Landwirtschaft hofft auf alte Sorten

Starkregen, Trockenheit, Hitze - der Klimawandel fordert die Landwirtschaft heraus. Ein Hoffnungsgebiet: alte Pflanzensorten, die durch die jahrhundertelange Anpassung an Klima und Boden als besonders robust gelten.

Prall, knackig und möglichst wenig Grünzeug rundherum - so soll der Kürbis zur Erntezeit sein. Genau darin liege das Problem, wenn es heißer und trockener wird, sagt Gerhard Zoubek vom Biohof Adamah in Glinzendorf nahe Wien. „Da scheint die Sonne erbarmungslos runter, und das kann natürlich dazu führen, dass der Kürbis aufplatzt. Durch die Sonneneinstrahlung steigt die Temperatur in der Frucht dermaßen an, dass sie gesprengt wird.“ Gleiches gilt für Kraut.

Ein reifer Kürbis mit grünen Blättern rund herum.
dpa/Sebastian Kahnert
Dass ein Kürbis von Blättern beschattet wird, ist bei modernen Sorten die Ausnahme

„Früher war der Sinn der Blätter auch, dass sie die Frucht ein bisschen zugedeckt haben.“ Die Züchtung habe aber dafür gesorgt, dass moderne Kraut- und Kürbissorten nur noch ganz kleine Blätter haben, so Zoubek - in Zeiten steigender Temperaturen und höherer Sonnenintensität ein Problem.

Flexibler Winterroggen

Hitze, Trockenheit und dann wieder viel Regen in kurzer Zeit - mehr und mehr Bäuerinnen und Bauern interessieren sich auch aufgrund des Klimawandels für alte Sorten, in Tirol zum Beispiel, wo eine Genbank aufgebaut wurde, in der sich heute über 1.000 landwirtschaftliche Nutzpflanzen befinden. Die Genbank selbst ist ein grenzüberschreitendes EU-Projekt, man kooperiert mit dem Land Südtirol und wird durch die EU finanziell unterstützt.

Versuchsweiser Anbau von Winterroggen
Land Tirol
Versuchsanbau mehrerer Arten Winterroggen

Ö1-Sendungshinweis

Über das Potenzial alter Sorten berichtete auch das Mittagsjournal am 26.5.

Ertrag, Resistenz gegen Krankheiten, Inhaltsstoffe und Backqualität werden analysiert - zum Beispiel beim Winterroggen. Sein Vorteil in puncto Klimawandel: Er kann seinen Reifezeitpunkt an das Klima anpassen. „Werden die Sommer kürzer, können wir frühreife Sorten nehmen. Werden die Vegetationszeiten länger, haben wir die Möglichkeit, zu später reifenden Sorten zu greifen“, so Christian Partl, Leiter der Tiroler Genbank. Je nach Sorte wird der Winterroggen drei Wochen früher oder später reif - im Vergleich zum konventionellen Weizen sei das sehr flexibel, sagt der Pflanzenexperte des Landes Tirol.

Resistenter Kolbendinkel, robuste Fisser Gerste

Auch bei Steiners Rotem Tiroler Kolbendinkel hat man eine besondere Eigenschaft gefunden: Er ist besonders widerstandsfähig gegen Gelbrost. Rosterkrankungen werden durch Pilze ausgelöst, sie verbreiten sich besonders gut in einem warmen und feuchten Klima.

Die Fisser Imperial Gerste
ORF
Die Fisser Imperial Gerste eignet sich aufgrund ihres hohen Eiweißgehalts und Geschmacks für Brot, Suppe, Risotto - sowie Bier und Whisky

ORF-Schwerpunkt: Mutter Erde

„2 Grad sind mehr, als du denkst“ - unter diesem Motto stand der Mutter-Erde-Schwerpunkt des ORF von 26. Mai bis 2. Juni - mehr dazu in Mutter Erde.

Vielversprechende erste Ergebnisse gebe es auch zur Fisser Imperial Gerste, so Christian Partl. Sie wurde in den 1920er und 30er Jahren in trockenen Gebieten Tirols gezüchtet, deshalb kann sie mit Trockenheit relativ gut umgehen - ebenso der Tiroler Sommerroggen. „Die alten Landsorten haben sich über viele Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte entwickelt und sich dabei an den Standort, die Klimabedingungen und die Bewirtschaftung angepasst.“ Die Vielfalt, die sich dadurch entwickelt hat, kann im Anbau ein Vorteil sein, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern - etwa durch den Klimawandel. Und für Bauern und Bäuerinnen wird es immer attraktiver, alte Landsorten anzubauen - zwar tragen sie weniger, ihr Verkaufspreis ist aber mittlerweile vier- bis sechsmal so hoch wie für herkömmlichen Mahlweizen.

Konsumenten entscheiden

Im Geschäft sei die Vielfalt aber noch immer häufig ein Nachteil, sagt Zoubek vom Biohof Adamah: „In unseren Supermärkten wird Qualität mit Homogenität gleichgesetzt, und das ist falsch. Bei alten Sorten ist die Streuung viel größer, da gibt es große und kleine, glänzende und fleckige Früchte.“ Letztlich entscheiden die Konsumentinnen und Konsumenten, welche Rolle alte Sorten in den nächsten Jahren tatsächlich spielen werden.

Elke Ziegler, Ö1-Wissenschaft

Mehr zum Thema: