Wie sich Vögel unsichtbar machen

Die Tarnung der Nachtschwalben ist ebenso beeindruckend wie rätselhaft: Die Vögel brüten ausschließlich an solchen Stellen, wo ihr gemustertes Federkleid fast unsichtbar wird. Wie sie das herauskriegen, bleibt unklar.

Tarnkleider sind im Tierreich seit jeher in Mode, vergleichsweise einfach ist die Lösung vor einfarbigem Hintergrund: Polarfüchse und Schneehasen sind weiß, weil der arktische Schnee weiß ist. Aus dem gleichen Grund sind Grashüpfer grün, Vipern sandfarben und Quallen durchscheinend farblos.

Schwieriger wird die Aufgabe, wenn die Umgebung nicht nur einen Farbton hat, wenn Schatten und wechselnde Konturen die Tarnung erschweren. Wie man sich unter diesen Bedingungen verbirgt, macht die Nachtschwalbe vor: Sie brütet völlig ungeschützt auf dem Boden. Gefressen wird sie von ihren herumstreifenden Feinden dennoch nicht, zumindest nicht so oft, als dass es ihr Überleben gefährden würde.

Gut getarnt: Nachtschwalbe im Laub
Project Nightjar
Suchbild: Wo ist die Nachtschwalbe?

Martin Stevens von der University of Exeter hat nun die Tarnungstricks von Nachtschwalben und acht anderen bodenbrütenden Vogelarten aus Zambia genauer untersucht - und dabei eine zusätzliche Komplikation entdeckt.

Die Vögel haben nämlich im Gegensatz zu anderen Arten ein individuell gemustertes Federkleid, jeder sieht ein bisschen anderes aus als seine Artgenossen. Woraus folgt, dass die Tarnung nicht überall gleich gut funktioniert. Die Vögel müssen ihr Äußeres mit der Umgebung abstimmen. Und dazu sind sie offenbar auch imstande.

Optisch ideale Nistplätze

Stevens und seine Kollegen hatten die Nester zunächst mit einer auch im UV-Bereich empfindlichen Spezialkamera fotografiert, um die Wahrnehmung sämtlicher Vogelfeinde abzudecken. Dann berechneten sie mit Hilfe eines mathematischen Modells den „Camouflagefaktor“ der Anordnung.

Fazit: Was die Forscher in aufwändigen Berechnungen als idealen Nistplatz identifiziert hatten, fanden die Nachtschwalbe ganz ohne Computer heraus, einfach so. Ähnliches gilt für die anderen untersuchten Arten. Wie sie das hinkriegen, wissen die Forscher nicht.

„Es ist ein Mysterium“, sagt Stevens. „Die Nachtschwalben wissen offenbar wie sie aussehen und verhalten sich dementsprechend.“ Bewusstsein sei für diese Verhaltensleistung nicht nötig, betont der britische Biologe im Gespräch mit science.ORF.at. Rein genetisch gesteuert sei das Verhalten wohl auch nicht.

Erlernte Tarnung

Die Vögel lernen offenbar, wo sich ihr Federkleid besonders gut in die Umgebung einfügt. Dabei hilft ihnen auch die seitliche Stellung ihrer Augen: Vogel haben im Gegensatz zum Menschen ein sehr breites Sehfeld. Sie sehen, was hinter ihrem Kopf passiert - und wissen daher auch, wie die rückseitigen Federn aussehen.

Die von Stevens untersuchten Vögel sind indes nicht die einzigen Arten, die sich solcher Tricks bedienen. Die Ägäische Mauereidechse, beheimatet auf den Inseln Griechenlands, ruht sich etwa bevorzugt auf Steinen aus, die ihrer Hautfarbe entsprechen.

Tintenfische setzen neben farblicher Abstimmung auch auf die korrekte Körperstellung. Wie Forscher vor fünf Jahren herausgefunden haben, versuchen sich die Weichtiere sogar an Streifenmuster im Laborbecken anzupassen: durch streng parallele Armhaltung.

Robert Czepel, science.ORF.at

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