Wie man den Rohstoffabbau verträglicher macht

Der Boom an Computern und Smartphones hat eine Kehrseite: vergiftetes Wasser und kontaminierte Böden in jenen Ländern, aus denen die nötigen Rohstoffe stammen. Eine Tagung in Wien untersucht gerade Wege, das zu verhindern.

Rund 70 verschiedene mineralische Rohstoffe braucht ein herkömmlicher Computer. Abgebaut werden sie vor allem in Afrika und Südamerika, wo sie Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen zur Folge haben und bewaffnete Konflikte finanzieren.

Auf diese Folgen der Digitalisierung möchte die AG Rohstoffe, in der Schwerpunktwoche „Rohstoffe der digitalen Zukunft“ von 22. bis 28. Juni hinweisen. Dazu hat sie Experten aus Bolivien ins Haus der Europäischen Union in Wien eingeladen, die über die sozialen und ökologischen Auswirkungen der IT-Produktion in ihrem Land berichten.

Beispiel Bolivien

Bolivien ist besonders reich an Rohstoffen. Der Andenstaat exportiert etwa Gold in die Schweiz, Silber in die USA, Zinkerz nach Japan und Wolfram nach Österreich. Dennoch profitiert das Land nur bedingt von seinem Reichtum an Bodenschätzen. Es exportiert hauptsächlich Rohstoffe, die dann andernorts weiterverarbeitet werden. Am Ende einer langen Wertschöpfungskette profitieren vor allem internationale Konzerne wie Apple, HP und Intel.

Porträtbild von Jaime Caichoca
ORF, Lena Hallwirth

Jaime Caichoca

Von den Folgen für die Umwelt sind vor allem die in den Abbauregionen lebenden Menschen betroffen. „Unser Süßwasser ist durch den Bergbau kontaminiert, unsere Böden degradiert und auch im Futter für die Tiere sind Schwermetalle nachweisbar“, schildert Jaime Caichoca, Landwirtschaftsexperte des bolivianischen Zentrums für Ökologie und andine Völker (CEPA). Er kommt aus dem Bezirk Oruro, wo vor allem Zinn abgebaut wird. Die Menschen in seiner Region spüren die Folgen des Bergbaus deutlich.

Weltmarktpreise diktieren die Regeln

Nur wenige Minen besitzen ordnungsgemäße Rückhaltebecken und Kläranlagen. Meist gelangen die mit Schwermetallen belasteten Abwässer direkt in die Umwelt. „Tag für Tag verlieren unsere Leute ihr Land als Folge der Umweltverschmutzung durch den Bergbau“, berichtet Caichoca.

Um die Umwelt und damit ihre Existenzgrundlage zu schützen, schlossen sich 80 betroffene Gemeinden zusammen und gründeten die Organisation Coridup, zu deren Präsident Jaime Caichoca gewählt wurde. Gemeinsam fordern sie von der Regierung, die Einhaltung der bereits existierenden Umweltstandards strenger zu kontrollieren.

Héctor Córdova bei der Veranstaltung in Wien
ORF, Lena Hallwirth

Héctor Córdova bei der Veranstaltung in Wien

Das ist allerdings nicht einfach, denn ein Großteil der Minen Boliviens wird von kleinen Bergbau-Kooperativen betrieben. Rund 200.000 Menschen arbeiten in diesen Genossenschaften. Sie sind stark von den Weltmarktpreisen für die abgebauten Rohstoffe abhängig und können sich umweltschonende Abbautechniken oder andere Maßnahmen zum Schutz der Umwelt oft nicht leisten.

Fallen die Weltmarktpreise, sparen viele Kooperativen und private Firmen an Umweltschutzmaßnahmen, Soziallleistungen für die Arbeiter und Sicherheitsvorkehrungen in den Minen, sagt Héctor Córdova, Analyst für Bergbau bei der bolivianischen Denkfabrik Fundación Jubileo.

Forderung: Mehr Teilhabe am Gewinn

„Die Regierung hat keine Kontrolle über den Bergbausektor, es gibt eine Vielzahl von Verstößen durch die Kooperativen“, so der Universitätsprofessor für Metallurgie. Dennoch spricht er sich für mehr Rohstoffabbau in Bolivien aus: „Ich denke, in Bolivien ist niemand wirklich gegen den Bergbau. Wir sind Bergleute, seit hunderten Jahren leben die Bolivianer mit dem Bergbau.“ Die Gemeinden wollen aber an dem Profit, der mit den weiterverarbeiteten Rohstoffen erwirtschaftet wird, beteiligt sein. Möglichst große Teile der Wertschöpfungskette sollten deshalb in Bolivien selbst liegen.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 26.6., 13:55 Uhr.

AG Rohstoffe

Die AG Rohstoffe wird von Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, GLOBAL 2000, Finance & Trade Watch, Südwind und dem Netzwerk Soziale Verantwortung (NeSoVe) gebildet.

Das sei nur mit der Unterstützung der EU-Mitgliedsstaaten möglich, die zu den wichtigsten Importeuren mineralischer Rohstoffe und den daraus erzeugten Elektrogeräten gehören. Sie sollten Bolivien beim Aufbau von Anlagen unterstützen, in denen die mineralischen Rohstoffe weiterverarbeitet werden können. Auch sollten sie sich stärker für die Einhaltung von Umweltstandards in den Abbauländern einsetzen, so Córdova.

Reparieren statt Wegwerfen

Jaime Caichoca ruft ebenfalls die Länder, die die bolivianischen Rohstoffe importieren, auf, das Land zu unterstützen. Um möglichst umweltschonend abbauen zu können, fehle es an den technischen Mitteln und dem Know-how. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten könnten einen Beitrag leisten, indem sie ihre Laptops, Smartphones und Tablets lange nutzen und wenn möglich reparieren, anstatt sie wegzuwerfen.

Kann ein Gerät nicht mehr repariert werden, sollte es dem Recycling zugeführt werden, denn mineralische Rohstoffe sind auf unserem Planeten nur endlich vorhanden.

Lena Hallwirth, Ö1-Wissenschaft

Mehr zu dem Thema: