Sensationsfund: Koralle trotzt dem Klimawandel

Eine Koralle aus dem Roten Meer erweist sich als erstaunlich resistent gegenüber dem Klimawandel. Forscher haben eine Vision: Mit dieser Art könnte man sterbende Korallenriffe neu besiedeln.

Das australische Great Barrier Reef hat in jüngster Zeit zwei schwere Korallenbleichen erlebt. Zwei Drittel des größten Korallenriffs der Erde sind bereits davon betroffen. Aber auch andere Riffe rund um den Globus leiden unter steigenden Wassertemperaturen und drohen abzusterben.

Nun berichteten Forscher der ETH Lausanne (EPFL) gemeinsam mit Kolleginnen aus Israel von einem Hoffnungsschimmer: Korallen im Golf von Aqaba im nördlichen Roten Meer sind besonders robust gegen hohe Temperaturen und die Versauerung der Ozeane.

An Erwärmung angepasst

Die Wissenschaftler hatten die Korallen im Experimenten sechs Wochen hohen Temperaturen ausgesetzt. Unter diesen Bedingungen würden die meisten Korallen weltweit vermutlich ausbleichen und sterben, sagt EPFL-Wissenschaftler Thomas Krüger.

Nicht so die Korallen vom Golf von Aqaba: Tatsächlich schienen sich ihre physiologischen Funktionen sogar zu verbessern. Das deutet nach Ansicht der Forscher darauf hin, dass sie momentan bei nicht optimalen Temperaturen leben - und an eine künftige Erwärmung der Ozeane gut angepasst sind.

Erstaunlicherweise sind Vertreter der gleichen Korallenspezies („Stylophora pistillata“) in anderen Weltregionen nicht unbedingt temperaturresistent. Warum ausgerechnet die Individuen im Golf von Aqaba so widerstandsfähig sind, ist bisher unklar. Die Forscher vermuten, dass dies mit der jüngeren Geschichte und speziellen Geografie des Roten Meeres zusammenhängt.

Am Ende der letzten Eiszeit besiedelten Korallen das Rote Meer vom Süden her neu. Weil die Wassertemperaturen an der Verbindung zum Indischen Ozean im Sommer 30 bis 32 Grad betragen, konnten offenbar nur temperaturresistente Individuen nach Norden vordringen. Diese Gründerpopulation fand im Golf von Aqaba ironischer Weise wiederum kühlere Temperaturen vor.

Durch Umweltverschmutzung bedroht

Diese Korallen haben zwar gute Chancen, die Auswirkungen des Klimawandels zu überstehen, allerdings sind sie empfindlich gegenüber Umweltverschmutzung: Öl, Nährstoffe aus Fischfarmen und Pflanzenschutzmittel „könnten ihre Widerstandskraft herabsetzen“, warnt Studienautor Maoz Fine vom Interuniversity Institute of Marine Sciences.

Versuchsanlage: Aquarien in der Nähe des Rote Meers
EPFL/ Itamar Grinberg
Die Versuchsanlage am Interuniversity Institute of Marine Sciences

Daher fordern die Wissenschaftler: Das Riff sollte international als Naturstandort anerkannt werden. Wenn sich die bisherige Entwicklung fortsetze, könnte es am Ende des Jahrhunderts als letztes Korallenriff der Erde übrig bleiben

Korallen sind Nesseltiere, die mit Algen in einer Symbiose, also einer Gemeinschaft zum gegenseitigen Nutzen leben. Bei hohen Temperaturen werden die Algen giftig, die Korallen stoßen sie ab und verlieren ihre Farbe. Sie können sich davon zwar mitunter erholen, sofern sich die Algen wieder ansiedeln, brauchen aber Jahre dafür. Kehren die Algen nicht zurück, sterben die Korallen ab.

science.ORF.at/sda/APA

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