Die antieuropäische Tradition Europas

Brexit, Terror und russische Machtspiele: Europa hat schon bessere Tage gesehen. Dass es in Europa eine anti-europäische Tradition gibt, ist aber nichts Neues, meint der rumänische Philosoph und Ex-Politiker Andrei Plesu – sie begann mit der Geburt des Kontinents.

Andrei Plesu kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Er ist ausgebildeter Kunsthistoriker, im Kommunismus von Nicolae Ceausescu war Rumänien aber kein guter Ort, um diesen Beruf auszuüben. Reisen zu Museen waren oft nicht möglich, religiöse Themen, die ihn interessierten, waren tabu. Dann kam die Wende und „plötzlich kam die Politik über ihn“, wie er im Interview erzählt.

science.ORF.at: Hr. Plesu, mit dem Fall Ceausescus wurden Sie 1989 Kulturminister – warum eigentlich?

Porträt von  Andrei Plesu
Lukas Wieselberg, ORF

Andrei Pleșu ist Mitbegründer des New Europe College, einem Institut für Höhere Studien in Bukarest, das er bis heute leitet. 1989-1991 war er rumänischer Kulturminister und 1997-1999 rumänischer Außenminister. Vor Kurzem war er Gast am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien.

Andrei Plesu: Es gab diesen radikalen Wandel, und man suchte nach Leuten, die bisher keine Rolle in der Politik gespielt hatten. Plötzlich wurde ich als Kulturminister vorgeschlagen. Ich habe mein Bestes getan, es aber nicht länger als zwei Jahre ausgehalten. Das ist meine generelle Toleranzgrenze, nach spätestens zwei Jahren habe ich mich immer von allen politischen Ämtern verabschiedet. So auch als Außenminister. Bevor ich das wurde, habe ich meinen Freund, den Historiker Bronislaw Geremek angerufen, der damals polnischer Außenminister war. Ich habe gefragt, warum er das macht. Er hat geantwortet: In unseren Ländern ist es noch zu früh, die Politik den Politikern zu überlassen. Ich sehe das auch so. Aber ich bin froh, nun wieder das zu tun, was ich eigentlich möchte.

Das klingt nicht so, als ob sie die Politik als Berufsfeld empfehlen würden?

Plesu: Nein. Um ein Politiker zu sein, muss man das in erster Linie mögen – so wie bei jedem anderen Beruf. Es ist eine Frage der Berufung, bei mir war das nicht der Fall. Ich bin eher ein „spectateur engagé“, wie es Raymond Aron ausgedrückt hat, also ein Beobachter, der kommentiert und nötigenfalls interveniert. Die Debatte gibt es in Rumänien bis heute, manche meinen, dass sich die Intellektuellen mehr politisch engagieren sollten. Ich denke: Wenn es notwendig ist, ok. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass die Geschichte Europas von Rembrandt, Kant oder Rodin geschrieben wurde – ihre Ideen haben sich indirekt auf die Politik ausgewirkt, aber sie waren keine Politiker.

Sie sind auch nicht der Meinung Platos, dass Philosophen die Welt regieren sollten?

Plesu: Nein, ich glaube, das können sie nicht. Philosophen als Könige, die die richtige Politik machen, wurden durch die Geschichte nicht bestätigt. Es ist sicher wichtig, dass man als Politiker eine kultivierte Person ist, ein wenig Philosophie gelesen hat. Es muss aber auch nicht jeder ein Vaclav Havel oder ein Adam Michnik sein. Zum Regieren braucht man viel administratives Talent, PR-Talent, strategisches Denken. Das können Philosophen nicht. Sie sollten Vorschläge machen, kommentieren, Positionen beziehen. Aber es ist schade, wenn man einen Philosophen veranlasst, seine Hauptbeschäftigung zu verlassen, für etwas, zu dem er nicht so qualifiziert ist.

Europa, Demokratie, Philosophie und Politik: All diese Begriffe wurzeln in der griechischen Antike – auch das Wort „Krise“, in der sich Europa gerade befindet …

Plesu: Auch Apokalypse und Chaos sind griechische Worte. Wir sind in der Krise, ja, aber sie ist gut in dem Sinne, dass sie uns zwingt, dass wir über das „Mantra-Europa“ hinausgehen – über diese ornamentale Rede vom „gemeinsamen Haus Europa“, in dem alles in Ordnung ist und in Richtung Homogenisierung und Einheit verläuft. Nein, die Krise hat die gute Seite, dass sie uns näher zu uns und unseren Problemen bringt, und dass sie diese Triumphreden überwindet.

Man sollte auch nicht hysterisch werden: Europa hat eine sehr lange Tradition von Teilungen. Es hat mit einem Akt der Teilung begonnen, als sich das Römische Reich in West und Ost geteilt hat. Nach „Rom und Konstantinopel“ folgten „Katholizismus und Protestantismus“, „Ost und West“, „Nord und Süd“, „Kommunismus und Kapitalismus“ usw. Wir sollten also nicht sehr überrascht sein, wenn das passiert. Das sind Zeichen von Diversität und der Beginn, uns selbst besser zu verstehen.

