„Das Universum ist sinnlos“

Sie nennen ihn den „Sterngucker des Papstes“: Guy Consolmagno, der Leiter der Vatikanischen Sternwarte, erklärt in einem Interview, wie er Wissenschaft und Glauben unter einen Hut bringt. Und wo Gott im Universum ist - beziehungsweise nicht ist.

science.ORF.at: Herr Consolmagno, ich gehe davon aus, dass Sie als Leiter der Vatikanischen Sternwarte an Gott glauben.

Guy Consolmagno: Hoffentlich! Wir Jesuiten haben ja den Ruf, ein bisschen verrückt zu sein. Nun ja, so verrückt sind wir auch wieder nicht. Natürlich glaube ich an Gott. Mehr noch: Ohne meinen Glauben an Gott könnte ich die Wissenschaft nicht so genießen, wie ich es eben tue. Die Religion gibt mir Mut und Motivation für meine wissenschaftliche Arbeit.

Zur Person

Guy Consolmagno ist Jesuit, Asteroidenforscher und seit 2015 Direktor der Vatikanischen Sternwarte. Am 24.5. hielt er am Naturhistorischen Museum (NHM) Wien einen Vortrag: „Why Do We Look Up to the Heavens?“ - siehe auch die aktuelle eröffnete Klangsinstallation am NHM: „Expansion of the Universe“

Welche Art von Gott ist das?

Es gibt viele Varianten von Gott - an die meisten davon glaube ich nicht: zum Beispiel der heidnische Gott, der Blitze schleudert; oder der deistische Gott als Uhrmacher, der das Uhrwerk in Gang setzt und sich dann aus dem Staub macht. Ich glaube auch nicht, dass Gott alle Atome des Universums lenkt. Mein Gott ist ein Vater. Das Bild des Vaters ist übrigens recht reffend. Die englische Journalistin Emma Townshend hat einmal in einer Kolumne geschrieben: Jedes kleine Mädchen hält ihren Daddy für einen Rockstar. Bei ihr war es allerdings so, dass sie im Alter von elf, zwölf Jahren bemerkt hat, dass ihr Vater, Pete Townshend, wirklich ein Rockstar ist! So ähnlich empfinde auch ich: Der Gott, der mich seit der Kindheit geleitet und meinem Leben Sinn gegeben hat, ist auch der Gott, der das Universum erschaffen hat mit all den Galaxien, Schwarzen Löchern und dem ganzen Rest.

Und wie verträgt sich das mit der Physik?

Der Gott, an den es sich für mich zu glauben lohnt, ist etwas Übernatürliches. Er ist außerhalb der Natur, außerhalb des Raumes, außerhalb der Zeit.

Wo ist er?

Ich hege große Sympathie für meine atheistischen Freunde, die Gott im Universum nicht finden können. In gewisser Hinsicht haben sie auch Recht: Er ist übernatürlich, jenseits des Universums. Das kann man letztlich nur durch Poesie ausdrücken. Wir können bloß nach Worten suchen, die diese Idee hervorrufen. Das klingt natürlich schrecklich unwissenschaftlich - aber das ist ok, es gibt im Leben mehr als nur Wissenschaft.

Guy Consolmagno vor einem Bild des Mondes
Robert Czepel/ORF
Nach dem amerikanischen Astronomen wurde auch ein Asteroid benannt: „4597 Consolmagno“

Was antworten Sie Fachkollegen, die sagen: Der Urknall war kein Akt Gottes, sondern bloß eine Quantenfluktuation?

Stephen Hawking hatte diese wunderbare Idee, dass eine Quantenfluktuation der Schwerkraft das Universum erzeugt hat. Er könnte Recht haben. Nur würde dann die Schwerkraft in gewisser Hinsicht in die Rolle des Schöpfers treten. Was ich nicht glaube. An dieser Stelle erzähle ich üblicherweise den Witz: Das ist der Grund, warum die Katholiken die Masse [ist gleich Messe] feiern. Ich vermute, dass die Pointe im Deutschen nicht wirklich funktioniert …

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag im heutigen Mittagsjournal, 26.5., 12.00 Uhr.

