Wie Fabelwesen unsere Welt verändern

Sagenumwobene Lebewesen lassen einen nicht nur in andere Welten eintauchen, sie sind sogar dazu in der Lage, die echte Welt zu verändern. Forscher haben jetzt untersucht, wie sich der Glaube an magische Wesen auf die Realität auswirkt.

Fabeltiere müssen nicht immer gänzlich fiktiv sein: Neben Lindwurm, Basilisk und Co. gibt es auch ganz reale Tiere, denen unglaubliche Eigenschaften zugeschrieben werden, etwa der Glück bringende Marienkäfer und sein Gegenstück, die Pech bringende schwarze Katze.

Was zunächst ganz harmlos erscheint, kann aber enorme Folgen haben. Die Forscher um George Holmes von der Universität Leeds haben sich genauer mit dem Glauben an solche Wesen befasst. Sie haben untersucht, wie er sich auf die Tierwelt auswirkt.

Das mystische Madagaskar

In Madagaskar ist der Glaube an magische Tiere weit verbreitet. Er ist dort mit diversen Tabus -„Fadys“ genannt – verbunden. Viele von ihnen verbieten es, bestimmten Tieren Leid zuzufügen. Das wirkt sich auch auf das typische Jagdverhalten der Madagassen aus. Denn Buschfleisch steht hier vergleichsweise selten auf dem Speiseplan.

Eines der wichtigsten Tabus befasst sich mit der Geochelone radiata, einer vom Aussterben bedrohten Schildkrötenart. Sie darf unter keinen Umständen verletzt werden. In manchen Gebieten ist es sogar verboten, sie nur zu berühren.

Junges Fingertier im Zoo
AP Photo/Bristol Zoo Gardens
Junges Fingertier im Zoo

Die Fadys haben für manche Tiere aber auch negative Konsequenzen. So etwa beim Fingertier. In manchen Regionen schleicht es - dem Glauben nach - nachts in Häuser und durchtrennt mit Hilfe seines langen Mittelfingers die Aorta der Schlafenden. Um dem Unheil vorzubeugen, müsse man es töten und an einem Straßenpfosten anbringen. Naturschützer sehen das heute als eine der größten Bedrohungen für die ohnehin schon stark gefährdeten Tiere.

Weltweit verbreitet

Wer aber glaubt, dass man den Glauben an mythischen Lebewesen nur in „traditionellen“ Kulturen vorfindet, der irrt gewaltig:

In Island wurde 2013 der Bau einer Autobahn gestoppt. Der Grund dafür: Das Gebiet in dem sie gebaut werden sollte, gilt als Heimat der „Huldufólk“ (einer Elfenart).

Ein weiteres Paradebeispiel ist das Ungeheuer von Loch Ness. Bis heute zieht es Touristenschwärme aus aller Welt zum See: Alleine 2015 besuchten ihn über 350.000 Leute. Die Tourismuseinnahmen fließen zum Teil direkt in den Schutz des Gebiets.

Holmes und seine Kollegen nennen in ihrem Artikel aber auch noch viele andere Beispiele. Wie etwa die walisischen Drachen (England), Storsjöodjuret, das Seeungeheuer (Schweden), Trolle (Dänemark) und das Monster im Kanasi-See (China).

Blick in die Fantasiewelt riskieren

Was im ersten Augenblick vielleicht zum Schmunzeln anregt, ist für viele Tierarten lebensrettend. Fabelwesen wie die Huldufólk und das Monster von Loch Ness wirken wie Schutzschirme für andere Lebewesen. Denn durch sie wird ihr Lebensraum langfristig gesichert.

Ähnlich wie das Fingertier sind aber noch viele andere Tiere durch Aberglauben stark bedroht. „Derzeit können wir Tiere, die unter solchen Glaubensvorstellungen leiden, nicht richtig schützen“, erklärt Holmes in einer Aussendung.

Die Forscher wollen Naturschützer mit ihrem Artikel dazu animieren, Fabelwesen nicht länger als bloß irrational anzusehen oder gar zu ignorieren. Sie seien ein fixer Bestandteil des Glaubens- und Kultursystems.

Anita Zolles, science.ORF.at

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