Der Schuss, der die BRD spaltete

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg in Berlin erschossen. Der Polizist, der ihn traf, wurde freigesprochen. Darauf radikalisierte sich die noch junge Bundesrepublik Deutschland. Der Publizist und Zeitzeuge Stefan Aust erinnert 50 Jahre danach an die blutige Eskalationsspirale.

science.ORF.at: Wie haben Sie persönlich die 60er Jahre erlebt?

Stefan Aust: Ich habe damals bei der linken Zeitschrift „konkret“ gearbeitet, bei der Ulrike Meinhof ursprünglich Chefredakteurin und dann Kolumnistin war. Ich habe die Zeit also aus der Perspektive eines jungen Journalisten miterlebt, stand bei Demonstrationen eher am Straßenrand und habe beobachtet. Ich war aber kein Aktivist.

Stefan Aust
dpa/Marcus Brandt
Stefan Aust ist ein deutscher Journalist und Autor. Der heute 70-Jährige arbeitete von 1994 bis 2008 als Chefredakteur beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit 2014 ist er Herausgeber der Tageszeitung „Die Welt“.

Naja, da war doch auch eine Demonstration im Jahr 1968 vor dem Axel-Springer-Verlagsgebäude, an der Sie sich beteiligten …

Aust: Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke haben viele die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung dafür mitverantwortlich gemacht. Die Studenten sind dann also vor das Springer-Haus gezogen. Und da war auch ich mit dabei, habe demonstriert und die Steine von hinten nach vorne durchgereicht. Aber ansonsten war ich vordergründig ein Beobachter und kein Aktivist.

Und welche Eindrücke haben Sie in dieser Rolle in den Jahren davor gewonnen?

Aust: In Deutschland kam die erste Nachkriegsgeneration so langsam in die Jahre, den Eltern Fragen über ihre Kriegserfahrungen zu stellen. Die Bundesrepublik Deutschland ist ja nicht auf der grünen Wiese nach dem Krieg neu aufgebaut worden, sondern die Personen, die das Nazi-System gestützt hatten, waren weitgehend noch vorhanden, von Lehrern über Richter bis hin zu Soldaten, die dann auch in die neu gegründete Bundeswehr einzogen.

Und was noch dazukommt: Sie waren die Kinder des Wirtschaftswunders. Sie hatten Zeit, sich nicht nur mit dem Studium und seiner Finanzierung zu beschäftigen, sondern sie bekamen vom Staat oder den Eltern genügend Geld, um auch über andere Dinge nachdenken zu können, etwa über den Vietnamkrieg – oder über den Schah von Persien.

Stefan Aust zum Anhören

Stefan Aust spricht über die Rolle der „Springer“-Zeitung „Bild“ beim Attentat auf den Wortführer der Studentenbewegung, Rudi Dutschke. Außerdem erklärt Aust, warum er vom einstigen Demonstranten vorm „Springer-Haus“, nun, als Herausgeber der Tageszeitung „Die Welt“, selbst ein Springer-Medium leitet, also quasi von der Straße ins Gebäude gewechselt hat.

Ende Mai 1967 kam dieser auf einen neuntägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Welche Reaktionen hat das ausgelöst?

Aust: Der Schah wurde von den Amerikanern und deren Nachrichtendiensten unterstützt. Der Iran war ein wichtiger Öllieferant und hat viel Technik importiert. Das machte Resa Pahlawi zu einem wichtigen Handelspartner auch für Deutschland. Der Schah hat sich bei seinem Besuch unglaublich aufgespielt. Er und seine Frau füllten auch die Klatschspalten der Boulevardpresse.

Gleichzeitig war Resa Pahlawi der Anführer eines ziemlichen Unterdrückungssystems. Er hatte einen außerordentlich effektiven Geheimdienst, den SAWAK, der gegen Schah-Gegner im eigenen Land massiv vorging. Da wurden Menschen ins Gefängnis geworfen, gefoltert und auch hingerichtet. Und als Resa Pahlawi nun Deutschland besuchte, wurde er von zahlreichen Anhängern begleitet. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für diejenigen, die gegen diese Art von autoritärem Regime ankämpfen wollten. Und so gab es überall in Deutschland Demonstrationen.

