Private Raumfahrt nach Maß

Die privaten Raumfahrt steht in den Startlöchern, in wenigen Jahren werden nicht nur NASA, ESA und Co regelmäßig ins All fliegen. Unternehmen bauen maßgeschneiderte Raumfahrzeuge für unterschiedlichste Anwendungen, vom Tourismus bis zur Fabrik.

Wenn Beth Moses über ihren Alltag plaudert, fallen ganz beiläufig Wörter, die ein bisschen nach Science Fiction klingen - „Mutterschiff“ und „Hybridraketenantrieb“ zum Beispiel. Die frühere NASA-Ingenieurin arbeitet nämlich heute bei Virgin Galactic daran, die Raumfahrt genauso alltagstauglich zu machen wie Flugreisen es heute sind. Nur noch nicht ganz in derselben Preisklasse: Für einen Ticketpreis von vorerst einer Viertelmillion Dollar sollen begüterte Hobbyastronauten bereits in einigen Jahren mit dem „SpaceShipTwo“ von Virgin Galactic einen Tag im Weltraum genießen können. Und zwar wirklich genießen, erklärt Beth Moses, das ist sozusagen das oberste Missionsziel.

Trägerflugzeug WhiteKnightTwo mit SpaceShipTwo
AFP PHOTO / Frederic J. BROWN
SpaceShipTwo auf Trägerflugzeug WhiteKnightTwo

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal am 20.7. um 12:00

Ganz anders als bei der NASA, wo sie an Teilmodulen der Internationalen Raumstation ISS mitgearbeitet hat. „Bei der NASA haben wir nie darüber gesprochen, was die Astronauten beglücken könnte“, erinnert sich Moses. Zwar war die psychische Gesundheit für Langzeitmissionen wichtig, aber ein besonders schöner Blick auf die Erde beim Start oder ein sanfter Eintritt in die Atmosphäre waren der NASA - verständlicherweise - keinen Mehraufwand wert.

Neue Technologien für neue Ziele

Die Ausrichtung auf sehr andere als rein wissenschaftliche Ziele, lasse private Raumfahrtunternehmen wie Virgin Galactic, SpaceX oder Starchaser Industries auch eher Neues probieren, meint Beth Moses. „Als die NASA entstanden ist, war die grundlegende Frage: Wie kommen wir ins Weltall und wieder zurück? Jetzt stehen wir am Beginn einer maßgeschneiderten Raumfahrt. Viele Leute wollen unterschiedliche Dinge im All - manche wollen eben den Weltraum erleben, anderen eigene Satelliten bzw. Güter transportieren oder einfache Experimente durchführen.“

Gerade weil man das Raumfahrzeug von Virgin Galactic nach der Vorgabe von Komfort und Freude plane, arbeite man daran zwei Technologien zu perfektionieren, die auch viele andere interessieren dürften: Zum einen will man einen Hybridantrieb entwickeln, der mit festem und flüssigen Brennstoff funktionieren soll, um ihn jederzeit abschalten zu können, was auch die Sicherheit erhöhe. Außerdem soll SpaceshipTwo nach dem Vorbild eines Federballs einziehbare Flügel bekommen, die beweglich bleiben, um einen sicheren und besonders sanften Eintritt in die Atmosphäre für die Luxusreisenden zu ermöglichen.

Interessant wäre solche Technologie natürlich auch für NASA oder ESA, aber die öffentlichen Institutionen müssen sich meist mit engen Budgets auf übergeordnete Missionen konzentrieren - was funktioniert muss nicht verbessert werden. Diese Technologien voranzubringen, sei der Nutzen für die breite Öffentlichkeit von manchmal abgehoben wirkenden privaten Raumfahrtunternehmen, sagt Beth Moses.

Viele Gründe für private Raumfahrt

Schon heute gibt es die unterschiedlichsten Raumfahrtunternehmen: Man kann mittlerweile gar sterbliche Überreste per „Gedenkflug“ ins All bringen lassen, um diese dann beispielsweise als Sternschnuppe niedergehen zu lassen, wie einer der mehreren Anbieter es anpreist oder zur Mondoberfläche bringen lassen.

Neben solchen Unternehmen, die die Vorstellungskraft der Menschen und ihre Träume vom All bedienen, gibt es aber auch zahlreiche handfeste und gewinnversprechende Gründe, warum immer mehr Privatunternehmen ins Weltall streben und die dazu passenden Technologien vorantreiben wollen – unterschiedlichste Unternehmen nutzen heute schon eigene Satelliten, aber auch Zukunftsfelder wie Erzabbau auf Asteroiden, Solarenergieanlagen oder effiziente Fabriken mit 3D-Druck in der Umlaufbahn locken viele Unternehmerinnen und Unternehmer.

Nur noch Wirtschaft im All?

Je mehr Aktivität sich ins All verlagert, desto mehr Ideen werden rundherum entstehen - Gütertransporte werden zunehmen und auch am Aufsammeln des Weltraumschrotts, den die rasant wachsende private Raumfahrt hinterlässt, wird in Universitäten und Unternehmen geforscht. Das japanische Startup-Unternehmen Astroscale hat zum Beispiel erst vor kurzem Millionen an Investitionen eingesammelt - sie wollen einmal die Müllabfuhr der Erdumlaufbahn werden. Und sogar für den vielleicht irgendwann anstehenden Romantikflug zum Mond gibt es schon eine passende Erfindung – vor einigen Jahren hat eine amerikanische Weltraumenthusiastin den „2suit“ erfunden, ein Kleidungsstück, das Intimität und Sex in der Schwerelosigkeit ermöglichen soll.

Aber den ganzen Weltraum übernehmen die Privaten noch lange nicht, ist sich auch die Virgin Galactic-Ingenieurin Beth Moses sicher. Die wirklich großen Vorhaben könne niemand alleine stemmen: „Heute genauso wie in Zukunft wird es komplexe Raumfahrtprogramme geben, die nur in internationaler Zusammenarbeit funktionieren - ein solches Flaggschiffprojekt war die Internationale Raumstation ISS. Irgendwann werden das Mond- oder Marsbasen sein. Um die Menschheit so weit zu bringen, braucht es große Programme, und da sind internationale Kooperationen die Zukunft.“

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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