Mit dem Mut der Verzweiflung

Terrorismus, Trump und täglich Tote: Die Welt bietet zurzeit wenig Anlass für Hoffnung. Doch gerade aus Verzweiflung kann neue Hoffnung entstehen, meinte der slowenische Philosoph Slavoj Zizek am Samstag bei einem Vortrag in Wien - u. a. mit Hilfe eines brutalen TV-Krimis.

Johannes, der geistesgestörte Serienmörder, der sich für einen Sohn des Teufels hält, hat nur ein Ziel. Er will anderen den Glauben nehmen. Er versucht das auch bei Carl Morck, dem depressiven Kommissar, den er in einem Bootshaus an der Meeresküste gemeinsam mit zwei Kindern angekettet hat. Das Problem: Morck glaubt eh schon lange an nichts mehr. Dennoch versucht er sich zu opfern, als Johannes eines der beiden Kinder vor seinen Augen ertränkt.

„Wenn es eine ethische Position gibt, die mit meiner Idee vom Mut der Verzweiflung korrespondiert, dann ist sie in dieser Szene enthalten“, sagt Slavoj Zizek, als der gebeamte Filmausschnitt zu Ende ist. „Sie zeigt nicht nur schön, dass auch ein Mensch, der an nichts glaubt, gut sein kann. Nein, ich bin noch verrückter und behaupte: Morck verkörpert eine radikale Ethik atheistischen Christentums. Um wirklich radikal gut sein zu können, muss man die Tatsache überleben, dass es keinen Gott gibt.“ Niemanden, den man verantwortlich machen kann für die eigenen Taten oder Untaten - außer sich selbst.

Slavoj Zizek bei seinem Vortrag bei den Wiener Festwochen
Lukas Wieselberg, ORF
Plädoyer für eine Ethik atheistischen Christentums

Antidepressivum für die Linke

Slavoj Zizek ist in seinem Element. Eben noch hat er sein Publikum mit einer äußerst düsteren und brutalen Szene aus dem dänischen Thriller „Erlösung“ traktiert, schon baut er mit ihrer Hilfe die optimistische Hauptthese des Abends auf. „The Courage of Hopelessness“, so lautet der Titel seines seit Wochen ausgebuchten Vortrags im Rahmen der Wiener Festwochen. Wie immer wenn der slowenische Starphilosoph in die Stadt kommt, werden die Säle zu klein. Auch im Bildungszentrum der Arbeiterkammer Wien war das am Samstagabend der Fall, via Livestream wurde Zizek deshalb auch in andere Bereiche des Gebäudes übertragen.

Der medial verdoppelte Zizek macht die Wucht seiner Gedanken noch deutlicher. Der bärtige Mann schwitzt, schnieft und fuchtelt sich in Großaufnahme durch seine Assoziationsketten, die körperliche Präsenz unterstreicht das Gesagte. Zizek hält auch die inoffiziellen Intellektuellen-Rekorde im erstens Sich-an-die-Nase-Fassen und zweitens im Wuchtel-Drucken. Dank seines nach allen Seiten ausschlagenden Humors ist seine Botschaft gut annehmbar und die Stimmung heiter - vielleicht hat Zizek ja mittlerweile so etwas wie die Rolle eines Antidepressivums für die radikale Linke übernommen.

Slavoj Zizek bei seinem Vortrag bei den Wiener Festwochen
Lukas Wieselberg, ORF
Medial verdoppelt

Heute Macron, in fünf Jahren Le Pen

Denn viel Spaß haben die Linken in Österreich wie fast überall anders derzeit ja nicht. Hoffnung auf eine umfassend befreite Gesellschaft, wie sie einmal erträumt war, scheint obsolet: Fundamentalistische Terroristen und ihre Bekämpfung, geopolitische Konflikte, Refugee-Krise, Klimaerwärmung und ein US-Präsident, der salonfähig gemacht hat, was vor Kurzem noch als private Obszönität galt, sind nur einige der Gegenargumente. Und auch das Licht am Ende des Tunnels ist kein Zeichen von Hoffnung, sondern eher der nächste Zug, der auf einen zurollt, so der pessimistische Ausgangspunkt Zizeks.

Konkret auf die Tagespolitik umgelegt heißt dieses Licht etwa Emmanuel Macron. „Jetzt für Macron gestimmt zu haben, bedeutet in fünf Jahren Le Pen zu bekommen“, fasst Zizek seine politische Position zusammen. Wem tatsächlich an einer radikalen gesellschaftlichen Veränderung gelegen sei, müsse sich von den falschen Alternativen lösen: Der Gefahr eines neuen Faschismus oder Rechtspopulismus könne man nicht mit der ewigen Wahl des Status Quo - dem globalen Kapitalismus und seiner liberalen, etwa von Macron vertretenen Ideologie - begegnen.

Gegen falsche Alternativen

Die Hauptfunktion ideologischer Zensur sei es heute nicht mehr, Widerstand durch Repression zu zerschlagen, sondern schon die Hoffnung auf Veränderung im Keim zu zerstören, stimmt Zizek seinem Philosophen-Kollegen Alain Badiou zu. Jedes emanzipatorische, linke Projekt führe unweigerlich irgendwann in den Gulag, so das liberale Credo. Deshalb müsse man das, was man hat - den globalen Kapitalismus - verteidigen. Auf dieses Spiel will sich Zizek nicht einlassen. Gemeinsam mit seinem Kronzeugen Carl Morck, dem depressiven Polizisten, will er anderen Mut machen - den Mut der Verzweiflung, wie auch ein kürzlich erschienenes Buch heißt.

Slavoj Zizek bei seinem Vortrag bei den Wiener Festwochen
Lukas Wieselberg, ORF
Weltrekordler im Nase-Fassen

Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Linken, die sich von den universalistischen Werten der Aufklärung verabschiedet und sich im Gewirr von Multikulti und Identitätspolitik verheddert haben, hält Zizek an ihrem Kern fest. Die westliche Linke solle aufhören, sich ständig als Teil des imperialistischen Kapitalismus selbst zu kasteien und jede Barbarei als „unterschiedlichen Lebensstil“ zu tolerieren, und stattdessen an einem neuen Projekt arbeiten. Das Wort „Kommunismus“ nimmt Zizek in der Wiener Arbeiterkammer zwar nicht in den Mund, aber seine positive Bezugnahme darauf ist bekannt.

Was tun? Steuern ohne Kompass

Die Überzeugung, die „Geschichte auf der Seite“ zu haben, ist freilich Schnee von vorgestern. Die Versuche des Marxismus, eine Art Naturgeschichte der menschlichen Geschichte zu schreiben, die zwangsläufig irgendwann in den Kommunismus gipfeln müsse, sind offensichtlich gescheitert. Zizek hält diese Versuche für uneingestandene Überbleibsel einer christlichen Ethik. Was aber tun, wenn Gott tot ist und der größte Sieg des Marxismus - die realistische Beschreibung der Gegenwart - realpolitisch mit seiner größten Niederlage zusammenfällt?

Zizek erinnert an den französischen Revolutionär Saint Juste. „Revolutionäre sind wie Steuermänner auf einem Schiff auf hoher See bei schwerem Sturm und ohne Kompass.“ Kompass gibt einem Zizek auch nicht in die Hand. Aber zumindest eine Seekarte, auf der eingezeichnet ist, wo wir uns gerade befinden. Sein Schlussappell: „Wir sollten immer einsatzbereit sein in unserem Kampf für die Freiheit!“

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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