Nach 40 Jahren: „Wow!“-Signal entschlüsselt

Seit dem Jahr 1977 rätseln Astronomen über das „Wow!“-Signal - ein mysteriöses Signal, abgegeben im Bereich der Radiowellen. Stammt es von einer außerirdischen Lebensform? Nun scheint die Herkunft endlich geklärt zu sein.

15. August 1977; ein später Montagabend, wenige Stunden vor dem Tod Elvis Presleys. Am Big Ear Teleskop der Ohio State University blickt um 23:16 Uhr Jerry Ehman wieder einmal hinaus in die Nacht. Der junge Radioastronom arbeitet ehrenamtlich für das Projekt SETI, die Suche nach außerirdischer Intelligenz.

An diesem Abend sieht es erstmals so aus, als sei die Suche erfolgreich: Das Teleskop registriert einen einmaligen Ausschlag im Radiobereich, stärker als alle anderen Signale. „Wow!“, schreibt Jerry Ehman an den Rand des Ausdrucks.

Die Studie

„Hydrogen Line Observations of Cometary Spectra at 1420 Mhz“, Journal of the Washington Academy of Science (2017).

Spur führt zu Verdächtigen

40 Jahre später - der Radioastronom Antonio Paris hat sich am Zentrum für Planetenwissenschaft in Florida dieses Falls angenommen. „Ich habe mich diesem mysteriösen Phänomen aus der Perspektive eines Detektives genähert“, beschreibt der US-Wissenschaftler seine Vorgehensweise. „Irgendetwas war an jenem Sommerabend passiert – und damit hatten wir den Tatort.“

Ebenso gebe es die Beschreibung eines Tatverdächtigen: Er habe einen eindeutigen Fingerabdruck hinterlassen, und zwar auf der sogenannten Wasserstofflinie. „Wir hatten also den Tatort, wir hatten einen Verdächtigen, und während der vergangenen 40 Jahre haben Astronomen versucht, den Verursacher des Wow!-Signals dingfest zu machen.“

Einzigartiges Signal

Das Wow!-Signal ist bis heute einzigartig. Die Astronomen am Big-Ear-Teleskop konnten diesen Ausschlag bei 1.420 Megahertz nur wenige Sekunden lang aufzeichnen. “Das ist die Wellenlänge, in der auch atomarer Wasserstoff besonders stark strahlt“, erklärt der Radioastronom Rainer Mauersberger .

Man habe damals angenommen, dass die Aliens sich gerade diese Frequenz aussuchen würden, weil das einfachste Molekül des Periodensystems dort ebenfalls strahlt.

Ausdruck einer Zahlenreihe - daneben eine Notiz: "Wow!"
Big Ear Radio Observatory and North American AstroPhysical Observatory (NAAPO)
Dokument des Erstaunens: Der Ausdruck mit Jerry Ehmans Notiz.

Mauersberger hat sich am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn mit dem Wow!-Signal beschäftigt – auch mit dem Lösungsvorschlag, den sein Kollege aus den USA mit seinem detektivischen Ansatz nun anbietet.

„Ich habe einen etwas anderen Ansatz gewählt als die Astronomen vor mir“, sagt Antonio Paris. „Der Tatort war mir wichtiger als der Tatverdächtige.“ So habe der Radioastronom die Region am Himmel auf das Sternbild Schütze eingrenzen können. Danach habe er sich angesehen, wer oder was sich um kurz vor Mitternacht dort aufgehalten habe. So sei er auf zwei mutmaßliche Täter gestoßen, die beide entsprechende Signale abgegeben hätten. „Es sind zwei Kometen“, sagt der amerikanische Wissenschaftler.

War es 266P/Christensen?

Als Hauptverdächtigen hat er sich den Kometen 266P/Christensen näher angesehen. Er war erst 2006 entdeckt worden. Zum Zeitpunkt des Wow!-Signals kam er als Verursacher also noch gar nicht in Betracht. Nun aber, da er bekannt ist, konnten die Astronomen seine Bahn zurück berechnen. „Somit hätten wir also einen Angeklagten“, bilanziert Paris.

Komet am Sternenhimmel
NASA
Es war vermutlich nur ein Komet.

Der einzige Unterschied zwischen seinem Wasserstoffsignal und dem Wow!-Signal bestünde darin, dass das Wow!-Signal viel stärker gewesen sei. Der Komet dürfte vor 40 Jahren aber größer gewesen sein. Kometen bestehen vor allem aus Eis. Deswegen schmelzen sie jedesmal ein Stück, wenn sie näher und näher an die Sonne kommen.

Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch das Ö1-Mittagsjournal (12.8.2017, 12.00 Uhr).

Täter überführt, Rätsel gelöst – nach 40 Jahren. Oder? „Dagegen spricht, dass Kometen normalerweise nicht zu den stärksten Radioquellen in der Frequenz des atomaren Wasserstoffs gehören“, gibt Rainer Mauersberger zu bedenken. Dem erwidern die Astronomen vom Center for Planetary Science, dass der Komet von einer Wolke aus Sauerstoffatomen umgeben gewesen sein könnte.

Aber: Die Erde dreht sich, und umgekehrt dreht sich der Himmel über dem Radioteleskop. „Ich hätte erwartet, dass das Signal mindestens vier Minuten beobachtbar gewesen wäre“, so Mauersberger. Es waren aber nur 15 Sekunden sichtbar. „Das ist physikalisch nicht sehr plausibel.“ Das Signal war für ein quer über das Firmament wanderndes Objekt eigentlich zu kurz.

Im kommenden Jahr wollen die Amerikaner einen zweiten Kometen untersuchen, der ebenfalls als Täter in Frage kommt. Danach wird sich zeigen, ob dieser kosmische Kriminalfall zu den Akten gelegt werden kann.

Guido Meyer, science.ORF.at

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