Abtransport des tödlich getroffenenen Benno Ohnesorg
Associated Press
Abtransport des tödlich getroffenenen Benno Ohnesorg

Bei den Protestierenden handelte es sich vornehmlich um junge Menschen und Studenten. Aber wer hat diese eigentlich mobilisiert?

Aust: Eine wichtige Rolle spielte dabei der Studentenführer Bahman Nirumand, der ursprünglich aus dem Iran stammte, über die dortigen Ereignisse also sehr gut Bescheid wusste und auch darüber geschrieben hatte. Ulrike Meinhof engagierte sich ebenfalls. Sie verfasste etwa einen Kommentar, der als Flugblatt unter den Anti-Schah-Demonstranten verteilt wurde - auch vor dem Schöneberger Rathaus in Westberlin.

Was geschah dort?

Aust: Die mitgereisten Schah-Anhänger waren mit langen Latten bewaffnet. Sie trugen alle Schlips und Kragen, aber eine lange Latte dazu. Und damit prügelten sie dann auf die demonstrierenden Studenten ein. Die Bevölkerung war später besonders darüber entsetzt, dass die Polizei dabei einfach zusah, die Schah-Anhänger also gewähren ließ. Zwar griffen die Polizisten irgendwann ein, aber aufseiten der Schah-Anhänger. Sie prügelten also mit ihren etwas kürzeren Knüppeln auf dieselben Studenten ein. Das war schon ziemlich finster, was sich da abspielte.

Warum schlug sich die Polizei wortwörtlich auf die Seite der Schah-Anhänger?

Ö1-Sendungshinweise

Dem Thema widmete sich auch Betrifft: Geschichte und ein Beitrag im Morgenjournal am 2.6. um 7:00.

Aust: Naja, die Polizei war ja auch nicht vom Himmel gefallen. Da fanden sich natürlich noch sehr viele darunter, die im Dritten Reich gedient hatten. Und dann kam dazu, dass sich in Berlin eine ganz besondere Situation ergab. Westberlin war ja eine Insel innerhalb des kommunistischen Weltreichs, wenn Sie so wollen. Ergo lebten dort überwiegend Leute, die sich ganz bewusst in Konfrontation mit dem Kommunismus sahen. Deswegen fühlten sie sich von den Amerikanern beschützt, sowohl die Bürger als auch die Polizisten. Und als dann die Studenten auftraten und sich quasi gegen die Schutzmacht Amerika, die den Schah unterstützte, stellten – da kann man sich ja vorstellen, wie die darauf reagiert haben.

Nämlich mit Gewaltbereitschaft. Und dann kam es zur folgenschweren Demonstration am Abend des 2. Juni.

Aust: Es herrschte eine ziemliche Proteststimmung. Und die eskalierte, unmittelbar bevor der Schah mit seiner Frau in die Oper ging, um sich die Zauberflöte anzusehen. Die Straßen waren voller Demonstranten. Plötzlich gingen erneut Schah-Anhänger mit langen Stangen und Knüppeln auf die protestierenden Studenten los. Und dann gab es einen massiven Polizeieinsatz. Es kam zu zahlreichen Handgemengen und einer Massenpanik.

Viele Studenten versuchten zu fliehen und wurden von der Polizei eingekesselt. Eine Gruppe wurde dann in einen Hinterhof gedrängt. Laut Zeugenaussagen soll Benno Ohnesorg dieser gefolgt sein, um nachzusehen, was dort vor sich ging. Während sich die anderen in Sicherheit bringen konnten, blieb Ohnesorg in dem Hinterhof zurück. Dann ging es irgendwie hin und her. Und auf einmal zog der Polizeibeamte Karl-Heinz Kurras eine Pistole. Ohne erkennbaren Grund. Es war wohl so, dass Kurras ein Waffennarr gewesen ist. Er zog also seine Waffe und schoss Ohnesorg in den Hinterkopf.

Was geschah danach?

Baujahr ’67 – Zeitreisen mit Ö1

Was hat 1967, das Gründungsjahr von Ö1, bewegt? Und was davon ist heute noch in Betrieb? In einem Jubiläumsschwerpunkt zum 50er begeben sich zahlreiche Sendungen auf Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft - mehr dazu in Baujahr ’67 - 50 Jahre Ö1.

Aust: Ein anderer Polizist rief: „Bist du denn verrückt geworden, du kannst doch hier nicht schießen!“ Benno Ohnesorg lag auf dem Boden, und dann kam eine Studentin, die sich über ihn beugte und seinen Kopf stützte. Diese Szene wurde auch auf diesem weltberühmten Bild abgelichtet. Sie rief um Hilfe, und ein Polizist antwortete ihr: „Was, dem wollen Sie noch helfen?“ Aber ich glaube, dem war wirklich nicht mehr zu helfen. Das war ein tödlicher Schuss.

Der Krankenwagen traf aber auch erst eine knappe halbe Stunde später ein, und die Fahrt zum Spital dauerte dann nochmals 45 Minuten. Mittlerweile war Ohnesorg gestorben. Und obwohl sich die Schusswunde am Hinterkopf befand, ist der Schütze Kurras dreimal gerichtlich freigesprochen worden. Wie ist das zu erklären?

Aust: Die Polizei versuchte selbstverständlich den Vorgang herunterzuspielen. Die Verteidigungsstrategie lief darauf hinaus, von Notwehr zu sprechen. Sie taten so, als sei Kurras so bedrängt worden, dass er in höchster Not die Waffe gezogen hatte. Das hat aber im Prozess keinen Bestand gehabt. Er ist trotzdem nicht verurteilt worden, weil man auf den Begriff der Putativnotwehr zurückgriff. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Scheinnotwehr, also dass er subjektiv vielleicht den Eindruck gehabt hat, er könnte bedroht worden sein, und deswegen die Waffe gezogen hat.

Karl-Heinz Kurras vor Prozessbeginn im Landgericht in Berlin im November 1967
dpa/A1676 Chris Hoffmann
Karl-Heinz Kurras vor Prozessbeginn im Landgericht in Berlin im November 1967

Warum hat es gerade den Romanistik- und Germanistikstudenten Ohnesorg getroffen?

Aust: Ohnesorg war ein Student wie Zehntausende andere, politisch engagiert und aufmerksam. Er ging gegen das Böse auf der Welt auf die Straße, aber er war in keiner radikalen Organisation, sondern eher kirchlich orientiert. Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich bei den meisten Demonstranten um keine direkten Aktivisten handelte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) hatte damals vielleicht ein paar hundert Mitglieder. Aber er sorgte dafür, dass Plakate gemacht wurden, und rief zur Demonstration auf. Dass dann genau Benno Ohnesorg erschossen wurde, war sicher ein Zufall. Es hätte auch jeden anderen treffen können.

Im Jahr 2009 nahm der Fall dann eine bemerkenswerte Wende.

Aust: So ist es. Durch einen mehr oder weniger zufälligen Aktenfund stellte sich heraus, dass Karl-Heinz Kurras ein geheimer Mitarbeiter des DDR-Nachrichtendienstes gewesen ist, ein Stasi-Spitzel. Dadurch erschien es als besonders pervers, dass der DDR-Propagandaapparat zuvor den Tod Benno Ohnesorgs als Beispiel für den faschistischen Polizeistaat im Westen dargestellt hatte. Ich glaube, die damaligen Verbreiter hatten nicht die geringste Idee, dass es ihr Mann gewesen ist. Dann gingen natürlich die Spekulationen hoch, dass der DDR-Geheimdienst hinter diesem - man kann ja fast schon sagen - Mord gesteckt hat. Das scheint aber nicht der Fall gewesen zu sein.