Der Vatikan hat kürzlich eine Konferenz zum Thema Schwarze Löcher und Kosmologie veranstaltet. Was kam dabei heraus?

Wenn wir verstehen wollen, wie das Universum begonnen hat, müssen wir zunächst herausfinden, was in Schwarzen Löchern passiert. Und wir müssen einen Weg finden, die Quantenphysik mit der Relativitätstheorie zu verbinden. Wir hatten die führenden Experten bei dieser Konferenz, Nobelpreisträger, große Namen: Roger Penrose, George Ellis und so weiter - dennoch ist es wichtig, sich daran zu erinnern: Das Ziel der Wissenschaft ist nicht, das große Buch der Fakten zu komplettieren. Leider lehrt man den Kindern die Wissenschaft genau auf diese Weise: Es gibt Fragen und die Lösung kann man dann im Lehrbuch nachschlagen. Das ist keine Wissenschaft. Lassen Sie mich das an einem einfachen Beispiel veranschaulichen: Ich löse für mein Leben gerne Kreuzworträtsel. Wenn ich damit fertig bin, werfe ich es weg. Es geht nicht um die Lösung. Was Spaß macht, ist die Suche nach der Lösung.

Stephen Weinberg hat einmal geschrieben: Je mehr wir vom Universum verstehen, desto sinnloser erscheint es uns.

Ich war damals in Harvard als Stephen Weinberg den Nobelpreis bekam. Ein netter Kerl - wenn auch nicht unbedingt ein Philosoph. Wenn man nach einem Zweck im Universum sucht, wird man ihn dort nicht finden. Ich zitiere aus einem Buch von Rabbi Sacks: Alles ist bedeutungslos, das Gras stirbt, Menschen sterben, was soll das alles bezwecken? Weinberg hat etwas Richtiges beobachtet: Das Universum an sich ist sinnlos. Aber Weinberg hat die Sache nicht weitergedacht. Wenn es einen Zweck gibt, dann ist er außerhalb des Universums.

Sprechen Sie manchmal mit Papst Franziskus über Astronomie?

Nun, es ist nicht mein Job, mit dem Papst zu plaudern. Aber er hat unser Meeting über Schwarze Löcher besucht. Papst Franziskus ist naturwissenschaftlich äußerst gebildet, er versteht etwas von Physik und von Ökologie. Auch Benedikt und Johannes Paul II. waren wissenschaftlich sehr interessiert. Einzig bei Pius XII. war das Verhältnis zur Vatikanischen Sternwarte ein bisschen schwierig. Der war nämlich Hobby-Astronom und mit großer Leidenschaft bei der Sache. Nur wollte er häufig mit den Profis diskutieren: Wie soll man dem Papst sagen, dass er unrecht hat? Keine einfache Sache.

Stichwort „Intelligent Design“: Was halten Sie von dem Versuch, die Existenz Gottes aus der zweckhaften Ausstattung der Lebewesen abzuleiten?

Es gibt eine lange und wunderbare theologische Tradition, die Natur als Ausdruck des Schöpfers zu betrachten. Man kann die Anpassungen, also das „Design“ der Natur, freilich ebenso gut ohne Gott untersuchen. Beides ist möglich. Was man aber nicht tun kann, ist zu sagen: Ich nehme an, dass es Gott gibt, ich sehe „Design“, folglich gibt es Gott. Das ist ein Zirkelschluss. Wenn man die Wissenschaft benötigt, um die Existenz Gottes zu beweisen, dann sagt das zweierlei. Erstens: Solche Leute haben vermutlich wenig Vertrauen in Gott. Das ist fast so, als würde man einen mathematischen Beweis dafür entwickeln, dass Mutter dich liebt. Warum sollte man das tun? Das andere Problem ist: Ich bin Wissenschaftler und ich weiß, wie viele Fehler ich mache. Ein Gott, der von meinen Schlussfolgerungen abhängig ist - so einem Gott würde ich nicht trauen.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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