Umweltgift macht Schlangen schwarz

Pazifische Seeschlangen reagieren auf die zunehmende Verschmutzung der Meere mit stärkerer Pigmentierung. Die dunkle Haut hilft ihnen bei der Entgiftung des Körpers. Den gleichen Trick nutzen auch andere Tierarten - zum Beispiel Tauben.

„Industriemelanismus“ nennen Biologen die „Verdunkelung“ von Tierarten in stark verschmutzten Regionen. Klassisch ist das Beispiel des Birkenspanners: Von diesem Schmetterling gibt es zwei Varianten, eine hellgrau gepunktete und eine schwarze. Normalerweise ist erstere besser getarnt und daher auch häufiger.

Doch im 19. Jahrhundert fiel einigen Naturforschern auf, dass sich in Bezirken Nordenglands das Verhältnis umgekehrt hatte, in den Industriegebieten in und um Manchester waren die meisten Falter dunkel.

Aufstieg der dunklen Tiere

Die Ursache dafür war schnell gefunden: Durch die Luftverschmutzung waren die Flechten an den Baumstämmen verschwunden - und mit ihnen auch der passende Hintergrund für das Tarnkleid der hellen Birkenspanner. Ab den 1960er Jahren gewann mit zunehmender Luftqualität wieder die helle Variante die Oberhand.

Der zwischenzeitliche Aufstieg der dunklen Birkenspanner gilt als das Lehrbuchbeispiel für die richtende Kraft der Selektion, wenngleich es keineswegs unumstritten ist: Die frühen Darwinisten hatten nämlich bei ihren Experimenten mit den Faltern die Komplikationen der Ökologie zu großzügig ausgeblendet und damit für teils hitzige Debatten gesorgt, die erst vor ein paar Jahren beigelegt wurden.

Seeschlange "Emydocephalus annulatus" zwischen Korallen
Claire Goiran
„Emydocephalus annulatus“ - quasi der Birkenspanner der Meere.

Ein interessantes Zusatzkapitel zur Birkenspanner-Story liefert nun Rick Shine. Der australische Biologe hat in den Buchten Neukaledoniens nämlich etwas ganz Ähnliches beobachtet. Ihm fiel bei seinen Tauchgängen in der Nähe der Stadt Nouméa auf, dass in manchen Populationen der Seeschlange „Emydocephalus annulatus“ die schwarz-weiß gefärbte Variante dominiert, in anderen wiederum die einfarbig schwarze.

Pigment hilft bei Entgiftung

Als Shine der Sache auf den Grund ging, zeigte sich ebenfalls ein Zusammenhang mit der Umwelt: Die dunklen Schlangen hatten sich vor allem in industriellen Regionen Neukaledoniens ausgebreitet. Nur war in diesem Fall nicht die Tarnung der Grund, sondern die Entgiftung.

Wie Shine im Fachblatt „Current Biology“ berichtet, speichern die Schlangen in ihrer Haut Arsen und Zink und entledigen sich dieser Elemente bei anschließenden Häutungen. Dieser Mechanismus funktioniert besser, wenn die Haut dunkel ist, denn das eingelagerte Melanin unterstützt offenbar die Speicherung von Giftstoffen.

Auch Tauben tun es

Wie der dänische Reptilienspezialist Ame Rasmussen gegenüber dem Fachblatt „Nature“ hinweist, könnte auch die Temperatur für die lokale Verbreitung der dunklen Schlangen verantwortlich sein. Das lässt Shine gelten - allerdings nur für Landschlangen. Im Wasser indes biete Schwarz keinen Vorteil bei der Aufrechterhaltung der Körpertemperatur, sagt Shine. Und bleibt bei seiner Interpretation.

Für seinen Standpunkt spricht eine Studie, die vor drei Jahren in Paris durchgeführt wurde. Da hatten Forscher festgestellt, dass auch Tauben in ihren Federn Zink und andere Giftstoffe speichern, vorzugsweise in den stärker pigmentierten Federn. Dunkle Tauben, so lautete die damalige Conclusio, haben bei schlechter Luft Vorteile. Sie sind an den Groß­stadt­dschun­gel besser angepasst.

Robert Czepel, science.ORF.at

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