Künstliche Zunge erkennt Alter von Whisky

Ein deutscher Chemiker hat ein Gerät entwickelt, das den Jahrgang von Whiskysorten bestimmen kann: Die Methode ist erstaunlich einfach - und übertrifft in mancher Hinsicht sogar professionelle Sommeliers.

Auf den Whisky ist Uwe Bunz erst in jüngster Zeit gekommen. Normalerweise forscht der deutsche Chemiker an Krebsgeweben. Er hat eine Methode entwickelt, mit der man gesunde von Tumorzellen unterscheiden kann, und zwar mit Hilfe von fluoreszierenden Farbstoffen: Gibt man Zellen in die Farbstofflösungen, verändert das die Abstrahlung von Licht. Die einzelnen Lichtsignale geben Auskunft über den Zustand der Zelle.

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Über die künstliche Zunge berichtet auch Wissen aktuell am 13.6. um 13:55.

„Ich habe mir die Frage gestellt: Kann man diese Methode auch für Getränke verwenden - zum Beispiel für Whisky?“, sagt Bunz im Gespräch mit science.ORF.at. „Die Antwort lautet Ja. Es funktioniert.“

Optischer Fingerabdruck

Die genaue Zusammensetzung von Whisky sei bis heute unbekannt, sagt Bunz. Whisky sei ein „komplexer Analyt“ - und als solcher für organische Chemiker ein durchaus lohnenswertes Studienobjekt. Bei der Einreichung des Forschungsprojekts gab es freilich ein kleines Problem.

Whisky auf Universitätskosten zu kaufen, das hätte wohl die Toleranz der Verwaltung etwas überstrapaziert. So finanzierte der Forscher von der Universität Heidelberg die Proben - 30 verschiedene Whiskysorten - sicherheitshalber aus der eigenen Tasche. Und begann zu experimentieren.

Labor: Forscher stehen vor leuchtenden Fläschchen
Sebastian Hahn
Optische „Verkostung“: Uwe Bunz (links) und sein Mitarbeiter Jinsong Han.

Die Ergebnisse dieser Versuche sind nun im Fachblatt „Chem“ nachzulesen. Die künstliche „Zunge“ sieht zwar nicht aus wie eine solche - sie ist ihrem natürlichen Vorbild aber insofern ähnlich, als sich auch hier einzelne Signale zu einem typischen Profil summieren. Bei der echten Zunge funktioniert das über die Aktivität von Rezeptoren, bei Bunz’ Analysegerät eben über Farbstoffe: Jeder Whisky hat einen individuellen optischen Fingerabdruck.

Anwendung: Qualitätskontrolle

Fazit: Dieser Ansatz ist dem menschlichen Gaumen bei manchen Fragestellungen sogar überlegen. Das Alter von Whiskysorten können Bunz und sein Team exakt bestimmen, sofern die Maschine davor mit ein paar Millilitern des Originals geeicht wurde. Auch Single Malts und Blended Whiskys vermag die Maschine auseinanderzuhalten, ebenso leichte und vollmundige Sorten. Nur Rauch- und Torfnoten können die Forscher - zumindest bislang - nicht messen.

Bunz könnte sich vorstellen, dass sein Gerät in einigen Jahren auch außerhalb des Labors eingesetzt werden könnte, etwa für die Qualitätskontrolle. Bis es so weit ist, bleiben die praktischen Anwendungen eher privater Natur. „Eigentlich bin ich ja Rotweintrinker", sagt Bunz."Nun habe ich die 30 Samples zu Hause stehen - und muss sagen: Es gibt auch sehr interessante Whiskys.“

Robert Czepel, science.ORF.at

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