Smarte Handschuhe für Gehörlose

Forscher haben Handschuhe entwickelt, die Buchstaben der Gebärdensprache in Text übersetzen – und via Handy gelesen werden können. In Zukunft könnte die Technologie auch für die Steuerung von Robotern und in der virtuellen Realität verwendet werden.

Dehnbare Sensoren auf den Fingerknöcheln und ein winziger Computer am Handgelenk: Das sind die wesentlichen Bestandteile des smarten Handschuhs, den ein Forscherteam rund um Darren Lipomi von der University of California entwickelt hat. Die Sensoren erkennen die Gebärden, die Gehörlose mit den Fingern und der Hand machen, die Übersetzungsarbeit leistet dann der integrierte Minicomputer. Mittels Bluetooth wird der Text auf ein Smartphone übertragen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollten mit den Handschuhen auf das „Potenzial“ der smarten Technologie hinweisen: „Die smarten Handschuhe werden sehr kostengünstig produziert. Trotzdem können die Sensoren komplexe, feinmotorische Bewegungen erkennen“, sagt der Studien-Mitautor Timothy O’Connor vom Institut für Nanotechnologie von der University of California. Die Handschuhe übersetzen im Moment alle 26 Buchstaben der amerikanischen Gebärdensprache, American Sign Language (ASL).

Video: Der Handschuh schreibt „UCSD“ - die Abkürzung von University of California, San Diego

Die Innovation der smarten Handschuhe im Vergleich zu anderen Erfindungen sieht O’Connor vor allem in einem wirtschaftlichen Aspekt: „Wir haben die Handschuhe um weniger als 100 Dollar konzipiert. Für eine so komplexe Technologie ist das sehr kostengünstig.“ Die smarten Handschuhe seien außerdem sehr leicht und schmiegen sich an die Hand an.

Langlebig und ausbaufähig

Überrascht zeigte sich O’Connor von der Langlebigkeit der Sensoren. Das Forscherteam rechnete damit, die Sensoren innerhalb weniger Wochen neu kalibrieren zu müssen. Die smarten Handschuhe funktionierten allerdings rund vier Monate: „Das hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Es beweist uns, dass die Technologie großes Potenzial hat.“

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Ö1-Morgenjournal: 13. 7., 8:00 Uhr.

In Zukunft will das Forscherteam das Material der Sensoren weiterentwickeln und so die Genauigkeit verbessern: „Mit robusteren und größeren Sensoren könnte es möglich sein, auch komplexere Gebärden für ganze Wörter zu übersetzen.“ Um eine Gebärdensprache exakt übersetzen zu können, bräuchte es zusätzlich Kameras, die auch die Mimik der Gehörlosen erkennen, so O’Connor: „Das liegt noch weit in der Zukunft.“

Der Handschuh für die Gehörlosen
Timothy O'Connor et al
Der Handschuh für die Gehörlosen

Innovation noch in „Kinderschuhen“

Positiv nimmt die smarten Handschuhe Helene Jarmer wahr, die Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes: „Wir begrüßen solche Innovationen und sehen einen großen Vorteil in der Verwendung von technologischen Neuerungen für die Gebärdensprache.“ Zu bedenken gibt sie allerdings, dass sich das Projekt noch in den Kinderschuhen befinde und nicht mit der Leistung eines Dolmetschers zu vergleichen sei. Zu viele Faktoren müssen beim Übersetzen beachtet werden, so Jarmer.

Die Zukunft der smarten Handschuhe sieht Timothy O’Connor im Bereich Robotik: „Roboter werden mit Tastaturen oder Joysticks bedient. Mit den smarten Handschuhen könnte man zur Steuerung die eigenen Hände verwenden.“ Diese Bedienung sei intuitiver und praktischer, so der Forscher.

In weiterer Folge könne die Technologie auch in der virtuellen Realität eingesetzt werden: „Ob zur Ausbildung von Ärzten, die mit den smarten Handschuhen in einer virtuellen Realität zum Beispiel sezieren üben können, oder im Bereich Kampf- oder Sporttraining – die Ausbildung ist kostengünstiger und effizienter.“

Markus Andorf, Ö1-Wissenschaft

Mehr zum Thema: