Das Frühstück nährt die Moral

„Der Mensch ist, was er isst", notierte einst Ludwig Feuerbach. Den berühmten Satz könnte man neuerdings auch neurologisch deuten. Psychologen zeigen nämlich im Experiment: Der Proteingehalt des Frühstücks steuert das moralische Empfinden.

Der Gourmet schwelgt, wenn er isst, bekanntlich im Genuss - im Gegensatz zum Gourmand, der vor allem Portionsgrößen zugetan ist respektive isst. Es gibt noch eine dritte, weniger bekannte Möglichkeit, Mahlzeiten zu betrachten. „Essen“, sagt Soyoung Park, „ist eine pharmakologische Intervention im Gehirn.“

Diesen Zusammenhang hat die Psychologin von der Uni Lübeck nun in einem Experiment untersucht. Das lief so ab: Sie bat Testpersonen morgens ins Labor und setzte ihnen ein Frühstück vor. Eine Gruppe erhielt viel Kohlenhydrate und wenig Protein , bei der anderen Gruppe war es umgekehrt (siehe Bild unten).

Ein Spielchen nach dem Frühstück

Dann absolvierten die Probanden das sogenannte Ultimatum-Spiel. Bei dem Spiel erhalten zwei Personen, A und B, ein Geldgeschenk: A kann bestimmen, in welchem Verhältnis der Betrag zwischen beiden aufgeteilt wird. B kann wiederum bestimmen, ob er oder sie das Angebot annimmt. Oder, falls unfair, ablehnt. Im letzteren Fall erhalten beide nichts.

Untersuchungen zeigen, dass Spieler B ab einem Verteilungsschlüssel von 70:30 zugunsten von A nicht mehr mitmacht - und lieber auf den Kleinbetrag verzichtet, um A für sein egoistisches Tun eine Lehre zu erteilen.

Zwei Frühstück-Menüs mit Brot, Obst und/oder Schinken
Soyoung Park et al., Universität Lübeck
Frühstücken für die Wissenschaft: die beiden Menüs im Vergleich.

Der Spielverlauf ist kulturabhängig: Die Lamelara aus Indonesien etwa agieren (in der Rolle von A) erstaunlich selbstlos und bieten ihren Mitspielern im Schnitt 58 Prozent des Gewinns an. Vermutlich deswegen, weil sie durch die Waljagd stärker als andere Völker auf Kooperation geeicht sind.

Die Hadza in Tansania indes tendieren zum Eigennutz, bieten im Schnitt weniger als 30 Prozent - und kassieren so meist eine Ablehnung. In westlichen Gesellschaften liegen die Angebote meist dazwischen.

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet heute auch Wissen aktuell, 22.6., 13:55 Uhr.

Proteine machen toleranter

Was Psychologen bisher allerdings kaum bedacht haben, ist, dass auch die Nahrungsaufnahme das Ergebnis beeinflusst. Soyoung Park fand nämlich heraus: Mit dem Proteingehalt des Frühstücks steigt auch die Toleranz gegenüber unfairen Angeboten.

Die Erklärung: Proteine lassen den Aminosäurespiegel im Blut steigen, unter anderem den von Tyrosin. Tyrosin ist wiederum ein Vorläufer von Dopamin - ein Botenstoff im Gehirn, der sogar bei kleiner Dosisänderung die Toleranzschwelle im Ultimatum-Spiel erhöht. Über das Ergebnis war selbst Park überrascht: „Dass nur eine Mahlzeit unser Denken und Handeln so stark beeinflusst - das finde ich schon bemerkenswert.“

Spricht das nun für das Frühstücksei - und gegen die morgendliche Marmeladesemmel? Fragen wie diese seien in den letzten Tagen mehrfach an sie herangetragen worden, erzählt die Psychologin. Besonders häufig wurde nach stimmungsaufhellenden Menüs für Lebensabschnittspartner gefragt.

Dazu könne sie leider nichts sagen, schmunzelt Park - bis auf die Empfehlung, ausgewogen zu essen: „Wir müssen bei der Interpretation vorsichtig sein.“ Nur mehr Eier zu essen und auf Kohlenhydrate zu verzichten, hält sie jedenfalls für keine kluge Idee. Denn auch Kohlenhydrate seien für die Botenstoffe im Gehirn wichtig: Sie führen zur Bildung des „Glückshormons“ Serotonin.

Robert Czepel, science.ORF.at

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