Das Band, das alle Menschen verbindet

Die afrikanische Philosophie gilt als dunkler Kontinent des Geisteslebens. Zu Unrecht: „Ubuntu“ - ein Begriff afrikanischer Philosophie für Menschlichkeit - ist auch der Name des Betriebssystems von Linux-Computern. Das ist kein Zufall.

Der südafrikanische Bischof und politische Aktivist Desmond Tutu hat das so formuliert: „Ein Mensch mit Ubuntu ist für andere offen und zugänglich. Er oder sie hat ein stabiles Selbstwertgefühl, das in der Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen verankert ist.“

Veranstaltung

„African Philosophy in an Intercultural Perspective“ - 23rd Annual Conference of the International Society for African Philosophy and Studies; Organisatoren: Anke Graneß, Edwin Etieyibo, Thomas Hübl; Institut für Philosophie, Universität Wien, 10. - 11. Juli 2017

Ähnlich lautet die Programmatik der Linux- Betreiber, die eine Welt der frei zugänglichen und kostenlosen Software propagieren, in der das Miteinander-Teilen und die Kooperation zentrale Elemente darstellen.

Diese Parallele zwischen Computerwelt und afrikanischer Philosophie zeigt, welch durchaus aktuelle Potenziale in den vielfältigen Denkströmungen des Kontinents vorhanden sind, die von der europäischen akademischen Philosophie bisher wenig beachtet wurden. Ein Kongress am Institut für Philosophie in Wien bot die Gelegenheit, den eurozentischen Horizont zu erweitern - und Querverbindungen zwischen verschiedenen Denktraditionen aufzuspüren.

Afrikanische Philosophie - ein Schattendasein?

„Kaum einer Kunst nähert sich der Europäer dermaßen misstrauisch, wie der afrikanischen“, schrieb der Schrifsteller und Kulturtheoretiker Carl Einstein bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts; der Europäer leugne überhaupt deren Kunstcharakter und strafe die afrikanischen Artefakte mit Verachtung, heißt es weiter.

Ersetzt man „Kunst“ durch „Philosophie“, charakterisiert man damit die Abwehrhaltung zahlreicher europäischer Philosophen gegenüber einem vielschichtigen Denken, das bestenfalls als Konglomerat von Mythologie, Animismus und oralen Traditionen von verschiedenen Stämmen wahrgenommen wurde.

Philosophie wurde meist mit der europäisch-rationalen Philosophie gleichgesetzt. So schrieb etwa Edmund Husserl: „Wir verspüren es an unserem Europa, es liegt darin etwas Einzigartiges“.

René Descartes und Edmund Husserl
dpa/Public Domain
Eurozentriker: Philosophie bedeutete für Descartes und Husserl europäische Philosophie.

Das Einzigartige der europäischen Philosophie besteht in der Überzeugung, dass der Rationalismus die Welt durch wissenschaftliche Methoden und reine Erkenntnis erfassen könne.

Beispiele dafür sind René Descartes Satz „Cogito ergo sum“ und seine Beschreibung des menschlichen Vernunftgebrauchs: „Wenn man stets die notwendige Ordnung beobachtet, um das eine aus dem anderen abzuleiten, so könnte nichts so entfernt sein, dass man es nicht erreichen könne und nichts so verborgen, dass man es nicht zu entdecken vermöchte.“

Literaturhinweise

Anke Graneß: Der Ubuntu-Diskurs in Südafrika und sein Beitrag zur Gerechtigkeitsdebatte, In: Sarhan Dhouib (Hrsg.): Gerechtigkeit in transkultureller Perspektive, Velbrück Wissenschaft

Paulin J. Hountondji: Afrikanische Philosophie. Mythos und Realität, Dietz Verlag

Herta Nagl-Docekal, Franz M. Wimmer: Postkoloniales Philosophieren: Afrika, Oldenbourg Verlag

Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft. Suhrkamp Verlag

Franz Wimmer: Was ist afrikanisch an Afrika? Das Verhältnis Europa-Afrika am Beispiel der Philosophie

Sorge um die anderen

Gegen dieses restriktive Verständnis von Philosophie, das in afrikanischen philosophischen Kreisen vielfach als koloniales Herrschaftsdenken empfunden wurde, richtete sich ein Großteil der afrikanischen Philosophinnen/Philosophen.

