Kaffee könnte das Leben verlängern

Lange Zeit galt Kaffee als eher ungesund - wohl zu Unrecht, wie eine Untersuchung an mehr als einer halben Million Menschen zeigt: Moderater Kaffeekonsum könnte sogar das Leben verlängern. Warum das so ist, bleibt unklar.

Forscher um Marc Gunter vom Imperial College London hatten die Sterbedaten in zehn europäischen Ländern untersucht, darunter etwa Italien, Deutschland und Großbritannien - und dabei einen statistischen Zusammenhang entdeckt. Bei den Kaffeetrinkern war das Sterberisiko im Untersuchungszeitraum von 16 Jahren messbar niedriger: zwölf Prozent bei Männern, sieben Prozent bei Frauen

Um die gesundheitlichen Effekte isoliert betrachten zu können, rechneten die Forscher viele andere Einflüsse heraus, beispielsweise Ernährung und Rauchen. Die Inhaltsstoffe des Kaffees und ihre konkreten Wirkungen untersuchten sie allerdings nicht.

Die Studie

„Coffee drinking and mortality in 10 European countries“, Annals of Internal Medicine (10.7.2017).

Forscher bleiben vorsichtig

Deshalb dämpft Hauptautor Marc Gunter etwaige Euphorie im Lager der Kaffeeliebhaber. Moderater Genuss von etwa drei Tassen könnte zwar gesundheitliche Vorteile haben. Man sei jedoch „nicht an einem Punkt, eine Empfehlung für mehr oder weniger Kaffeekonsum auszusprechen.“

Gunter Kuhnle, ein an der Studie unbeteiligter Epidemiologe von der Universität Reading, sieht das ähnlich. Die beobachteten Effekte seien eher klein. Außerdem lasse die Studie keine Aussagen über die Kausalität zu - ob Kaffee wirklich die Ursache des Effekts war, kann aufgrund der Daten nur vermutet, jedoch nicht bewiesen werden.

Kaffee tropft in zwei Espressotassen
INTI OCON / AFP
Ob als Espresso oder in verdünnter Form: Drei Tassen pro Tag gelten als unbedenklich.

Kaffee ist laut den Studienautoren eines der beliebtesten Getränke der Welt: Schätzungen zufolge werden jeden Tag 2,25 Milliarden Tassen rund um den Globus getrunken - und das, obwohl Kaffee lange Zeit als gesundheitsschädlich galt. Er besteht - je nach Sorte und Zubereitung - aus mehr als 1.000 verschiedenen Stoffen, darunter Koffein.

Letzteres dürfte übrigens keinen Unterschied machen: Denn Konsumenten von entkoffeiniertem Kaffee hatten laut der Analyse in den „Annals of Internal Medicine“ ebenfalls eine leicht erhöhte Lebenserwartung.

WHO vollzieht Imagewechsel

Erst im vergangenen Jahr gab die WHO-Krebsforschungsagentur (IARC) bekannt, dass sich ein erhöhtes Krebsrisiko durch Kaffee nicht belegen lasse.

Die neue Studie reiht sich nun in eine wachsende Zahl von Untersuchungen ein, die das negative Image von Kaffee widerlegen oder gar positive Effekte feststellen. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen etwa Untersuchungen in den USA und Japan. Die aktuelle Studie, an der auch Forscher der IARC beteiligt waren, ist nun die erste dieser Art aus Europa.

Die Forscher beobachteten, dass Menschen, die mehr Kaffee konsumieren, ein geringeres Risiko bei allen Todesursachen haben, insbesondere bei Kreislauferkrankungen und Krankheiten, die mit dem Verdauungstrakt zusammenhängen.

Gesündere Leber, stärkeres Immunsystem

Als Grundlage für ihre Untersuchung diente den Autoren die große europäische Langzeitstudie EPIC („European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition“). „Wir fanden heraus, dass das Trinken von mehr Kaffee mit einem günstigeren Leberfunktionsprofil und einer besseren Immunantwort verbunden war“, sagt Marc Gunter.

Laut Kuhnle schließt die aktuelle Untersuchung eine Lücke. So sei der Zusammenhang zwischen Gesamtsterblichkeit und Kaffeekonsum zwar bereits in den USA untersucht worden, nicht aber in Europa. Das sei insbesondere deswegen interessant, da sich Stellenwert und Zubereitung von Kaffee diesseits und jenseits des Atlantiks erheblich unterscheiden.

„In den USA ist Kaffee ein ‚Standardgetränk‘ und wird insbesondere auch von Menschen niedrigerer Einkommensklassen konsumiert, während etwa in Großbritannien Tee verbreiteter und Kaffee die Ausnahme ist.“ Der Sozialstatus habe jedoch große Auswirkung auf die Gesundheit. Leider betrachte die neue Studie einzelne EU-Länder nicht separat.

Ursache oder bloß Nebeneffekt?

Kuhnle interessiert vor allem die Frage, warum die Sterblichkeit bei höherem Kaffeekonsum geringer ist: „Ist das der Effekt von bioaktiven Verbindungen im Kaffee, die man dann etwa isolieren könnte - oder gibt es einen anderen Grund?“

Es sei auch möglich, dass die gesundheitlichen Effekte gar nicht vom Kaffee stammen. Sondern, dass das Getränk mit dem eigentlichen Grund für diese Effekte lediglich in einer Beziehung stehe. So sei es beispielsweise denkbar, dass Menschen mit erhöhtem Krankheitsrisiko generell weniger Kaffee trinken. Die aktuelle Untersuchung deute zumindest darauf hin, dass Kaffeekonsum nicht ungesund sei. „Ob er aber wirklich gesund ist, ist eine andere Frage.“

science.ORF.at/dpa

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