Wie das Krankenbett zum Medikament wurde

Wer krank ist, soll ins Bett gehen: Heute selbstverständlich, gibt es die Bettruhe in der Psychiatrie erst seit etwas mehr als 100 Jahren. Wie das Krankenbett zum Medikament wurde, skizziert die Historikerin Monika Ankele in einem Gastbeitrag.

Um 1900 wurde mit dem Begriff der „Bettbehandlung“ die Bettruhe als ein therapeutisches Hilfsmittel in die Psychiatrie eingeführt, die einen tiefgreifenden Wandel psychiatrischer Einrichtungen nach sich ziehen sollte. Waren zuvor Arbeit und Beschäftigung zentrale Elemente der Behandlung, so kam nun das medizinisch indizierte Ruhen im Bett hinzu.

Porträtfoto von Monika Ankele
Privat

Über die Autorin:

Monika Ankele studierte Geschichtswissenschaften in Graz, Wien und Berlin und promovierte mit einer Arbeit zu Selbstzeugnissen von Psychiatriepatientinnen aus der Sammlung Prinzhorn. Seit 2012 ist sie Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Sie ist derzeit Research Fellow am IFK - Kunstuniversität Linz.

Der Psychiater Clemens Neisser (1861-1940), der den Begriff der „Bettbehandlung“ prägte, propagierte ihre verbindliche Anwendung bei nahezu sämtlichen Krankheitsbildern: PatientInnen, deren „Haltung und äußeres Benehmen ungeordnet, erregt oder überhaupt auffällig ist, mögen sie melancholisch, maniakalisch, halluzinatorisch verwirrt, Paranoiker, Paralytiker oder einfach Demente sein“, wären am besten im Bett aufgehoben.

Aus ärztlicher Sicht beruhte die therapeutische Wirkung der Bettruhe zum einen auf dem Prinzip der „physiologische[n] Organschonung“; zum anderen sollte das Liegen im Bett die für eine Genesung als notwendig erachtete Krankheitseinsicht fördern, denn „Bettliegen und Kranksein bilden in unserem Bewusstsein eine (...) festgefügte Association“, so Neisser. Um die Kranken im Bett zu halten und ihren Schlaf zu fördern, kamen bei der Durchführung der Behandlung auch neu entwickelte Schlaf- und Beruhigungsmittel wie Paraldehyd, Hyoscin oder Veronal zur Anwendung.

Krankensäle ermöglichten permanente Überwachung

Die Einführung der Bettbehandlung setzte eine bauliche Um- und Neugestaltung der vorhandenen psychiatrischen Einrichtungen voraus: Zellenabteilungen, die das Bild der Anstalten bisher prägten, wurden aufgelassen, Trennwände eingerissen, und die einzelnen Zellen zu großen Krankensälen zusammengelegt. Vorbildfunktion hatten die Krankensäle der Allgemeinen Krankenhäuser.

Die sogenannten Wachabteilungen, die in den psychiatrischen Anstalten und Kliniken nun neu errichtet wurden, waren mit zehn oder mehr Betten ausgestattet, die den Raum strukturierten und jedem Patienten und jeder Patientin einen spezifischen Platz innerhalb des Raumes zuwiesen. Diese neue Raumordnung ermöglichte – in Kombination mit der horizontalen Lage der Kranken – eine unausgesetzte Überwachung.

Isolationszellen, Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen (1910), Staatsarchiv Freiburg B 698, Sig. 5062
Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen (1910), Staatsarchiv Freiburg B 698, Sig. 5062
Isolationszellen: So haben Anstalten früher ausgesehen

Dadurch sollten Zwangsmittel wie die Zwangsjacke, aber auch die räumliche Isolierung von Kranken in Einzelzellen überflüssig werden, wenn sie auch in der Praxis weiterhin Anwendung fanden. Für ihre Befürworter legte die Bettbehandlung den Grundstein für eine „moderne“ und „humane“ Psychiatrie, die dem „Irren“ nicht länger mit Angst und Furcht begegnet, sondern ihn zum Kranken erklärt, der eine entsprechende (medizinische) Behandlung und Versorgung erfahren sollte.

Darüber hinaus eröffnete die Bettbehandlung der klinischen Psychiatrie den Weg: Der um 1900 renommierte Psychiater Emil Kraepelin (1956-1926) rief seine Kollegen zur Rückkehr ans Krankenbett auf, um dort klinische Beobachtungen vorzunehmen. Die Erfahrung am Krankenbett solle die Lehrmeisterin des Psychiaters werden, so Kraepelin.

Das Krankenbett als Akteur

Hatte das Bett vor der Einführung der Bettbehandlung eine untergeordnete Rolle im therapeutischen Regime psychiatrischer Anstalten eingenommen, wurde es nun zu einem zentralen Akteur. Es organisierte die Beziehungen der Ärzte, WärterInnen und PatientInnen unter- und zueinander. Es ordnete ihre Körper und differenzierte sie nach den ihnen zugeschriebenen Funktionen und Eigenschaften: liegende von stehenden, kranke von gesunden, behandelte von handelnden.

Dabei bestätigte die Bettbehandlung durch die horizontale Lagerung der Kranken den Arzt in seiner, wie Neisser es formulierte, „dominirende[n] Stellung (...) im Rahmen des Gesammtbetriebes der Anstalt“, die dadurch auch von denen bereitwilliger respektiert werde, die „nicht krank zu sein meinen“.

Die Anordnung der Krankenbetten bildete unterschiedliche Blickachsen aus, sowohl der Liegenden, als auch der Stehenden, die mit spezifischen Wahrnehmungsmöglichkeiten (der Einblick den Liegenden, der Überblick den Stehenden) und Kommunikationsformen (der herabschauende und der aufschauende Blick) verbunden waren. Über diese konnten sich asymmetrische Machtverhältnisse zwischen Ärzten, PatientInnen und WärterInnen ausbilden und verfestigen.

Patient mit Puppe, gestaltet aus Bettzeug
Atlas und Grundriss der Psychiatrie 1902

Patient mit Puppe, gestaltet aus Bettzeug, aus: Wilhelm Weygandt, Atlas und Grundriss der Psychiatrie, München 1902, S. 303.

Unter dem Eindruck des beständigen Liegens veränderten gewohnte Praktiken auch ihre Bedeutung: Für PatientInnen, die über Wochen und Monate im Bett zubringen mussten, wurden Sehen und Hören zu einer Art von Bewegung, mit der sie der Immobilität ihres Körpers und der Reduktion ihrer Handlungen auf einen Mikroraum begegneten. Während der Körper an einem Ort verharren musste, konnte der Blick wandern – durch den Raum, durch geöffnete Türen, durch das Fenster.

Auch interagierten die PatientInnen mit dem Bett, eigneten sich diesen Raum, den das Bett ausbildete, und seine Materialien auf vielfältige Weise an und bildeten spezifische Mikropraktiken aus: wie das Liegen unter der Decke, das Schließen der Augen ohne zu schlafen, aber auch das Fertigen von Objekten aus Leintuch und Kissen. Einige dieser textilen Objekte sind heute noch in ehemaligen Lehrsammlungen psychiatrischer Anstalten und Kliniken erhalten oder finden sich in Lehrbüchern dokumentiert.

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