Sie stellen nicht die Erkenntissteigerung auf wissenschaftlichem Gebiet in den Vordergrund, sondern die Sorge um den einzelnen Menschen, der in ein soziales und gesellschaftliches Umfeld eingebettet ist. Philosophie wird dann zu einem Dialog mit dem anderen.

Ursprünglich ist Ubuntu ein Begriff der Nguni-Sprache, die unter anderen von den Zulus gesprochen wird. Anke Graneß, Mitoprgnisatorin der Konferenz über afrikanische Philosophie mitorganisiert hat, verweist im Gespräch mit science.ORF.at darauf hin, dass Ubuntu als ethisches Konzept vorkolonialer afrikanischer Völker zu verstehen sei.

Ubuntu ist ein philosophisches Projekt, in dem versucht wird, die verschiedenen Lebenswelten des Menschen miteinander zu verbinden, um so die Voraussetzung für ein harmonisches Leben zu schaffen. Hinzu kommen wechselseitiger Respekt und Anerkennung, Achtung der Menschenwürde und der Glaube an ein „universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet“.

„Ich bin, weil ihr seid"

Im Gegensatz zur Ubuntu-Philosophie, in der konkrete Anweisungen für ein „gutes Leben“ innerhalb einer Gemeinschaft zu finden sind, wird dem Individuum in der europäischen Philosophietraditon ein zentraler Stellenwert eingeräumt. Es gibt aber Gegenbesipiele: Die Philosophen des amerikanischen Kommunitarismus wie Charles Taylor oder Michel Sandel teilen etwa zentrale Motive der Ubuntu-Philosophie.

Desmond Tutu
JENNIFER BRUCE / AFP
Desmond Tutu: „Ein Mensch mit Ubuntu ist für andere offen."

So stellt der Individualismus für Charles Taylor eine Illusion da, weil jeder Mensch immer schon in eine Lebenswelt eingebunden ist, die von sozialen Bindungen bestimmt wird; allein die sprachliche Kommunikation ist ohne die anderen nicht vorstellbar. Die familiäre Verwurzelung, soziale Kontakte und religiöse Erfahrungen - all das beeinflusst das Leben des Einzelnen. Das „Cogito, ergo sum“ von Descartes wird durch die Aussage der Ubuntu-Philosophie ersetzt: „Ich bin, weil ihr seid, und ihr seid, weil ich bin.“

Das Ziel heißt Konsens

Eine ähnliche Überlegung stellte Kwasi Wiredu an, der zu den bedeutendsten afrikanischen Philosophen zählt. Er sieht ebenfalls den Dialog zwischen den Menschen und die „Sorge um die anderen“ als Voraussetzung für ein harmonisches Leben an. Und bezieht sich dabei auf die Traditionen der Ashanti, in denen die Konsensentscheidung bei Beratungen oft an der Tagesordnung war.

So spricht Wiredu davon, „dass die Alten unter den großen Bäumen saßen und miteinander sprachen, bis sie sich einig waren“. Nur in der direkten Auseinandersetzung mit anderen Menschen haben wir die Möglichkeit, unsere eigenen verfestigten Meinungen zu korrigieren und zu bewirken, dass sich andere Menschen im Gespräch etwas von ihrer eigenen Position wegbewegen.

Kwasi Wiredu: „Der zentrale Begriff, der mich immer fasziniert hat, ist der Konsens, der in afrikanischen Stammeskulturen eine wichtige Rolle spielt. Er sollte auch in der Moderne ernst genommen werden.“

Verbreitung der Güte

Genau diese dialogische Philosophie, wie sie Kwasi Wiredu vertritt, wäre ein hilfreiches Mittel, der gegenwärtigen emotional geführten Diskussion um die Problematik der Integration von Flüchtlingen eine ethische Komponente zu verleihen, meint Anke Graneß im Gespräch mit science.ORF.at.

Den anderen, den Fremden im Sinne der Ubuntu-Philosophie als gleichberechtigtes Mitglied der Weltgemeinschaft anzuerkennen, wäre ein wesentlicher Schritt, den jeder/jede tun kann. Er würde dazu beitragen - so Desmond Tutu - „den Zustand der Menschheit zu verbessern“:

„What you do, what I do, affects the whole world. When you do good, it spreads that goodness; it is for the whole of humanity.“

Nikolaus Halmer, science.ORF.at

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