Was zu Unfällen beim Wandern führt

Millionen Menschen wandern in Österreich. Jedes Jahr verunglücken rund 100 tödlich. Besonders gefährlich sind Stürze beim Bergabgehen, berichten nun Forscher. Stöcke und Schuhwerk sind weniger wichtig als gedacht, Brillen hingegen ein Risikofaktor.

"Es scheint keinen Unterschied zu machen, ob man flache oder hohe Schuhe trägt“, sagt der Sportwissenschaftler Martin Faulhaber von der Universität Innsbruck gegenüber science.ORF.at. Auch Stöcke dürften das Risiko für einen Sturz beim Wandern nicht verringern.

Das ist das einigermaßen überraschende Ergebnis einer noch nicht abgeschlossenen Studie, die Faulhaber im vergangenen Jahr mit Kollegen begonnen hat. Rund 140 Menschen, die nach einem Sturz auf Bergen Unfälle hatten, haben entsprechende Fragebögen ausgefüllt.

Brille wichtiger als Schuhe oder Stöcke

Ihre Angaben unterstützen klassische Empfehlungen wie „Schuhe, die über die Knöchel gehen“ und „Stöcke verwenden“ nicht. „Viele Empfehlungen beruhen nur auf Beobachtungen. Dass man das aber wirklich vergleicht, das ist der neue Ansatz unserer Studie. Und da zeigt sich bisher weder bei Schuhen noch bei Stöcken ein großer Unterschied“, sagt Faulhaber.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 27.7., 13:55 Uhr.

Flache Schuhe seien etwa genauso geeignet zum Wandern wie hohe Bergschuhe. Was aber kein Plädoyer für Sandalen oder Flip-Flops sein soll. „Entscheidend bei Schuhen sind eine wandertaugliche Sohle und die Festigkeit im Aufbau“, so Faulhaber.

Die Beine von zwei Wanderern von hinten, einer trägt Stöcke
APA/dpa

Einen Risikofaktor hat das Team um den Sportwissenschaftler mittlerweile aber ausfindig gemacht: „Viele der verunglückten Personen benützen eine Brille.“ Faulhaber hält das zwar noch für spekulativ, aber eine schlechte Trittsicherheit wegen schlechter Sicht könnte erklären, warum Brillenträger eher stürzen und verunglücken.

Klarheit in dieser Frage soll in den nächsten zwei Jahren hergestellt werden: So lange läuft die aktuelle Studie noch, und in dem Zeitraum sollen die Angaben von 500 Sturzopfern einfließen.

Nur nichttödliche Unfälle werden mehr

Bereits fertig ist eine zweite Studie, die Faulhaber und sein Team durchgeführt haben. Dabei haben die Forscher Unfälle durch Stürze beim Wandern ausgewertet, die von der Österreichischen Alpinpolizei in den vergangenen neun Jahren dokumentiert wurden. Rund 5.400 Unfälle hat es in dem Zeitraum gegeben, die Verunfallten waren im Schnitt 52,5 Jahre alt, 53 Prozent waren Frauen, 47 Prozent Männer.

Bemerkenswert sei, dass die Zahl der tödlichen Unfälle nach Stürzen über das knappe Jahrzehnt mit rund 35 Personen pro Jahr konstant blieb, die nichttödlichen Unfälle hingegen laufend angestiegen sind: 2006 waren es noch 474 Verletzte, 2014 bereits mehr als 700.

Drei Wanderer von hinten beim Wandern
dpa/Karl-Josef Hildenbrand

„Das lässt sich vermutlich auch damit erklären, dass mehr und mehr Menschen in die Berge gehen und mehr Notrufe abgesetzt werden. Es könnte aber auch ein Hinweis dafür sein, dass Bergwandern etwas sicherer geworden ist“, erklärt Faulhaber in einer Ausendung des FWF.

Genaue Aussagen dazu sind schwierig, denn im Gegensatz zum Wintersport, wo durch die Seilbahngesellschaften die exakten Besucherzahlen erfasst werden, lässt sich die Zahl der Sommerbergsportlerinnen und -sportler eben nur schätzen.

75 Prozent der Stürze passieren beim Abstieg

Die Daten der Alpinpolizei zeigen weiters, dass Stürze meistens auf markierten Schotterwegen oder steinigem Untergrund passieren, nur sechs Prozent der Stürze sind auf verschneite Böden zurückzuführen.

Und: 75 Prozent der Stürze passieren beim Abstieg. „Ein Grund dafür könnte sein, dass die Menschen dabei schon ermüdeter sind“, sagt Faulhaber. „Auch die ungewohnte Belastungsform, das Abbremsen, dürfte eine Rolle spielen und die Ermüdung noch verstärken“, mutmaßt der Sportwissenschaftler.

Insgesamt verunglücken beim Wandern in den heimischen Alpen jedes Jahr rund 1.600 Personen, davon sterben 100. Fast die Hälfte der Todesfälle betrifft plötzlichen Herztod, die andere Hälfte Unfälle nach Stürzen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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