Keine „verlorene Generation“

Rund 14 Millionen Kinder in Afrika gelten laut UNO-Kinderhilfswerk (UNICEF) als Aids-Waisen. Viele von ihnen sind selbst HIV-positiv, aber sie sind keine „verlorene Generation“, wie das vor 15 Jahren befürchtet wurde.

Um die Jahrtausendwende starben in einigen Ländern Afrikas bis zu einem Drittel der Erwachsenen im erwerbstätigen Alter an Aids – stark betroffen war zum Beispiel Botswana. Aber auch in Malawi starben etwa 15 Prozent der unter 50-Jährigen, erklärt die Sozialanthropologin Angelika Wolf von der Freien Universität Berlin, die zu Aidswaisen in Malawi geforscht hat. Viele hinterließen Kinder und weitere Familienangehörige, die auf ihr Einkommen angewiesen waren.

Die Zahl der Todesfälle war eine Herausforderung auf jeder Ebene – das Geld fehlte, die Familienmitglieder, die die verwaisten Kinder versorgen hätten können, auch. Und erst in der Folge hätte sich eine Infrastruktur aus Waisenhäusern und Hilfsprogrammen entwickelt, so Wolf.

Aids-Waisenkinder in Lesotho
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Aids-Waisenkinder in Lesotho

Sich selber großziehen

Damals blieben viele Kinder auf sich gestellt und hätten sich dann in Kinderhaushalten selbst organisiert, erzählt die Forscherin immer noch beeindruckt – auch nur wenig ältere Geschwister übernahmen zum Teil die Elternrolle.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 26.7., 13:55 Uhr.

Heute sind viele aus jener Generation erwachsen – die Befürchtungen, dass eine Problemgeneration heranwächst, die es nicht schaffen wird, sich in die Gesellschaft einzufügen, sind nicht wahr geworden: „Sie sind zum allergrößten Teil nicht kriminell geworden, sondern haben sich ganz normal ins Erwachsenenleben eingegliedert und haben versucht, Berufe zu erlernen.“

Es ist eine kleine Erfolgsgeschichte, dass es keine „verlorene Generation“ gibt, wenn auch viele davon sich heute eher mit Hilfsarbeiten versorgen – wie aber viele andere Menschen auch, betont Wolf. Die damaligen Aidswaisen hätten aber oft ganz andere Chancen gehabt, wenn sie Eltern gehabt oder einfach mehr Unterstützung bekommen hätten. Gesellschaft und Wirtschaft spüren die Folgen bis heute.

Unterstützung für Körper und Seele

Dass die Familienstrukturen stark betroffen waren, sagt auch die botswanische Sozialpsychologin KT Montshiwa. Sie leitet das Botswana-Programm der länderübergreifenden Jugendhilfsorganisation Sentebale, die vom britischen Prinzen Harry und dem Prinzen Seeiso aus Lesotho mitbegründet worden ist.

Die Organisation kümmert sich um die soziale Betreuung und Bildung von Jugendlichen und Kindern, die von HIV betroffen sind, entweder durch ihre Familiensituation, oder weil sie selbst HIV positiv sind - viele Aidswaisen wurden mit dem HI-Virus geboren.

In Botswana liegt der Fokus auf Beratung und sozialer Betreuung der rund 50.000 Kinder, die in dem Zwei-Millionen Land mit HIV leben. Die Kinder seien manchmal vielfach traumatisiert, erklärt Montshiwa, denn viele hätten ja Familienmitglieder verloren und leben außerdem mit dem Stigma, das der Krankheit noch immer anhaftet.

Aids-Waisenkinder in Lesotho
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Kinder in einem Camp von Sentebale in Lesotho

Wenn auch nicht mehr so stark wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren, sagt KT Montshiwa: „Früher hat man den Menschen angesehen, dass sie krank sind, die Leute sind dann oft sichtbar zurückgeschreckt. Mit modernen Medikamenten merkt man aber äußerlich oft nichts mehr. Das Stigma ist weniger geworden, aber die Scham ist immer noch da.“

Die Kinder machen sich zum Beispiel Sorgen, dass Mitschüler ihre Medikamente finden und Fragen stellen, ein Jugendlicher hätte in der Beratung erzählt, dass er sich selbst schwer tut, die Krankheit zu akzeptieren, und sich heruntermacht, bevor noch irgendjemand anderer es kann – das Selbstwertgefühl leidet unter der Infektion mit HIV.

Gemeinschaft hilft

Die Aktivitäten und Clubs, die Sentebale organisiert, helfen den Kindern auch auf einer Gefühlsebene zu verstehen, dass sie genauso sind wie andere Kinder auch. Statt ihre Zukunft schwarzzumalen und an den Tod zu denken, treffen sie andere Jugendliche, die auch HIV haben und ein normales Leben führen. Die Jüngeren sehen 12-, 15- oder 18-Jährige und verstehen, dass sie weiter gesund aufwachsen können. Und es auch bis zum Schulabschluss und guten Berufen schaffen können. „Es gibt ihnen eine andere Perspektive“, sagt Montshiwa.

Sie freut sich besonders darüber, dass sich vor einigen Monaten drei junge Leute aus dem Programm dazu entschlossen haben, sich öffentlich zu ihrem HIV-Status zu bekennen - eine davon wird nach ihrem Studium bald anfangen, bei Sentebale zu arbeiten: „Ich sage nicht, dass alle ihren Status bekannt geben sollen, aber jene, die das ohne Gefahr können, machen einen Unterschied.“

Die Kinder an eine Gemeinschaft anzubinden, sei aber auch wichtig, damit sie weiter ihre Medikamente nehmen. „Viele fühlen sich gut, sehen gesund aus, und denken sich dann ‚Alles ist in Ordnung - warum soll ich also die Medikamente weiter einnehmen?‘“, gibt KT Montshiwa zu bedenken. Die Beratung, wie man mit dem HIV-Status alltäglich lebt, soll dabei helfen, die weitere Verbreitung des Virus möglichst zu verhindern. Und die soziale Anbindung an eine Gruppe, in der es vielen ähnlich geht, macht das leichter.

Diese Jugendlichen sind eine gefährdete Gruppe, gibt KT Montshiwa zu bedenken, und man müsse sich besonders um sie kümmern, weil sie die Zukunft des Landes sind. Diese Generation der Aidswaisen und HIV-Infizierten soll mit allen Chancen aufwachsen.

Isabella Ferenci, Ö1-Wissenschaft

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