Andrei Plesu bei der Veranstaltung am IWM in Wien
IWM
Andrei Plesu am IWM in Wien

Es ist darüber hinaus typisch europäisch, von dem angezogen zu werden, das anders ist. Die Anthropologie wurde in Europa erfunden: als die Notwendigkeit, das total Andere zu verstehen. In Europa gibt es Lehrstühle für die Kulturen Chinas, der Hindus und Afrikas. Wir sind an dem Anderen interessiert. Dazu kommt, auch wenn gerade nicht der Moment scheint daran zu erinnern, dass Europa am Ende des Römischen Reichs mit starker Beteiligung von asiatischen Nomaden geboren wurde. Europa hat also mit einer Mischung aus „Barbaren“ – um es griechisch auszudrücken – und Europäern begonnen. Wir müssen uns daran erinnern und das Beste daraus machen.

Das politische Hauptargument für die europäische Einigung lautet ja, dass das geteilte Europa im 20. Jahrhundert sehr blutig und sehr grausam war.

Plesu: Das stimmt. Vielleicht sollte man dazu zwei Dinge sagen. Erstens: Die EU ist als Kohle- und Stahlunion gegründet worden. Wolf Lepenies hat einmal bedauert, dass Kultur und Ideen in dieser Konstruktion bis heute nicht so wichtig genommen werden wie Kohle und Stahl. Kulturelle Prozesse spielten in der EU erst in den späten 1990er Jahren eine wichtigere Rolle. Wenn man will, dass sich die Menschen in „Europa“ verlieben, muss man ihnen mehr als nur eine Verwaltung bieten.

Zweitens: Wir leben offensichtlich in einer kritischen Phase. Aber ich war von der Entdeckung Karl Kerenyis überrascht, dass ursprünglich Bedeutung des Wortes „Europa“ „der Mensch mit weit geöffneten Augen“ ist. Wir sollten in dieser Hinsicht Europäer sein: mit weit geöffneten Augen uns selbst und den anderen gegenüber. Gerade jetzt, wo sich die USA von Europa ein wenig distanziert – das kann die europäische Solidarität stärken.

Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 13.7., 19:05 Uhr.

Noch ein Gedanke: Die lingua franca in Europa ist Englisch – das wird sich auch durch den Brexit nicht ändern. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich, selbst wenn sich formale politische Teilungen ergeben, wesentliche Dingen bleiben. Selbst wenn wir das wollten, wären wir gar nie in der Lage, „nicht“ Europäer zu bleiben.

Sie befürchten also keine Renationalisierung Europas?

Plesu: Nein, auch wenn einige Entwicklungen zu schnell waren - etwa die Einführung des gemeinsamen Euro von Griechenland bis Deutschland. Wenn Volkswirtschaften derart unterschiedlich entwickelt sind, geht das nicht. Ich glaube aber, dass die Realität uns dazu zwingen wird zusammenzubleiben. Europa sollte kein flächendeckender Wohnblock von Plattenbauten sein, wie früher in den kommunistisch Staaten, es sollte viele verschiedene Häuser geben, von Kulturen, Landschaften und Sprachen. Aber ihr gemeinsamer Platz ist dieser Kontinent – der im Übrigen in etwas erfolgreich war, was keinem anderen Kontinent gelungen ist: Man kann keine politische Einheit haben ohne Grenzen. Aber wenn man an Europa als Zivilisation im Allgemeinen denkt, muss man zugeben, dass etwa Japan und Israel in gewissem Sinn sehr europäische Länder sind. Europa ist ein Modell, und es wäre lächerlich, dieses Bild aufzugeben.

Einer der Gegenspieler dieses Modells ist der islamistische Terror …

Plesu: Er ist momentan sehr gefährlich, weil wir Regeln erfunden haben, die für uns sehr passend sind, aber nicht für alle Verhaltensweisen. Die einzige Institution, die das Problem lösen kann, ist der Islam selbst. Denn was nun geschieht, ist ein riesiger Schaden für den Islam, das verdient er nicht. Der Islam ist eine sehr interessante Kultur, der Koran ein sehr spezielles und schönes Buch, das die Terroristen auch einmal lesen sollten, weil dort schöne Dinge drinstehen wie: „Wenn jemand jemanden umbringt, der noch nie jemanden getötet hat, ist das so, wie die gesamte Menschheit umzubringen.“ Ich vermute, das haben die Terroristen nie gelesen. Als solcher würde ich große Angst haben vor meinen Gott zu treten.