Wie haben die Studenten unmittelbar danach auf den Tod Ohnesorgs reagiert?

Baujahr-’67-Fundgrube

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Aust: Es gab einen Eskalationsprozess. Auf den Straßen lieferte man sich Auseinandersetzungen mit der Polizei, es wurde mit Steinen geworfen. Denn der Tod von Benno Ohnesorg war für viele ein Zeichen, dass der Staat mit Waffengewalt gegen die demonstrierenden Studenten vorging und damit sein wahres Gesicht zeigte. Und das wiederum führte dazu, dass sich einige überlegt haben, selbst Gewalt anzuwenden, um sich sozusagen zur Wehr zu setzen. So gründete sich etwa eine terroristische Gruppierung, die sich nach Ohnesorgs Todestag „Bewegung 2. Juni“ nannte. Die Mitglieder dieser Organisation überfielen Banken, entführten den Bürgermeisterkandidaten der CDU, Peter Lorenz, erschossen Berlins höchsten Richter und legten Bomben. Das waren schon ziemlich finstere Taten.

Studentenproteste drei Tage nach dem Tod von Ohnesorg in München
Associated Press
Studentenproteste drei Tage nach dem Tod von Ohnesorg in München

Waren innerhalb der Bevölkerung eigentlich alle derselben Meinung und verurteilten die Vorgehensweise der Polizei?

Aust: Nein. Die Bevölkerung war, wie immer in solchen Situationen, gespalten. Es gab auch viele, die sagten: „Geschieht ihm recht. Was demonstrieren sie auch, was schmeißen sie mit Steinen, was brüllen sie herum, warum protestieren sie gegen diese schöne Schahbanu (Gattin des Schah, Farah Pahlawi, Anm.)? Soll er doch zu Hause bleiben und studieren. Was haben die alle so lange Haare, sind ungewaschen.“ Und so weiter. Es gab also auch eine ziemlich massive Stimmung gegen die Studenten.

Teils befeuert durch die Medien …

Aust: Die konservativen Medien haben natürlich als Erstes über die randalierenden Studenten berichtet, während die linken und eher liberalen Zeitungen das eher als Beispiel für den faschistischen Polizeistaat verwendeten. Es war auf jeden Fall ein sehr großes Thema.

Welchen gesellschaftspolitischen Schatten warf der Tod Benno Ohnesorgs darüber hinaus?

Aust: Dieser Todesfall war ein bedeutender Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik. Man hat gesehen, dass das kein Spaß ist, was hier passiert. Es gab große Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppierungen innerhalb eines Landes. Und im Zuge dieser wurden auch massive Mittel eingesetzt, sowohl von einigen Studentengruppierungen, unter denen es immer welche gab, die radikaler orientiert waren, als auch aufseiten der Polizei, die massiv aufgerüstet hat. Die rennen ja heute wie Mondmenschen herum, mit Schutzschilden, Helmen und allem Drum und Dran.

Aus dieser aufgeheizten Stimmung innerhalb der gesamten Gesellschaft ging 1970 die Rote Armee Fraktion (RAF) hervor. Wie lange drehte sich die Spirale der Gewalt weiter?

Aust: Es gab eine langsame Entwicklung, die darin bestand, dass radikalere Aktivisten zuerst kleine Molotowcocktails, dann Bomben warfen und schließlich eine militärische Ausbildung bei den Palästinensern machten. Danach kamen sie wieder zurück nach Deutschland, um eine geheime Infrastruktur aufzubauen und Banken zu überfallen. Das gipfelte in immer weiteren Eskalationsprozessen, weil Mitstreiter ins Gefängnis kamen und wieder Aktionen gestartet wurden, um diese freizubekommen. Und dann gab es die nächste und übernächste Generation der RAF. Das dauerte 28 Jahre mit denen. Das liegt auch daran, dass in Ländern mit einer faschistischen Vergangenheit wie Deutschland die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen immer außerordentlich brutaler geführt wurden als in anderen Staaten.

Daphne Hruby, Ö1-Wissenschaft

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