Unser Urahn aus Marokko

Der erste unserer Art: Forscher haben in Marokko den mit Abstand ältesten Vertreter des Homo sapiens entdeckt. Er lebte vor 300.000 Jahren in der damals grünen Sahara - und jagte dort nach Gazellen, Gnus und Antilopen.

Als Charles Darwin 1859 seine Theorie von der Evolution der Arten vorstellte, verlor er auf mehr als 500 Seiten detaillierter Naturbeschreibungen kein Wort über unsere Art - bis auf eine leise Andeutung: „Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen“, lautet der vielleicht berühmteste Satz in der „Origin of Species“.

Licht auf den Ursprung warfen in den letzten Jahren vor allem die Fortschritte der Genetik. DNA-Vergleiche zeigen: Die Abstammungslinie des Menschen trennte sich vor rund 500.000 Jahren von unseren engsten, mittlerweile ausgestorben Verwandten, dem Neandertaler sowie dem 2010 entdeckten Denisova-Menschen.

Was die Fossilien anlangt, klafft in den Befunden allerdings eine Lücke. Die bisher ältesten fossilen Überreste des modernen Menschen sind (bzw. waren) 200.000 Jahre alt. Sie stammen aus Äthiopien, der „Wiege der Menschheit“, wie es allenthalben heißt.

Versierter Jäger, riskantes Leben

Nun berichtet ein Forscherteam im Fachblatt „Nature“ in zwei parallel veröffentlichten Studien von einem aufsehenerregenden Fund. Ein Fund, der die Ursprünge der Menschheit um nicht weniger als 100.000 Jahre nach hinten verschiebt.

In Djebel Irhoud, einer Karsthöhle 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, stießen die Forscher auf Kiefer, Zähne und Knochen der Art Homo sapiens. Sie stammen von fünf Frauen, Männern und einem Kind. Ihr Alter: 300.000 Jahre.

Über die Lebensweise dieser Urmenschen lässt sich erstaunlich viel sagen, denn die Forscher fanden in den Sedimenten auch Steinwerkzeuge und Tierknochen selben Alters. Daraus kann man etwa die Ernährung rekonstruieren. Die war offenbar eiweißreich, auf dem Speiseplan stand vor allem Gazellenfleisch, mitunter auch Antilopen, Zebras, Gnus, Büffel und Straußeneier.

Archäologische Fundstelle: Die Höhle von Djebel Irhoud
Shannon McPherron, MPI EVA Leipzig
Die Höhle von Djebel Irhoud

Die Sahara war zu dieser Zeit eine grüne Savanne, sagt der österreichische Anthropologe Philipp Gunz, ein Mitglied des internationalen Forscherteams. „Wir glauben, dass diese Menschen gute Jäger waren. Sie zogen mit den Tierherden und erlegten ihre Beutetiere mit Speeren. Das war gefährlich. Die Lebenserwartung lag wohl nur bei 20 bis 30 Jahren.“

Die „Wiege der Menschheit“ ist riesig

Revolutionär ist der Fund vor allem in Hinblick auf die geografische Verbreitung der frühesten Vertreter unserer Art. Dachte man früher, dass die Menschheit in Ostafrika entstanden sei, so wird nun klar, dass sich der moderne Mensch bereits in Urzeiten bis in den nordafrikanischen Raum ausgebreitet hatte.

Steinwerkzeuge aus der Mittelsteinzeit
Mohammed Kamal, MPI EVA Leipzig
Steinwerkzeuge, Djebel Irhoud

Und wohl auch in den Süden des Kontinents, wie Fossilfunde aus Florisbad, Südafrika, nahelegen. Womit der Begriff „Wiege der Menschheit“ seinen ursprünglichen Sinn verliert. Eine regional begrenzte „Wiege“ gab es allem Anschein nach nicht. Und wenn es sie gab, dann umfasste sie den ganzen Kontinent.

Homo sapiens war bereits in der Frühphase seiner Existenz ein Wanderer, eine Art, die von Beginn an Räume erschloss und sich ausbreitete, wo immer die Bedingungen es zuließen.

Dafür brauchte es auch entsprechende Wendigkeit im Umgang mit der Natur. Geistige Fähigkeiten, über die die Urmenschen aus Djebel Irhoud wohl schon verfügten.

Verschwundene Gefährten

Ihr Hirnvolumen war bereits mit dem unseren vergleichbar, im Detail gibt es allerdings Unterschiede. Die Form der entdeckten Schädelknochen weist darauf hin, dass die frühe Hirnentwicklung nicht ganz so verlief, wie das heute der Fall ist. Vermutlich hatte das Einfluss auf die Vernetzung der einzelnen Hirnbereiche (Schädelrekonstruktion: siehe Video).

Was das für das Denken unserer Urahnen bedeutet, bleibt Spekulation. Fest steht: Homo sapiens war damals nicht allein, es gab noch andere Menschenarten. Das blieb auch so bis vor 30.000 Jahren, als der Neandertaler von der Bildfläche verschwand. „Die Situation, in der wir heute leben, mit nur einer Menschenart“, sagt Gunz, „ist eigentlich sehr ungewöhnlich. Sie ist neu für den Planeten.“

Robert Czepel, science.ORF.at

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