Der Sinn von Schlafstörungen

Probleme beim Ein- und Durchschlafen sind vielen Menschen nur zu gut bekannt. Eine Studie an einer uralten Volksgruppe in Afrika zeigt nun: Was bei uns als Störung gilt, könnte ein Überlebensmechanismus aus früheren Zeiten sein.

Die Zeit, in der wir schlafen, dient zur Entspannung und Erholung. Es ist aber auch eine Zeit, in der wir extrem verwundbar sind. Was heute kaum mehr bedeutsam ist, war für Urmenschen harte Realität: Während des Nachtschlafs waren sie Raubtieren und Umweltgefahren wehrlos ausgesetzt.

Studie

“Chronotype Variation Drives Nighttime Sentinel-Like Behaviour in Hunter-Gatherers", Proceedings of the Royal Society B. , 12. 7. 2017

Einige in Gruppen lebende Tiere halten aus diesem Grund Nachtwachen ab. Auch unterschiedliche Schlafzyklen, regelmäßiges Aufwachen und Wechsel zwischen leichten und tiefen Schlafphasen sind Möglichkeiten, um die Nachtstunden sicher zu überstehen. Derartige Verhaltensmuster fanden Wissenschaftler etwa bei Vögeln und Mäusen. Das Team um den Evolutionsbiologen Charles L. Nunn haben solche Mechanismen nun an einer archaischen menschlichen Kultur untersucht.

Fast nie alle zugleich im Tiefschlaf

Die afrikanischen Hadza sind moderne Jäger und Sammler. Sie leben und schlafen zusammen in Gruppen aus 20 bis 30 Leuten. Ihr Lebensstil ist dem von Urmenschen sehr ähnlich. Nachtwachen werden bei den Hadza nicht abgehalten. Dennoch hält sich das Volk schon seit mehr als 50.000 Jahren an den Ufern des Eyasi-Sees in Tansania. 33 Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 60 Jahren erklärten sich einverstanden, im Zuge der Studie ihr Schlafverhalten aufzeichnen zu lassen.

Einer der Versuchsteilnehmer schläft am Boden
David Samson
Einer der Studienteilnehmer schläft am Boden

Während der insgesamt 220 Stunden Beobachtungszeit waren die Testpersonen nur 18 Minuten gleichzeitig im Tiefschlaf. Das zeigte die Auswertung der Aktiv- und Ruhezeiten. Die Forschungsgruppe beobachtete außerdem häufiges Aufwachen. Dennoch klagte keiner der Teilnehmer über Schlafprobleme. Deutliche Unterschiede gab es zwischen den Altersgruppen. Ältere Gruppenmitglieder gingen generell früher zu Bett und wachten früher auf als jüngere.

Biologische Uhr tickt im Alter anders

Ursache dieser Unterschiede ist laut den Wissenschaftlern die biologische Uhr. Sie sorgt dafür, dass der Körper sich an unterschiedliche Tageszeiten anpasst. Mit zunehmendem Alter verändern sich durch sie auch die Schlafgewohnheiten. Während junge Menschen häufiger Nachteulen sind, werden ältere Menschen meist zu Frühaufstehern. Diese Veränderungen sorgen dafür, dass in der gemischtaltrigen Gruppe der Hadza in der Nacht stets jemand in Alarmbereitschaft ist.

Die Forscher wollen mit ihrer Studie die Ansichten zu altersbedingten Schlafproblemen verändern. „Viele ältere Menschen beklagen beim Arzt, dass sie früh aufwachen und nicht wieder einschlafen können. Aber vielleicht fehlt ihnen gar nichts. Vielleicht sind einige Gesundheitsprobleme von heute einfach nur Überbleibsel aus früheren Zeiten, wo sie sinnvoll waren“, sagt Nunn in einer Aussendung. Ob das für Menschen mit Schlafproblemen heute ein Trost ist, bleibt dabei fraglich.

Anita Zolles, science.ORF.at

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