frage gestellt, aber ich würde mich sehr davor hüten, zu sagen, das sei fix. Empirisch gut abgesichert ist das sogenannte Hubble’sche Gesetz. Es besagt, dass die Fluchtgeschwindigkeit der Galaxien mit der Entfernung zunimmt. Um aus diesem Befund das Urknallmodell zu destillieren, braucht es eine Reihe von Schlüssen. Notwendig sind diese Schlüsse nicht.

Kritisch sieht das beispielsweise der US-Physiker Eric Lerner. Er hält den Urknall für nichts anderes als einen „altertümlichen Kataklysmus“ – eine biblische Sintflut im wissenschaftlichen Gewand also.

An der Erfindung des Urknall-Modells war eine Reihe von Forschern beteiligt, die aus der jüdisch-christlichen Tradition stammen. Darunter auch ein Geistlicher, Georges Lemaitre. Die Metaphorik einer Schöpfung aus dem Nichts steht dem Urknall, so wie wir das Modell seit den 1920er und 30er Jahren kennen, durchaus nahe. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass in den letzten Jahrzehnten, während derer sich die Religiosität ausgedünnt hat, andere Vorstellungen stärker hervorgetreten sind. Zum Beispiel das Multiversum-Modell. Man muss sich immer vor Augen halten: Es stehen 400 Jahre Astronomiegeschichte gegen 13,8 Milliarden kosmische Geschichte. Etwas Bescheidenheit ist da wahrscheinlich angebracht.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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