Das Problem ist, dass es sehr unterschiedliche Textstellen im Koran gibt …

Plesu: Das stimmt, im Koran gibt es 206 Stellen, die nett über Krieg und Gewalt sprechen. Aber das tun andere heilige Bücher auch, wie das Alte Testament. Man spricht da halt von Vergleichen oder Metaphern. Die Figur des Jesus in der Apokalypse trägt ein Schwert im Mund und sein Gewand ist voll Blut. Das ist furchterregend, die Kirchenväter haben dann gesagt: Das sind nur Worte, die man interpretieren muss. Es stimmt, der Islam hat sich in erster Linie mit Gewalt ausgebreitet, aber ich sehe das wie der Religionswissenschaftler Navid Kermani: Er meint, dass der islamistische Terrorismus mit der Säkularisierung zusammenhängt. Sie kennen ihre eigenen Traditionen nicht mehr, verwechseln alles mit Ideologie und Politik. Ich glaube, das ist wahr. Andererseits glaube ich auch, dass sich Europa anpassen muss. Wenn Terroristen fünfmal verhaftet und verhört wurden, und dann noch immer frei herumlaufen, dann ist dieses Verständnis von Menschenrechten selbstmörderisch.

Andrei Plesu bei der Veranstaltung am IWM in Wien
IWM

Ist das die größte Gefahr im Moment für Europa?

Plesu: Im Moment eine der größten, aber es gibt auch andere. Sollen wir über Russland sprechen? (lacht)

Ja, es gibt ja dieses Gegenprojekt zu einem geeinten Europa, das sich Eurasien nennt und von Russland unterstützt wird. Ist dieses von Putin und Orban inspirierte, autoritäre Eurasien eine realpolitische Alternative?

Plesu: Nein, das glaube ich nicht. Wenn wir über Eurasien sprechen, müssten wir als nächstes über Eurasien-Afrika sprechen. Es gab ja die Idee, im Sinne Europas den Mittelmeerraum stärker zu beachten – der ja Nordafrika beinhaltet. Man darf nicht vergessen, dass Augustinus, der Begründer der katholischen Theologie, in Nordafrika geboren wurde, so wie viele andere Kirchenväter. Sprechen wir also lieber über Globalisierung und nicht über eine Kontinent-spezifische Zivilisation. Das ist demagogisch und gibt auch die Idee auf von etwas, das eine artikulierte Kohärenz hat.

Aber weil wir von Putin sprechen: So, wie wir im Moment nicht in der Lage sind, eine angemessene Antwort auf die islamistische Gefahr zu geben, sind wir auch nicht in der Lage, in einen wirkungsvollen Dialog mit den russischen Diplomaten zu treten. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass sie immer gewinnen. Und zwar deshalb, weil sie keine Regeln haben. Sie kennen nur das Ziel. Die Wege, die dahin führen, sind nicht verpflichtend vorgeschrieben – im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Plesu: Der damalige OSZE-Präsident Knut Vollebaek, ein ehemaliger norwegischer Außenminister und ein richtiger Gentleman, traf in Belgrad einmal Slobodan Milosevic. Danach hat er mir in offen norwegischem Staunen den Dialog geschildert. Er hat Milosevic gefragt: „Warum sind serbische Truppen im Kosovo?“. Seine Antwort: „Sie schauen zu viel CNN, es gibt dort keine Truppen.“ Vollebaek darauf: „Aber ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen!“ Milosevic: „Ach, Sie meinen diese Truppen! Die habe ich geschickt, um Sie zu beschützen.“ Vollebaek: „Ich habe aber auch einige Häuser brennen gesehen.“ Milosevic: „Das ist kompliziert. Es gibt in unsere Folklore Traditionen, wo zu bestimmten Zeiten Häuser angezündet werden“. Für mich, der mit kommunistischen Politikern zu tun hatte, war das keine so überraschende Gesprächsführung. Aber für Vollebaek war sie ein Schock. Ich sage nicht, dass wir unsere Regeln aufgeben sollten. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass russische Diplomatie anders ist.

Weil sie mehr zur Unwahrheit neigt?

Plesu: Naja. Der sehr gute Sowjetologe Alain Besancon hat einmal geschrieben: Wenn ein französischer Bürgermeister einen russischen trifft, glaubt er, dass dieser auch ein Bürgermeister ist. Aber das stimmt nicht, zumindest nicht im gleichen Sinn. Der russische Bürgermeister ist ein Propagandist, ein Aktivist, ein Parteifunktionär, er hat ganz andere Strategien und Ziele. Das ist ein sehr grundlegendes Missverständnis.

Aber keine Gefahr für Europa als geeintes Projekt?

Plesu: Ich würde den islamistischen Terror und Russland nicht auf eine Stufe stellen. Russland gibt es schon sehr lange, und das ist ein kompliziertes Land. Ein guter russischer Autor ist vor Kurzem nach Rumänien gekommen und hat erklärt: Russland ist eine Demokratie, wenn auch eine andere, und hier dauern Dinge nur etwas länger. Das ist der Rhythmus des Landes.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zum Thema: