Baudelaire: Vater der modernen Lyrik

Vor 150 Jahren, am 31. August 1867, ist der französische Dichter Charles Baudelaire gestorben. Seine „Blumen des Bösen“ - ein Panorama des Hässlichen in poetischer Form - brachten ihn einst vor Gericht. Heute gilt er als Vater der europäischen Lyrik der Moderne.

Bettler, Obdachlosen, Lumpensammler oder der Prostituierten - drastisch schildert Charles Baudelaire das trostlose Großstadtleben von Paris in seiner Gedichtsammlung „Les Fleurs du Mal“ - „Die Blumen des Bösen“. Sich selbst sah der Autor durchaus als Teil. Gleichzeitig verspürte er eine Sehnsucht, aus diesem „Aufenthalt des ewigen Ekels“ auszubrechen.

In dem 1857 erschienenen Werk konfrontiert Baudelaire den Leser mit Obsessionen, die den zeitgenössischen Moralstandards nicht entsprachen. Wegen der Verhöhnung der öffentlichen Moral und Verletzung des Schamgefühls gab es einen Gerichtsprozess, der mit einer Geldstrafe endete.

Anmerkungen Baudelaires in seinem berühmten Buch "Les Fleurs du Mal"
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Anmerkungen Baudelaires in „Les Fleurs du Mal“

Zwischen Lust und Entrückung

Die Gedichtsammlung geht von einer existenziellen Grundposition aus, die Baudelaire so beschreibt: „Jeder Mensch wird zu jeder Stunde gleichzeitig von zwei Forderungen bewegt. Die eine führt ihn hin zu Gott. Die Anrufung Gottes oder das Streben des Geistes ist die Sehnsucht des Emporsteigens, die Anrufung Satans oder die tierische Lust ist die Wonne des Hinabsteigens“. Diese Spannung zwischen dem Spirituellen, Idealen und dem Sinnlichen, Materiellen, das Baudelaire mit dem Satanischen gleichsetzte, bestimmte sowohl seine psychische Disposition als auch sein literarisches Werk.

Immer wieder bezieht sich Baudelaire in den „Blumen des Bösen“ auf diese Ambivalenz, wobei er beklagt, dass er immer wieder den Verlockungen Satans folge, die Niederungen der menschlichen Existenz aufsuche und sich dem Rausch des Sinnlichen überlasse. Sein Ziel, sich wie Ikarus den Sphären des Absoluten anzunähern, rückt dadurch in weite Ferne; das Gefühl des Versagens stellte sich ein, die zu einer tiefgreifenden Melancholie führte, die er als „Spleen“ (Wort mit engl. Wurzeln) bezeichnete.

Porträt von Charles Baudelaire
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Biographie und Literatur

Geboren wurde Charles Baudelaire am 9. April 1821 in Paris. Entgegen den Wünschen seiner Familie entschloss er sich, Schriftsteller zu werden und verkehrte zunehmend in den Kreisen der Pariser Boheme. Ab den späten 1840er Jahren veröffentlichte er Gedichte, Kurzprosa und Kommentare. Ein erhebliches väterliches Erbe ermöglichte ihm das ausschweifende Leben eines extravaganten Dandys. In der Folge wurde ihm ein Vormund zur Seite gestellt, der ihm eine geringfügige Rente auszahlte. Völlig verarmt verstarb der vermeintliche „Prinz auf der auf der Wolken Thron“ am 31. August 1867.

Literaturhinweise:

Charles Baudelaire: Sämtliche Werke und Briefe in acht Bänden, Carl Hanser Verlag
Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal/Die Blumen des Bösen, übersetzt von Simon Werle, Rowohlt Verlag

Sekundärliteratur (Auswahl):

Walter Benjamin: Charles Baudelaire, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 47
Karl Heinz Bohrer: Der Abschied. Theorie der Trauer. Baudelaire, Goethe, Nietzsche, Benjamin, Suhrkamp Verlag
Roberto Calasso: Der Traum Baudelaires, Carl Hanser Verlag
Robert Kopp/Georges Poulet: Wer war Baudelaire?, Albert Skira Verlag, antiquarisch erhältlich

Jean-Paul Sartre. Baudelaire. Ein Essay, rororo Band 4225

Jean-Paul Sartre zu Baudelaire

Diese quälende Melancholie war mit einer zunehmenden Vereinsamung und sozialer Isolation verbunden. Die leidvolle Existenz des Dichters, der - von der Menge unverstanden und verachtet - sein Leben unbedankt der Kunst widmet - das war Baudelaires Sichtweise auf seine Existenz. Dagegen wendet sich Jean-Paul Sartre in seiner Studie „Baudelaire“, in der er sich hauptsächlich auf die Tagebucheintragungen und Briefe des Dichters beruft.

Ö1-Sendungshinweise:

Dimensionen zum 150. Todestag von Charles Baudelaire: "Der Dichter des Dämonischen und "Dandy, Flaneur und Kunstkritiker, 30. und 31. 8, 19:05 Uhr

Sartre erhebt darin den Vorwurf, dass Baudelaire seine Rolle als ausgestoßener, verfemter „poéte maudit“ sehr wohl genossen habe. Er widerspricht auch der Auffassung verschiedener Interpreten, dass Baudelaire „nicht das Leben hatte, das er verdiente“.

In seinen Ausführungen bezieht sich Sartre auf den zentralen Gedanken seines Werks „Das Sein und das Nichts“, den der in Berlin lebende Übersetzer und Präsident der Sartre-Gesellschaft Vincent von Wroblewsky im Gespräch mit science.ORF.at erläutert: „Das Sein, wie es Sartre darlegte, ist das abgeschlossene, parmenidische Sein; es bewegt sich nicht, es ist unveränderlich und die Existenz, das ist das Vorwegsein, das Nichtsein, der man ist, die Nicht-Identität mit sich. Und zwischen diesen beiden Polen schwankt Baudelaire.“

Baudelaire heute: Fresko im Pariser Vorort Chanteloup-les-Vignes neben seinem jüngeren Dichterkollegen Arthur Rimbaud
AFP - Joel Saget
Baudelaire heute: Fresko im Pariser Vorort Chanteloup-les-Vignes neben seinem jüngeren Dichterkollegen Arthur Rimbaud (li.)

Baudelaire-Interpretationen

Vincent von Wroblewsky war einer der Teilnehmer des Workshops „Baudelaire-Sartre-Benjamin“, den die Philosophin Violetta Waibel am Institut für Philosophie in Wien organisierte. Sie lese Baudelaire nicht als philosophischen Dichter, wie etwa Novalis oder Friedrich Hölderlin. Das schließe jedoch nicht aus, diejenigen Baudelaire-Interpretationen von Philosophen und Literaturwissenschaftlern wie Jean-Paul Sartre oder Walter Benjamin zu diskutieren.

Baudelaires „Urwahl“ (le choix originel“) habe bereits in seiner Kindheit stattgefunden, erklärt Vincent von Wroblewsky. Er verlor bereits im Alter von fünf Jahren seinen Vater. Für seine Mutter empfand er „eine leidenschaftliche Liebe“, die vorerst „durch die mütterliche Zärtlichkeiten“ erwidert wurde. Dieses Gefühl der Geborgenheit währte nicht lange. Bereits zwei Jahre nach dem Tod des Vaters erfolgte die Heirat mit dem Major Aupick, der für Baudelaire die Verkörperung des autoritären, unzugänglichen Patriarchen darstellte.

Die Heirat mit dem verhassten Stiefvater war für Baudelaire der entscheidende Bruch in seinem Leben; ab nun dominierte „das Gefühl der Einsamkeit“. Diesen „Riss im Sein“ - so Sartre - habe Baudelaire als Legitimation für sein grundlegendes Gefühl der Melancholie angesehen. Die sei auch verantwortlich für seine Passivität, „seine Prokrastination“, die sich in seiner Überzeugung ausdrückte, „dass ich sterben werde, ohne aus meinem Leben etwas gemacht zu haben“.

Carole Lenfant, Kuratorin am Cite de l'Architecture Museum in Paris, blickt bei einer Ausstellung 2013 auf ein lange verschollenes Selbstporträt Baudelaires
REUTERS/Jacky Naegelen
Carole Lenfant, Kuratorin am Cite de l’Architecture Museum in Paris, blickt bei einer Ausstellung 2013 auf ein lange verschollenes Selbstporträt Baudelaires

„Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus“

Einen gänzlich anderen Interpretationsansatz als Sartre entfaltete der Philosoph und Literaturwissenschaftler Walter Benjamin, der von 1892 bis 1940 lebte. Er bezeichnet Baudelaire als „einen Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus“ und stilisiert ihn zum „Agenten der geheimen Unzufriedenheit mit der bürgerlichen Klasse“. In ihrem Bestreben, einen immer höheren materiellen Wohlstand zu erreichen, habe die Bourgeoisie nach Ansicht von Baudelaire das eigene Selbst und die Seele verloren.

Für Benjamin war Baudelaire ein deklassierter Intellektueller, der ein regelloses Leben am Rande der Gesellschaft fristete, voll Wut gegen die herrschende Gesellschaftsordnung. Die extremen sozialen Gegensätze der zeitgenössischen Gesellschaft schildert Baudelaire in seinen Gedichten, z.B. in „Abel und Kain“, ein Panorama der verelendeten Schichten:

O Sippe Abels, speise, trink und schlafe:
Mit Wohlgefallen lächelt Gott dir zu.
O Sippe Kains, im Straßenkot zur Strafe
Krieche umher und stirb im Elend du
O Sippe Abels, siehe satt sich weiden
Dein Vieh, erblühen der Saaten Grund.
O Sippe Kains, aus deinen Eingeweiden
Schreit Hunger wie ein greiser Hund.

Sehnsucht nach dem Absoluten

Was Baudelaire Zeit seines Lebens antrieb, war die Sehnsucht nach dem Absoluten, nach einer Grenzüberschreitung, die es ermöglicht, den „kranken Dünsten des Hospitals der Welt“ zu entfliehen und in Bereiche des Unendlichen aufzubrechen, in denen “Feste der Phantasien“ gefeiert werden. Baudelaire war sich des illusionären Charakters dieser Flucht bewusst. Als letzter Ausweg blieb der Tod, „die göttliche Ruhe“, „das einzige wahre Ziel des verabscheuungswürdigen Lebens“.

Zitat:

Ich sehne mich nach absoluter Ruhe und nach einer immer währenden Nacht. Mich, der ich die wahnwitzige Wollust besungen, dürstet es nach einem auf Erden unbekannten Trank; nach einem Likör, der weder Lebenskraft noch das Nichts enthielte.

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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