War ältester Vormensch ein Europäer?

Der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Menschenaffen hat in Afrika gelebt - das nahm man bis vor Kurzem an: „El Graeco“, ein sieben Millionen Jahre altes Fossil aus Südosteuropa, könnte diese Theorie über den Haufen werfen.

Wann und wo haben sich die ersten Vormenschen entwickelt? Das ist die Frage, die die deutsche Paläontologin Madelaine Böhme antreibt. Gesichert ist: Heute ist der Schimpanse der nächste Verwandte des Menschen. Viele Experten gehen davon aus, dass sich die Schimpansen- von der Menschenlinie vor fünf bis sieben Millionen Jahren in Afrika getrennt hat.

Böhme und ihr Team haben nun die Überreste des Hominiden „Graecopithecus freybergi“ (Spitzname „El Graeco“) mit Computertomografie untersucht - und kommen zu einem ganz anderen Schluss. Die Fossilien sind seit den 1940er Jahren bekannt, es handelt sich um einen Unterkiefer aus Griechenland sowie einen Zahn aus Bulgarien.

Bisher ältester Vormensch

Die Forscher vermuten: „El Graeco“ war ein Vormensch, der sich bereits von der Abstammungslinie der Affen abgespalten hatte. So seien bei ihm die Zahnwurzeln weitgehend verschmolzen - ein charakteristisches Merkmal des Menschen und seiner ausgestorbenen Verwandten.

Bei Menschenaffen liegen die Zahnwurzeln üblicherweise getrennt vor. „Wir waren von unseren Ergebnissen selbst überrascht, denn bislang waren Vormenschen ausschließlich aus Afrika südlich der Sahara bekannt“, sagt Jochen Fuß, einer der beteiligten Wissenschaftler.

Vormenschen-Fossilien: Zahn und Kiefer
Wolfgang Gerber, University of Tübingen
Zahn und Kiefer von „Graecopithecus freybergi“

Über Analysen der Sedimente datierten die Forscher den Unterkiefer auf ein Alter von 7,175 Millionen Jahren, den Zahn auf 7,24 Millionen Jahre. Die Funde sind damit älter als der bisher älteste aus Afrika bekannte Vormensch namens „Sahelanthropus“. Dieser ist sechs bis sieben Millionen Jahre alt.

Daraus schließen die Forscher, dass die Abspaltung der Entwicklungslinien von Vormenschen und Schimpansen früher stattfand - und eben nicht in Afrika, sondern im östlichen Mittelmeerraum.

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Von der Wüste in die Savanne

Sie gehen davon aus, dass drastische Umweltveränderungen - Wüstenbildung in Nordafrika, Savannen in Südeuropa - die Abspaltung angestoßen haben. Belege dafür gäbe es: In den Sedimenten der Fundorte fanden die Wissenschaftler rote, feinkörnige Schluffe, die für Wüstenstaub charakteristisch sind.

„Diese Daten könnten erstmalig belegen, dass sich die Sahara vor 7,2 Millionen Jahren ausbreitete und Wüstenstürme rote, salzhaltige Stäube bis an die Nordküste des damaligen Mittelmeeres geblasen haben“, sagt Böhme.

In Europa führten Klimaveränderungen hingegen zur Ausbreitung einer Savannenlandschaft. Wie die Forscher im Fachblatt „Plos One“ schreiben, fanden sie Spuren von typischen Pflanzen in den Sedimenten und Hinweise auf regelmäßige Brände. Zum Bild einer europäischen Savanne passe auch, „dass neben Graecopithecus auch Fossilien von Vorfahren der heutigen Giraffen, Gazellen, Antilopen und Nashörner gefunden wurden“, sagt der bulgarische Zoologe Nikolai Spassov.

Zurück nach Afrika?

Diese neue Wendung macht allerdings die Theorie von der Wiege der Menschheit nicht obsolet. Die direkten Vorläufer der Gattung Homo entwickelten sich laut Fossilfunden vor zwei bis drei Millionen Jahren in Afrika. Böhme glaubt, dass die Nachfahren von Graecopithecus nach Afrika zurückgewandert sind - zu einer Zeit, da die Sahara zwischenzeitlich wieder ergrünte.

science.ORF.at/dpa

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